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Europa

Strategiewechsel der PKK?

Noch ist nicht eindeutig geklärt, wer hinter dem Bus-Anschlag im türkischen Touristenort Kusadasi steckt. Aber vieles spricht für eine Verstrickung der kurdischen PKK in den Terrorakt.

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Weiter Mastermind der PKK: Abdullah Öcalan

Nach fünf Jahren Pause erklärte die Separatistenorganisation im Juni vergangenen Jahres die Waffenruhe im Kampf gegen die türkische Regierung für beendet. Seitdem kam es wieder zu Anschlägen wie in den vergangenen Tagen in den Urlaubsorten Kusadsi und Cesme und zuvor schon auf Zugverbindungen im Südosten der Türkei und auf Hotels in Istanbul.

Zwar stehen die Urheber der Anschläge noch nicht fest, Experten vermuten dahinter jedoch die kurdischen Separatisten. "Die PKK steckt in einer Zwickmühle", sagt Heinz Kramer, Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Partei um ihren inhaftierten Führer Abdullah Öcalan habe durch die Fortschritte der türkischen Regierung in der Menschenrechtsfrage und der Normalisierung der Situation im kurdischen Nordirak deutlich an Einfluss verloren. Deshalb habe sie als letztes Mittel im vergangenen Jahr den Kampf wieder aufgenommen.

PKK in der Zwickmühle

Bombenanschlag in der Türkei

Anschlag mit fünf Toten in Kusadasi

Die PKK habe es nie für möglich gehalten, dass die türkische Regierung sich in Menschenrechtsfragen tatsächlich bewegt, sagt Hüseyin Bagci, der sich an der Middle East Technical University in Ankara mit Sicherheitsfragen befasst. "Jetzt ist die PKK aufgeschreckt und ratlos, was sie tun soll."

Die Strategie der PKK zielt den Experten zufolge auf das türkische Militär: Die Separatisten versuchten ganz bewusst, die Hardliner herauszufordern und durch Anschläge so lange zu provozieren bis das Militär mit aller Gewalt und unter Missachtung der Menschenrechte zurückschlägt. "Die PKK will erreichen, dass die Fortschritte, die in der Menschenrechtsfrage in den vergangenen drei Jahren erreicht wurden, wieder zurückgedreht werden", betont Türkei-Fachmann Kramer.

Terror statt militärischer Kampf

Türkische Soldaten im Irak, 1995

Türkische Soldaten beim Einsatz gegen kurdische Separatisten im Jahr 1995

Der Kampf der PKK gegen den türkischen Staat geht zwar wie vor der Waffenruhe weiter. Neu ist jedoch die Strategie der Organisation: Verstanden sich die Separatisten seit Beginn des bewaffneten Konflikts 1984 bis zur Waffenruhe 1999 als militärische Einheit, so tragen die jüngsten Anschläge die Zeichen des Terrorismus. "Die Art der Anschläge der PKK ist gar nicht mehr so anders, wie das, was täglich im Irak stattfindet", sagt Kramer. "Noch gibt es keine Selbstmordattentäter der PKK, aber ferngezündete Bomben in Bussen oder vor Polizeistationen sind ja auch im Irak Alltag." Der Terror wird in die Städte getragen, die Opfer sind vor allem Zivilisten und nicht Militärs.

Im Gegensatz zu früher ist die PKK jetzt technologisch in der Lage, diese Art von Terrorismus auszuführen, weil sie sich zum Ende der Saddam-Herrschaft im Nordirak in großem Stil mit Sprengstoff und Waffen eindecken konnte. Statt dem klassischen Kampf gegen die türkische Armee, setzt man nun auf Fernzünder mit wenig Risiko für die Attentäter.

Terroristen oder Freiheitskämpfer

Dieser Strategiewechsel könnte jedoch bisherige Sympathisanten der PKK abschrecken, sagt Kramer. "Die PKK verfügt in Teilen der europäischen Öffentlichkeit noch immer über einen gewissen Freiheitskämpfer-Nimbus, den sie in der Vergangenheit für Spendensammlungen und Unterstützung nutzen konnte. Wenn es jedoch zu weiteren Anschlägen dieser Art kommt, werden sie auch in diesen Kreisen nur noch als Terroristen behandelt."

Die Verstrickung der PKK in die Anschläge halten Kramer und Bagci für ebenso wahrscheinlich wie weitere Anschläge. Inwieweit die PKK-Führung in Details der Planung einbezogen wird, bleibt jedoch unklar. "Öcalan ist weiterhin das "Mastermind" der PKK, aber es gibt möglicherweise verschiedene außer Kontrolle geratene Splittergruppen", sagt Bagci.

Ausstattung der Sicherheitskräfte

Während Bagci zuversichtlich ist, dass sich das türkische Militär nicht zu unüberlegten Gegenschlägen provozieren lässt, verweist Kramer auf die mangelnde Ausstattung der türkischen Sicherheitskräfte. Das türkische Militär sei für den direkten Kampf gegen die PKK ausgebildet. Aber die Türkei verfüge schlicht nicht über die sicherheits- und polizeitechnische Ausstattung, um auf diese Art von neuem Terrorismus zu antworten. "Was die britischen Sicherheitskräfte in den Tagen nach den Anschlägen in London geleistet haben, ist in der Türkei nicht möglich", sagt Kramer.

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