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Fokus Osteuropa

Straßenkinder in der Ukraine: Kaum zu gewinnender Überlebenskampf

Das UNICEF-Foto des Jahres zeigt ein Straßenkind aus Odessa, die 13-jährige Jana. Sie starb an Aids. Bei weitem kein Einzelfall: Ein DW-Reporter hat sich in der ukrainischen Hafenstadt umgesehen.

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UNICEF-Foto 2005: Das 13-jährige Straßenkind Jana starb in Odessa an Aids

Obdachlose Kinder sind auf den Straßen Odessas eine alltägliche Erscheinung. Sie sind das Problem Nummer Eins für die Gesellschaft. In dem Kurort an der ukrainischen Schwarzmeerküste leben nicht nur Minderjährige aus dem Umland von Odessa, sie kommen auch aus der benachbarten Republik Moldau und aus Russland. Oft sind es Waisen. Viele fliehen vor der Gewalt in ihren Familien. Wenn diese Kinder auf der Straße landen, dann geraten sie in eine Welt, die nach brutalen Regeln funktioniert. Um zu überleben, müssen sie betteln, stehlen und sich prostituieren. Um ihren Alltag zu ertragen, greifen sie zu Drogen. Offiziell gibt es im Gebiet Odessa 600 obdachlose Kinder, aber inoffiziell ist deren Zahl weitaus höher.

Harter Alltag

Die Kinderheime in Odessa sind überfüllt. Viele Kinder leben in Bretterverschlägen, suchen im Winter in den Schächten der Fernwärmeleitungen Unterschlupf. Sie gehen nachts auf die Straße, um nach Nahrung zu suchen. Vor einiger Zeit sorgte der Fall eines kleinen Mädchens für Aufsehen, die von ihren Eltern ausgesetzt worden war. Sie überlebte mit einer Hündin in einem Hinterhof - das Tier rettete das Kleinkind mit der eigenen Milch. Es dauerte lange, bis das Mädchen in einem Heim an normale Nahrung gewöhnt werden konnte.

Private Hilfe

Die meisten obdachlosen Kinder, die auf den Straßen Odessas leben, erfahren irgendwann von der Familie Martynow. Zehn Meter vom bekannten Priwos-Markt entfernt lebt Halyna Stepaniwna Martynowa mit 24 Kindern auf 50 Quadratmetern in einer Dreizimmerwohnung. Sie nimmt Kinder von der Straße auf. Bereits seit 26 Jahren hilft die Frau Mädchen und Jungen zu lernen, in einer Familie zu leben und die Güte einer Mutter zu erfahren. In den vergangenen Jahren versorgte Halyna Martynowa auf diese Weise mehr als 100 Kinder. Sie wuchsen mit ihr auf, viele haben inzwischen selbst Familien. Halyna Martynowa ist die Lebensgeschichte jedes Kindes gegenwärtig. Sie zählt auf: „Also Lutschyk. Er kam zu mir im Alter von sieben Monaten, mein Mann holte ihn ab. Das Kind war krank, es konnte in seinem Alter den Kopf noch nicht halten, es wog vier Kilogramm. Und inzwischen ist er groß geworden, ein solch schönes Kind. Es gab Kinder, deren Vater war wahnsinnig. Es waren vier Kinder, der Vater war sehr brutal. Er schlug sie. Im Park fand ich in den Büschen einen Jungen, Serjoscha, er saß dort und weinte. Jedes Kind musste Ängste ertragen und heftigen Stress durchmachen. Es war schwierig, sie zu häuslichen Kindern zu machen, aber es ist uns bei allen gelungen."

Gewalt an der Tagesordnung

Unter Halyna Martynowas Schützlingen sind auch drei Kinder aus Afrika. Sie wurden von ihrer Mutter bei Halyna Martynowa einfach abgegeben. Die Kinder waren unterernährt und deswegen unterentwickelt. Auf dem Körper waren Spuren physischer Gewaltanwendung zu erkennen. Die siebenjährige Laki erinnert sich unter Tränen, wie ihre eigene Mutter die Kinder schlug: „Sie würgte uns, schlug uns mit einer Peitsche. Einmal, als mein Bruder Erik um Wasser gebeten hatte, da schlug sie ihm mit der Tasse auf den Kopf und ins Auge. Emilia verbrannte sie mit einer Zigarette und mich würgte sie, dass ich nicht mehr atmen konnte."

Die Mutter des 13-jährigen Serhij Chrystytsch war drogenabhängig. Sie schickte ihn und seine Schwester häufig auf die Straße, wo sie um Geld betteln sollten. Von dem Geld kaufte sich die Mutter dann Drogen. Der Junge, damals im Alter von neun Jahren, hielt das nicht aus und riss von zu Hause aus: „Mein Leben dort war sehr schlecht. Sie zwang uns, um Geld für Drogen, Zigaretten und Wodka zu betteln. Das gefiel uns nicht und deswegen beschlossen meine Schwester und ich, auf der Straße zu leben. Es passierte, dass sie uns fand, und dann schlug sie uns heftig."

Gefühle von Klebstoff betäubt

Bei der Familie Martynow herrscht Ruhe und familiäre Geborgenheit. Kinder mit einem schwierigen Charakter findet man dort nicht mehr. Die neue Mutter weiß, wie ein verletztes Kinderleben zu heilen ist: „Einem Kind muss man so etwas wie eine geschlossene Anstalt schaffen, aber unbedingt mit einem familiären Bezug, um es zu heilen und Gefühle zu entwickeln, die bislang von Klebstoffen betäubt waren. Die Beziehung zu ihm muss wie in einer Familie gestaltet werden, ansonsten wird es sich nicht normal entwickeln."

Hilfe aus aller Welt

Halyna Martynowa hat zur Unterstützung obdachloser, schwieriger Kinder und Jugendlicher die Wohltätigkeitsstiftung "Unsere Welt" gegründet. Sie sagte, sie werde von vielen guten Menschen unterstützt. Ortsansässige würden Lebensmittel und Kleidung für die Kinder bringen. Helfen würden auch Ausländer. Dänen hätten beispielsweise Waschmaschinen geschenkt. Zu Gast bei ihnen sei auch ein englischer Lord gewesen, der den Kindern nun regelmäßig Geld aus Großbritannien überweise. Dieses Jahr sind auch Deutsche bei den Martynows zu Gast gewesen, die über die Familie einen Dokumentarfilm gedreht haben.

Ein unerreichbarer Traum ist für Halyna Martynowa ein eigenes Haus mit vielen Zimmern. Dann gäbe es endlich genügend Platz für alle "ihre" Kinder, genug Platz zum Leben, Lernen und zum Spielen.

Serhij Osadtschuk, Odessa

DW-RADIO/Ukrainisch, 23.12.2005, Fokus Ost-Südost