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Welt

Strässer: "Gräueltaten, die ein Leben lang traumatisieren"

Die Situation der Flüchtlinge im Nordirak ist dramatisch, berichtet Christoph Strässer aus Erbil. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung reist zurzeit durch die Krisenregion.

DW: Herr Strässer, Sie sind gerade aus Dohuk an der türkisch-irakischen Grenze in die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, nach Erbil, zurückgekehrt. Wie ist die Situation der Menschen vor Ort?

Christoph Strässer: Es ist sehr unterschiedlich. Die Menschen, die geflohen sind, insbesondere diejenigen, die der jesidischen oder der christlichen Minderheit angehören, sind tief traumatisiert. Viele von ihnen haben den Terror, der gegen sie verübt wird, nun schon zum dritten Mal erlebt. Sie haben überhaupt kein Vertrauen mehr in politische Lösungen und sind einfach so weit, dass sie sagen: Wir wollen nur noch raus. Es ist eine ziemlich dramatische Situation für viele Menschen.

Was haben Sie von den Menschen über das Vorgehen der Milizen des "Islamischen Staats" (IS) in den Gebieten im Nordirak erfahren?

Sie haben teilweise gar nicht darüber reden können, weil sie diese furchtbaren Bilder im Kopf haben. Da sind Kinder unterwegs, die gesehen haben, wie ihre Großeltern geköpft worden sind. Es sind Berichte über Gräueltaten, die ein Leben lang traumatisieren. Ich glaube, der Kampf gegen dieses Trauma ist das Allerwichtigste - neben der elementaren Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln. Das wird eine ganz große Aufgabe werden.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer (Foto: Daniel Naupold/dpa)

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer

Die Bundesregierung fliegt seit Ende der vergangenen Woche Hilfsgüter in den Nordirak. Sie haben einen Hilfsflug in den Nordirak begleitet. Wer genau wurde mit welchen Gütern beliefert?

Wir liefern über die Organisationen, mit denen das Auswärtige Amt im Bereich der humanitären Hilfe zusammenarbeitet - das sind nationale Hilfsorganisationen, aber auch das Deutsche Rote Kreuz und UN-Organisationen. Die Maschine ist direkt nach Erbil geflogen und hat im Wesentlichen Grundausstattung enthalten, beispielsweise 400 Zelte, dazu einige Dinge für die elementare Nahrungsmittelversorgung, Küchenausrüstung. Kleinigkeiten für das alltägliche Leben, die dort in den Lagern komplett fehlen.

Reicht das aus?

Es wird viel getan. Aber einer der Gründe, warum ich hierher gefahren bin, war, vor Ort zu hören, was konkret benötigt wird. Von allen Seiten, von Flüchtlingsorganisationen, von UN-Organisationen, aber auch von der kurdischen Selbstverwaltung haben wir gehört, es müsse mehr passieren. In wenigen Monaten beginnt hier der Winter. Dann wird es bitterkalt und die Zelte, die es jetzt gibt, schützen die Menschen nur sehr begrenzt. Es gibt insbesondere den Wunsch nach einer größeren Ausstattung, beispielsweise mit Wohncontainern. Für die nächsten zwei bis drei Monate muss es wirklich ganz schnell gehen. Für diesen Zeitraum brauchen wir insbesondere diese Materialien, die von uns jetzt auch angefordert wurden.

Die Kurden haben auch um militärische Unterstützung gebeten. In Deutschland wird darüber debattiert, die kurdischen Kämpfer in der Region mit militärischer Ausrüstung und gegebenenfalls sogar mit Waffen zu unterstützen. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin da noch unentschieden. Ich habe nur eines gesehen und gehört: Die Hauptlast der Auseinandersetzung mit IS trägt die kurdische Armee, die Peschmerga. Und wenn ich höre, dass diese mit veralteten Waffensystemen ausgestattet sind, dass sie also kaum eigene Möglichkeiten haben, die offensichtlich sehr gut und auch sehr konsequent ausgebildeten und ausgerüsteten IS-Milizen zu bekämpfen, dann müsste die internationale Gemeinschaft tatsächlich dafür sorgen, dass dieser Kampf von den Peschmerga gewonnen werden kann. Die Peschmerga und die kurdische Zivilverwaltung sind sehr froh darüber, dass es Luftangriffe gegen IS gegeben hat, um sichere Korridore für die Flüchtlinge zu schaffen. Auch das war ihnen ganz wichtig, dass da nochmal sehr intensiv und klar gesagt wird, dass das ein Weg für eine Vertrauensbildung auch gegenüber den Flüchtlingen sein kann. Und die Frage der Waffenlieferung müssen wir sehr schnell und intensiv diskutieren, ansonsten wird der Vormarsch der IS aus meiner Sicht nicht zu stoppen sein.

Der Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer (SPD) ist Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe.

Das Interview führte Sven Pöhle.

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