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Politik

Strafgerichtsverfahren ohne Karadzic

Ohne den Angeklagten ist in Den Haag der Völkermordprozess gegen Radovan Karadzic eröffnet worden. Der ehemalige Anführer der bosnischen Serben boykottiert das Verfahren. Das Gericht vertagte deshalb die Verhandlung.

Portrait: Karadzic (Foto: AP)

Karadzic spielt auf Zeit und blieb dem Gericht fern

Der Prozess begann ohne den Angeklagten: Radovan Karadzic, der ehemalige Anführer der bosnischen Serben, erschien am Montag (26.10.2009) nicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Er hatte dies bereits angekündigt und erklärt, er habe nicht genug Zeit zur Vorbereitung gehabt, denn er wolle sich selbst verteidigen. Der vorsitzende Richter O-Gon Kwon setzte den Prozess deshalb kurzerhand aus und erklärte, er solle am Dienstag mit der Eröffnungserklärung der Anklage fortgesetzt werden. Dies könnte rund zwei Tage dauern.

Dem Ex-Präsidenten werden Völkermord und Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Dazu zählt das Massaker von Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden. Dem 64-Jährigen droht lebenslange Haft.

Zu den Hintergründen: Im Frühling 1992 brach in Bosnien der blutigste Konflikt in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus. Mehr als 110.000 Menschen starben, über eine Million wurden zeitweise vertrieben. Dreieinhalb Jahre lang beschossen die Serben die belagerte Hauptstadt Sarajevo mit Granaten. Auch Scharfschützen waren im Einsatz. Trauriger Höhepunkt noch vor Ende des Krieges 1995: Die Exekution von fast 8.000 Bosniaken im Städtchen Srebrenica.

Frau vor dem Gericht in Den Haag (Foto: AP)

Enttäuschung bei den Bewohnern von Srebrenica, nachdem der Prozess vertagt wurde

Prügel und Vergewaltigungen

In zahlreichen Konzentrationslagern wurden massenhaft Frauen vergewaltigt und Männer zu Tode geprügelt. Murat Tahirovic, der die Misshandlungen überlebt hat, erinnert sich: „Ich war an Brust und Bauch schwer verwundet worden. Die Bauchwunde blieb offen, da haben mir die Folterer einen Polizeistock hinein gesteckt. Ich wurde geprügelt, mehrere Zähne wurden mir ausgeschlagen. Ich wurde beleidigt, psychisch gefoltert, durfte nicht auf Toilette. Waschen konnte man sich sowieso gar nicht.“

Tahirovic war Mitte zwanzig und Soldat der bosniakischen Armee. Er wurde gefangen und in ein Lager an der kroatischen Grenze gebracht. Nach zwei Monaten kam der ehemalige Bergbautechniker frei. Noch heute hat er ständig Schmerzen, und auch die Bilder von damals verfolgen ihn.

Keine Gnade für die Verantwortlichen

Rückblickend meint Murat Tahirovic, der einen Verein ehemaliger bosniakischer KZ-Häftlinge leitet, gegen seine unmittelbaren Peiniger habe er keinen Groll.

„Sie waren damals zu jung, manipuliert durch die Medien, unter Druck gestellt. In gewisser Weise vergebe ich ihnen.“ Denen jedoch, die solche Taten angeordnet haben, die der Misshandlungen bewusst waren, denen könne man nicht vergeben. Dies gelte insbesondere für Radovan Karadzic.

Elf Anklagepunkte

Elf Punkte umfasst die Anklage des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien gegen Karadzic. Dass die Verbrechen geschehen sind, haben schon zahlreiche bisherige Urteile des Gerichtshofs in Den Haag bestätigt.

Moslemische Frauen mit Fotos der Ermordeten (Foto: AP)

Demonstration gegen das Vergessen: moslemische Frauen erinnern an ermordete Verwandte

Mirsad Tokaca meint, die Beweislage gegen Karadzic sei so erdrückend, dass an seiner Schuld für die brutalen Menschenrechtsverletzungen der Serben in Bosnien an muslimischen Bosniaken und bosnischen Kroaten keine Zweifel bestehen könnten.

Er habe den Krieg ausgelöst, behauptet Tokaca, Chef des Kriegsdokumentationszentrums in Sarajevo: „Karadzic wusste auch Belgrad und Serbien hinter sich, das Milosevic-Regime und die jugoslawische Armee.

Mit Milosevic das Großserbien geplant

Die Verbrechen, die als Schlüsselereignisse gelten, wurden im April und Mai, teilweise noch im Juni und Juli 1992 verübt. Zu der Zeit kämpfte die jugoslawische Armee mit Waffengewalt für Karadzics Ideen.“ Er habe der Anklage sogar Beweise dafür geliefert: Tonaufnahmen aus Sarajevo.

Radovan Karadzic war politischer Ziehsohn und Kriegsverbündeter von Slobodan Milosevic, dem damaligen nationalistischen und autoritären Präsidenten Serbiens. Die Ankläger des Tribunals sind der Auffassung, Milosevic und Karadzic und weitere serbische Politiker und Offiziere wollten den Zerfall Jugoslawiens dazu nützen, die von Serben bewohnten Gebiete in Kroatien und Bosnien gewaltsam einzunehmen.

Vom Hobbydichter zum Wunderheiler

Milosevic verstarb während seines Prozesses. Wie dieser, will auch Karadzic sich selbst verteidigen und den Gerichtssaal als politische Bühne nützen, glaubt der alte Psychiater Senadin Ljubovic, der bosnische Kriegsopfer betreut. Karadzic sei überzeugt gewesen, richtig gehandelt zu haben.

Karadzic und Milosevic (Foto: dpa)

Karadzic (re.) und sein Ziehvater, der damalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic

„Er wird sogar sagen, er sei gezwungen gewesen, die Ermordung dieser vieler Menschen zu befehlen. Er hätte sie vorher noch gewarnt, doch sie wollten ja nicht auf ihn hören. Ich glaube nicht, dass er jemals Reue zeigen wird.“

Ljubovic war Karadzics Mentor. Er führte den damals jungen Studenten in die Psychiatrie an der Klinik in Sarajevo ein. Der Hobbydichter Karadzic kam mit seinen Eltern aus den montenegrinischen Bergen in die bosnische Hauptstadt.

Mitarbeit beim Geheimdienst

Später wurde der Arzt wegen Veruntreuung verurteilt, die Haftstrafe saß er jedoch dank der inoffiziellen Mitarbeit beim Geheimdienst nie ab. Zu Beginn des Krieges in Bosnien wurde der Nationalist zum Serben-Präsidenten auserkoren.

Nach Kriegsende und Anklageerhebung verschwand Karadzic und war mehr als 13 Jahre auf der Flucht. Als er im letzten Sommer gefasst wurde, war er als Wunderheiler in Serbiens Hauptstadt Belgrad tätig.

Seitdem sitzt er in Den Haag in Haft. Radovan Karadzic wird für die Morde, Folter und Vertreibung während des Balkan-Krieges vor 15 Jahren verantwortlich gemacht. Er bestreitet jede Schuld – ihn erwartet Juristen zufolge bei einer Verurteilung eine lebenslange Haft.

Autor: Filip Slavkovic /hp (afp, rtr, ap)

Redaktion: Eleonore Uhlich

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