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Fokus Osteuropa

Stopp an der Grenze

Moskau hat dem Guardian-Korrespondenten Luke Harding die Einreise verweigert. Zuvor hatte der Brite kritisch über den Kreml berichtet. Ausländische Journalisten in Moskau wollen sich aber keiner Selbstzensur unterwerfen.

Zahlreiche Fernsehgeräte in einem Geschäfte mit dem Portrait von Wladimir Putin auf dem Bildschirm (Foto: AP)

Putin-Kritiker musste zurück nach London fliegen

"Unsere ersten Reaktionen waren Schock und Empörung", sagt Elsa Vidal von der internationalen Menschenrechtsorganisation "Reporter ohne Grenzen". Dass der Journalist der britischen Zeitung Guardian, Luke Harding, ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl in Russland an der Grenze abgewiesen worden sei, sei eine Warnung an alle ausländischen Korrespondenten in Russland. Sie sollten offensichtlich zur Selbstzensur bewegt werden. Vidal ist überzeugt, dass vor dem Hintergrund des jüngsten Terroranschlags im Moskauer Flughafen Domodedowo und der angespannten Lage im Kaukasus die Arbeit für Journalisten in Russland immer riskanter werde.

Harding war am 05.02.2011 von den russischen Behörden ohne Angabe von Gründen die Wiedereinreise nach Russland verwehrt worden, obwohl er ein gültiges Visum hatte. Der Zeitung zufolge wurde der Korrespondent während der Passkontrolle im Flughafen festgehalten. Sein Visum sei annulliert worden, er selbst sei mit dem nächsten Flug nach Großbritannien zurückgeschickt worden. "Für Sie ist Russland geschlossen", sollen die Grenzbeamten Harding gesagt haben, berichtete der Guardian.

Mehrere Kreml-kritische Artikel

Portrait von Luke Harding (Foto: jungeblodt.com)

Luke Harding wurde an der russischen Grenze abgewiesen

Im Dezember 2010 hatte der Guardian einen Artikel Hardings veröffentlicht, demzufolge der jetzige russische Premier und damalige Präsident Wladimir Putin 2006 von dem bevorstehenden Giftmord an dem russischen Ex-Geheimdienstler Aleksandr Litwinenko in London gewusst haben soll. Harding berief sich in seinem Artikel auf einen ranghohen US-Diplomaten in Europa. Der Mordfall an dem Putin-Kritiker Litwinenko ist bis heute nicht aufgeklärt und belastet die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien. In einem anderen Artikel schrieb Harding, Russland sei unter Putin zu einem "Mafia-Staat" geworden. Beide Artikel basierten auf Depeschen des US-Außenamts, die von der Internetplattform Wikileaks veröffentlicht worden waren.

Laut "Reporter ohne Grenzen" werden Journalisten allerdings selten aus Russland ausgewiesen. Der letzte Fall ereignete sich laut Menschenrechtlerin Vidal Ende 2007. Damals durfte die moldauische Korrespondentin der Zeitschrift New Times, Natalja Morar, nicht nach Russland einreisen. Sie hatte mehrere Artikel über Korruption innerhalb der russischen Führung geschrieben. Britische Journalisten sind seit dem Kalten Krieg nicht mehr aus Russland ausgewiesen worden. Zuletzt geschah dies im Jahr 1989 einem Korrespondenten der Zeitung Sunday Times.

"Eine Schere im Kopf wird es nicht geben"

Portrit von Elsa Vidal (Foto: DW)

Elsa Vidal: Arbeit für Journalisten in Russland wird immer riskanter

Beim Fall Harding sei zu bedenken, dass die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland schon seit Jahren äußerst gespannt seien, sagt der Moskau-Korrespondent der FAZ, Michael Ludwig. Moskau fordere die Auslieferung von Personen, die aus Sicht des Kremls gegen russische Interessen verstoßen hätten, darunter der Oligarch Boris Beresowskij oder der Vertreters des tschetschenischen Untergrunds in London, Achmed Sakajew.

Ludwig glaubt nicht, dass der Zwischenfall mit dem britischen Journalisten große Konsequenzen für die Arbeit ausländischer Korrespondenten in Russland haben wird. "Über Themen, über die Harding geschrieben hat, haben auch andere geschrieben", sagte Ludwig der Deutschen Welle. In den sechs Jahren, in denen er in Russland arbeite, sei er von den Behörden weder bedroht noch gewarnt worden. "Wenn man sich an die Regeln hält, ist man einigermaßen sicher", so Ludwig. Er betonte aber zugleich: "Ich schreibe auch über Themen, die der Führung in Moskau sicherlich nicht behagen." Der FAZ-Korrespondent will auch in Zukunft kritische Artikel und Kommentare über Russland schreiben. "Eine Schere im Kopf wird es nicht geben."

Probleme mit der Akkreditierung?

Unterdessen teilte das russische Außenministerium mit, Harding sei die Einreise verweigert worden, weil der britische Journalist gegen Regeln für ausländische Korrespondenten verstoßen habe. So sei er nach London geflogen, ohne vorher beim russischen Außenamt seine neue Akkreditierung abzuholen. Wenn das Problem mit der Akkreditierung gelöst sei, werde Harding seine Arbeit in Russland wieder aufnehmen können, hieß es in Moskau.

Autor: Roman Goncharenko / Markian Ostaptschuk

Redaktion: Julia Kuckelkorn

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