Strafbefehl gegen Forscher wegen Affenversuchen | Wissen & Umwelt | DW | 20.02.2018
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Wissen & Umwelt

Strafbefehl gegen Forscher wegen Affenversuchen

Gegen Nikos Logothetis wurde Strafbefehl wegen Tiermisshandlung erlassen. Der Hirnforscher unternahm Versuche mit Affen, Tierschützer filmten das. Doch es ist unklar, inwieweit der Vorwurf gerechtfertigt ist.

Es ist schwierig bei diesem Thema objektiv zu bleiben. Wer findet Tierversuche schon gut? Und dann noch mit Affen? Wissenschaftler, die an Tieren forschen, werden schnell verdammt. Stempel drauf, schlechter Mensch, Tierquäler, weg mit ihm. Nikos Logothetis vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen - einem weltweit angesehenen Forscher - ist genau das passiert. Die Vorwürfe wurden laut, nachdem es einem Mitglied des Vereins Soko Tierschutz als Tierpfleger getarnt gelang, in den Versuchslaboren mit versteckter Kamera zu drehen.

Das Video wurde 2015 im Fernsehen ausgestrahlt und verbreitete sich im Netz. Ein Shitstorm folgte. Denn im Film sah man Affen mit Hirnimplantaten. Ein Tier hatte einen blutverschmierten Kopf, einem anderen lief Speichel oder Erbrochenes aus dem Mund. Von da an stand Logothetis am Pranger. Wissenschaftler und Mitarbeiter des Instituts wurden beleidigt und beschimpft, es gab sogar Morddrohungen. Im selben Jahr gab der Hirnforscher die Affenversuche auf, weil ihm "der Rückhalt aus der Wissenschaft fehlte".

Umstrittenes Video

Journalisten schauten sich das Video genauer an. Alexander Grau von Cicero zum Beispiel kritisiert, dass die heimlich gedrehten Aufnahmen "publikumswirksam zurechtgeschnitten, mit emotionalisierender Musik unterlegt und mit einem unsachlichen, reißerischen Kommentar versehen" waren, "so dass der unkundige Zuschauer den Eindruck haben musste, in dem Tübinger Labor herrschten sadistische Zustände". So zeigen Aufnahmen einen "scheinbar blutverschmierten, gequälten Rhesusaffen". Tatsächlich war das "Blut" ein Desinfektionsmittel.

Prof. Nikos Logothetis, Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik

Prof. Nikos Logothetis, Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik

Auch Andreas Neuhaus, Reporter der DW, konnte den Shitstorm nicht nachvollziehen. Neuhaus drehte eine Reportage über die Forschung am MPI in Tübingen und verbrachte dafür viel Zeit im Labor von Nikos Logothetis. Er erlebte, dass mit den Affen sorgfältig umgegangen wurde, Logothetis habe er "als umsichtigen, weltoffenen und toleranten Wissenschaftler kennengelernt".

Lesen Sie hier, wie DW-Reporter Andreas Neuhaus die Affenversuche im Labor von Professor Logothetis erlebt hat.

Geldstrafe oder Gefängnis?

"Wir sind hocherfreut, dass es nach so langer Zeit zumindest zum Strafbefehl kam", sagte der Vorsitzende des Tierrechtsbewegung Soko Tierschutz, Friedrich Mülln. Wohin dieser Strafbefehl gegen Logothetis und zwei seiner Mitarbeiter führen wird, ist jedoch noch nicht klar.

Durch den Erlass bringt der Richter aber zum Ausdruck, dass er einen hinreichenden Tatverdacht bejaht. Und der lautet: Die Wissenschaftler hätten Versuche an drei Affen zwischen 2013 und 2015 zu spät beendet, dadurch sei den Tieren unnötiges Leid zugefügt worden. Sie hätten früher eingeschläfert werden müssen. Das deutsche Tierschutzgesetz sieht für solche Tiermisshandlungen einen Strafrahmen vor, der sich zwischen einer Geldstrafe und Gefängnis von bis zu drei Jahren bewegt.

Wissenschaftler legen Einspruch ein

Dem Beschuldigten bleiben nach der Zustellung zwei Wochen, um gegen einen erlassenen Strafbefehl Einspruch zu erheben. Das haben Logothetis und die anderen beiden Wissenschaftler getan. Sie haben nun das Recht, die Akten einzusehen. Sollten sie danach ihren Einspruch aufrecht erhalten, kommt es zu einer Gerichtsverhandlung.

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