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Kultur

Street Fashion: Laufsteg des Alltags

Wer wissen will, welcher Kleidungsstil gerade schick ist, muss gar nicht zahllose Magazine durchforsten. Denn die Mode liegt förmlich auf der Straße, sagt Modefotografin und Bloggerin Katja Hentschel.

Modefotografin und Bloggerin Katja Hentschel auf Streifzug durch Berlin Mitte auf der Suche nach modisch gekleideten Berlinern (Foto: Nadine Wojcik/ DW)

Stets den Finger am Auslöser

Das Mädchen mit dem Minirock und dem etwas zu großen Jackett versucht gerade sich einen möglichst schneematschfreien Weg auf die andere Straßenseite zu bahnen, als Katja Hentschel sie mitten auf der Straße abstoppt. "Hey, ich fotografiere gerade Street Fashion, kann ich ein Foto von Dir machen?" Schüchtern nickt die 17-Jährige und murmelt ein kaum hörbares "Okay".

Katja stellt das Mädchen mitten zwischen die Straßenbahngleise und knipst gleich los. "Lächele mal ein bisschen", bittet sie freundlich, aber kurz angebunden ihr Fotomodell auf Zeit.

Spontanes Fotoshooting auf Berlins Straßen

Sandra stellt sich gerne der Fotografin zum Shooting auf Berlins Straßen (Foto: Katja Hentschel)

Sandra stellt sich

Keine drei Minuten dauert diese Foto-Session. Warum Katja ausgerechnet die 17-jährige Sandra zum spontanen Shooting bittet? "Sie hat so einen skandinavischen Look", erklärt Modefotografin Katja ihre Wahl. "Haare im Dutt, ein so genannter Boyfriend Blazer, ein lockerer Schal, eine Vintage-Brosche und ein Minirock. Das ist zwar nichts komplett Neues, sieht aber gut aus."

Sandra fühlt sich geschmeichelt und wird ein bisschen rot. Sie ist gerade auf dem Weg in ein Café. Mode sei ihr natürlich wichtig, sagt sie. Auch wenn sie nicht lange suchen müsse, um den richtigen Look zu finden: "Ich nehme einfach die Sachen aus dem Kleiderschrank meiner Mutter. So was ist ja zurzeit modern."

Eine halbe Stunde lang war Street Fashion Fotografin Katja Hentschel durch Berlins Szenebezirk Prenzlauer Berg gestreift, bis sie endlich Sandra erspähte. "An manchen Tagen finde ich gar keine interessante Mode und an anderen wiederum laufen mir innerhalb von wenigen Minuten gleich fünf gut oder auffallend gekleidete Menschen über den Weg."

Schmuddelwetter vertreibt Schick und Stil

Katja Hentschel fotografiert spontan einen Passanten auf einer vielbefahrenen Straße in Berlin Mitte (Foto: Nadine Wojcik/ DW)

...das passt!

Das Berliner Januarwetter mit Minusgraden und schneematschigen Straßen lädt nicht gerade zu diesen ergebnisoffenen Foto-Streifzügen ein. "Im Winter ist es wirklich schwieriger. Bei diesem Schmuddelwetter haben die Leute einfach keine Lust was Schönes anzuziehen oder gar Haut zu zeigen."

Katja trägt an diesem Nachmittag eine einfache Jeans, dunkelgrün-farbene halbhohe Lederstiefel, eine Pelzjacke mit einem hellbraunen Ledergürtel und eine rote Pudelmütze. "Nichts besonderes", nickt sie ihr eigenes Outfit ab, dabei hebt sie sich schon allein aufgrund ihrer knallroten Mütze deutlich von dem tristen Einheitsschwarz der meisten Berliner ab. "Normaler Weise sieht man mich nicht so schlicht gekleidet", entschuldigt sie ihr Outfit.

Attraktive Männer mit Allüren

Ein paar Straßenkreuzungen weiter tritt gerade ein junger, attraktiver Mann aus einem Kopier-Laden auf die Straße. Die Jeans, lässig in die halboffenen Schnürstiefel gesteckte – laut Katja ein derzeitiges Schuh-Muss auf Berlins Straßen – fällt der Modefotografin gleich auf. Sie hält den Mann an, doch er winkt nur kurz ab – kein Interesse. "Das passiert schon hin und wieder", sagt die 27-Jährige. "Besonders gut aussehende Männer, so wie er, fühlen sich manchmal zu männlich für so was. Aber dann klimpere ich meistens etwas mit den Wimpern, davon lassen sie sich manchmal weich klopfen."

Für ihre Modefotos hat Katja keine langen Wege. Sie fällt praktisch aus der Haustür ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg auf die Straße, biegt einmal rechts ab und hat auch schon Berlins Laufsteg erreicht – die Kastanienallee. "Intern auch Casting-Allee genannt", lacht sie. Die Straße mit den vielen Cafés, Klamottenläden und Ladenbüros für junge Selbständige aller Art ist die Vorzeigemeile und Sinnbild für den Szenebezirk Prenzlauer Berg. "Hier finde ich eigentlich immer gute Mode. Auch weil hier viele Touristen unterwegs sind – Schweden und Engländer zum Beispiel, die sind schon von Natur aus immer gut gekleidet."

Lebenslauf wie eine einzige große Party

Katja Hentschel kontrolliert die gerade geknippsten Fotos im Monitor (Foto: Nadine Wojcik/ DW)

Kontrolle ist wichtig

Die Deutschen, findet Katja, seien zwar modebewusst, legen aber auch viel Wert auf Bequemlichkeit und verzichten dafür eher auf Schickes oder Ausgefallenes. Woher sie diese Vergleiche ziehen kann? Katjas Lebenslauf liest sich wie eine einzige große Party: Kellnern in San Fransisco, Spanisch Lernen in Barcelona, zum Psychologie-Studium nach Paris, Feiern zwischen Berlin und New York, Master dann in London.

Irgendwo zwischendrin hat die heute 27-Jährige eine Kamera in die Hand gekriegt. Aus den anfänglichen Schnappschüssen und Partyfotos wurde schließlich ein Beruf aus Leidenschaft und Überzeugung: "Ich finde es ungemein spannend, die derzeitige Realität zu dokumentieren. Was ziehen Leute in 2010 an? Ich finde solche Fotos haben einen echten Wert, weil sie nicht gestellt sind."

glamcanyon.com – nicht nur was für Blogger

Fast täglich lädt Katja Hentschel eins ihrer Street-Fashion-Fotos in ihren Blog. GLAMCANYON.COM, wie der Grand Canyon, nur mit Glamour-Faktor. Bis zu 4.000 Besucher schauen sich Katjas Blog täglich an. Doch nicht nur Mode-Fans klicken sich durch ihre Seiten. Auch Redakteure und Modemacher sind schon auf ihren Blog aufmerksam geworden, den Katja seit 2007 mit Fotos bestückt. Und manch einer hat sie daraufhin sogar schon als professionelle Modefotografin gebucht.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Conny Paul

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