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Politik & Gesellschaft

Strategie gegen Antisemitismus fehlt

Eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission hat die "tiefe Verwurzelung von klischeehaften Judenbildern" in der deutschen Gesellschaft festgestellt. Diffamierung gehöre für Juden zum "Erfahrungshorizont".

Schmierereien an einer Jüdischen Schule in Berlin (Foto: AP)

Antisemitische Schmierereien an einer Jüdischen Schule in Berlin

Jugendliche benutzten das Wort "Jude" heute wie in normales Schimpfwort, obwohl das Objekt der Beschimpfung gar kein Jude sei. Und der Ausruf "Du gehörst nach Auschwitz" sei eine gängige Beleidigung. So berichtet es ein von der Bundesregierung eingesetztes Expertengremium an den Bundestag. Die Wissenschaftler sollen auf Wunsch des Parlaments künftig regelmäßig über den Antisemitismus in Deutschland Auskunft geben.

Eine Erkenntnis ihres ersten Reports lautet: Ob in privater Runde, in der Kneipe, auf dem Schulhof, im Fußballstadion oder im Internetblog - die alltägliche Diffamierung sei "fester Bestandteil des Erfahrungshorizonts der in Deutschland lebenden Juden". Obwohl offiziell aus der politischen Kultur des demokratischen Deutschlands verbannt, sei der Antisemitimus überaus gegenwärtig: Etwa 20 Prozent der Bevölkerung seien latent antisemitisch eingestellt.

Jeder Fünfte ist "latent antisemitisch"

Das Gremium, zu dem unter anderem der Londoner Historiker Peter Longerich und der Leiter der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien, Johannes Heil, gehören, stützt sich auch auf mehrere demoskopische Untersuchungen der vergangenen Jahre.

Kahlköpfiger Rechtsextremist (Foto: dpa)

Rechtsextrem: NPD-Anhänger

Bedeutendester Träger des Antisemitismus sei nach wie vor das rechtsextremistische Lager, auf dessen Konto laut offizieller Polizeistatistik auch 90 Prozent der Straftaten gehen. Dazu gehören vor allem volksverhetzende Äußerungen, Friedhofsschändungen und Leugnen des Holocaust sowie eine eher geringe Zahl von antisemitisch motivierten Körperverletzungen. Die Experten weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der "mitunter in den Medien erweckte Eindruck", Arabischstämmige oder Muslime verübten einen großen Teil der antisemitischen Übergriffe, nicht stimme.

Zwar stelle sich vor dem Hintergrund des andauernden Nahostkonflikts die "Frage einer besonderen Disposition dieser Bevölkerungsgruppe für antisemitische Propaganda", jedoch fehlten bisher zuverlässige wissenschaftliche Befunde.

Lehrpläne hinken der Zeit hinterher

Die Experten kritisieren die staatliche Bildungspolitik, weil es nicht ausreiche, in den Schulen die Judenverfolgung in der NS-Zeit und die daraus abgeleitete "besondere Verantwortung Deutschlands für Israel" zu behandeln.

Spieler der Fußball-Mannschaft TuS Makkabi Berlin (Foto: dpa)

Gezielt angefeindet: Jüdischer Fußballclub in Berlin

Vielmehr müsse man sich stärker mit aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus auseinandersetzen, die mit dem Nahostkonflikt, dem Islamismus oder der Finanzkrise zusammenhängen.

Diese neuen Inhalte erklärten auch, warum der Antisemitismus in Deutschland nicht mehr - wie noch bis in die 70er Jahre hinein - kontinuierlich weiter abnehme. Denn hinter jenem Trend stand noch das Aussterben der älteren - und noch direkt vom Nationalsozialismus geprägten - Generationen.

Besorgnis errege auch die Flut von antisemitischen Texten und Videos im Internet, die kaum zu stoppen sei.

Anstrengungen, aber keine Strategie

Brennender Einkaufswagen auf dem Römerberg in Frankfurt am Main (Foto: dpa)

Die Suche nach einem Sündenbock...

Der Bericht sieht die Gefahr, dass sich mit der Kritik am internationalen Finanzsystem auch wieder alte antisemitische Klischees vom "geldgierigen Juden" und von "jüdischen Verschwörungen" ausbreiteten.

So hatte schon 2009 in einer Studie der Universität Bielefeld jeder Fünfte die Frage bejaht, ob die Juden zu viel Einfluss in der Finanzwelt hätten. Die Ansicht, dass die Juden noch heute versuchten, aus der Vergangenheit des "Dritten Reiches" Vorteil zu ziehen, teilten sogar 40 Prozent der Befragten.

Obwohl die Experten vielfältige Anstrengungen in der Gesellschaft registrieren, kommen sie zu dem Schluss, dass es bisher keine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland gebe. Zwar liege das Land im europäischen Mittelfeld, was den statistisch erfassbaren Antisemitismus betreffe. Das jedoch nur deshalb, weil Länder wie Polen, Ungarn oder Portugal extrem hohe Werte hätten.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Hartmut Lüning

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