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Politik

Strahlende Fracht für Russland

Nachdem der Castor in Gorleben angekommen ist, macht ein weiterer geplanter Atomtransport in Deutschland von sich reden. 951 abgebrannte Brennstäbe sollen aus dem Zwischenlager Ahaus nach Russland gebracht werden.

Symbolbild Atommüll (Foto: AP)

Der Export von Atommüll ist laut deutschem Gesetz nur erlaubt, wenn er im Zielland sicher entsorgt wird. In der Vergangenheit wurde bereits mehrmals Atommüll nach Russland geliefert. Bis 2009 wurde regelmäßig Uranhexafluorid, kurz UF6, aus der deutschen Brennstäbe-Aufbereitungsanlage Gronau in die russische Föderation exportiert. UF6 ist ein Abfallprodukt, das bei der Anreicherung von Uran entsteht, es ist nur schwach radioaktiv. Um die komplizierte Frage der sicheren Endlagerung zu umgehen, griffen die Atomfirmen zu einem einfachen Trick. Sie deklarierten das Material als Wertstoff, der in Russland aufbereitet werden soll. Die Lieferungen wurden 2009 eingestellt, auch weil es heftige Proteste von Atomkraftgegnern gab.

Nun soll wieder Atommüll nach Russland geliefert werden. "Hier haben wir es mit etwas anderen zu tun", sagt Tobias Münchmeyer von Greenpeace. "Das ist eine höchst gefährliche Fracht."

Atomforschungszentrum Majak

Das Atomzentrum Majak im Ural (Foto: http://www.usace.army.mil;unbekannte Quelle)

Das russische Atomzentrum Majak im Ural

Die Rede ist von 951 Brennstäben aus dem ehemaligen DDR-Forschungsreaktor Dresden-Rossendorf, die 1957 von der Sowjetunion geliefert wurden und bis 1991 dort im Einsatz waren. Bereits 2006 wurden Brennstäbe aus Rossendorf nach Russland geliefert, damals handelte es sich um solche, die noch nie eingesetzt wurden. Für Forschungsreaktoren wird anders als für die meisten Kernkraftwerke besonders hoch angereichertes Material verwendet, aus dem man auch Atombomben herstellen könnte. Durch die Verwendung des Materials erhöht sich die Strahlung noch.

In einem internationalen Vertrag haben sich sowohl Russland als auch die USA verpflichtet, solches Material zurückzunehmen, um die Verbreitung von waffenfähigem Material einzuschränken. Auf diesen Vertrag beruft sich nun das Bundesland Sachsen, der Besitzer dieses Materials. Weil es in Sachsen kein Zwischenlager gibt, wurden die Brennstäbe 2005 ins nordrhein-westfälische Ahaus gebracht. Sachsen muss dafür aber Miete zahlen. Für das sächsische Wissenschaftsministerium ist der Fall deshalb klar, wie ein Sprecher sagt: "Wir wollen möglichst schauen, dass die Sache dorthin kommt, wo sie hingehört."

Und das ist nach Ansicht Sachsens das russische Atomzentrum Majak im Ural. "Wir wissen, dass Majak hochgradig kontaminiert ist", wendet Sylvia Kotting-Uhl ein, atompolitische Sprecherin der Grünen. Majak war im vergangenen Sommer in den Schlagzeilen, weil befürchtet wurde, dass Waldbrände radioaktiv verseuchten Staub aufwirbeln könnten. "Wir wissen auch, dass dort nicht mit einer Sicherheitsphilosophie gearbeitet wird, die auch nur annähernd an das kommt, was wir in Deutschland als Standard haben. Und dorthin abgebrannte Brennstäbe zu liefern, ist hochgradig fahrlässig."

Karte Russlands mit dem Atomzentrum Majak (Grafik: DW)

Majak liegt im südlichen Ural in Russland

Stärker verseucht als Tschernobyl

Majak, deutsch: Leuchtturm, ist eines der ältesten Atomforschungszentren der ehemaligen Sowjetunion. 1957 kam es hier zu einem der größten Atomunfälle, die jemals stattgefunden haben. Manche Experten halten die Umgebung für stärker verseucht als die von Tschernobyl. Ob der Transport der Brennstäbe, die 18 Castor-Behälter benötigen würden, tatsächlich stattfinden kann, muss die Bundesregierung nun prüfen, genauer das Umweltministerium.

Eine Sprecherin des Ministeriums bestätigte, dass ein Antrag eingegangen sei. Noch aber habe man nicht über den Antrag entschieden: "Wir werden erst dann über den Antrag entscheiden, wenn Fragen der Sicherheit des russischen Standortes Majak genau geprüft worden sind."

Sollten die Gutachter zu dem Schluss kommen, dass Majak sicher ist, steht dem Transport nichts mehr im Weg. Das Ministerium bestätigt, dass zwischen Russland und der Bundesrepublik bereits ein Liefervertrag ausgehandelt sei, der zur Unterschrift bereit liege.

Castor-Transport mit Wärmebild-Kamera fotografiert (Bild: dpa)

18 Castor-Transporter (hier mit einer Wärmebild-Kamera fotografiert) wären nötig, um die Brennstäbe nach Russland zu bringen

Alarmiert sind Opposition und Anti-Atom-Gruppen aber nicht nur, weil die 349 Kilogramm Plutonium ihrer Ansicht nach dort unsicher gelagert würden. Durch die Exporte könnte ein Präzedenzfall geschaffen werden, befürchten sie. Immer wieder wird laut darüber nachgedacht, dass Staaten wie Russland gegen gutes Geld internationalen Atommüll aufnehmen könnten. "Von russischer Seite hat es ja auch Angebote gegeben", sagt Tobias Münchmeyer von Greenpeace. "Darauf sind bisher offiziell nur ganz wenige Staaten eingegangen. Südkorea und Taiwan etwa haben Interesse gezeigt. Das ist zum Glück bisher in Europa ein absolutes Tabu."

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat vor kurzem angekündigt, er wolle Atommüll-Exporte europaweit verbieten lassen. Atomkraftgegner haben das zurückhaltend aufgenommen. Sie befürchten, dass auch eine EU-Richtlinie Schlupflöcher aufweisen könnte - wie bei den Exporten des "Wertstoffs" UF6.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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