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Europa

Stolz und Vorurteil

Bei den französischen Regionalwahlen muss die Union der demokratischen Muslime um jede Stimme kämpfen. Der rechtsextreme Front National macht ihr das Leben besonders schwer - und bezeichnet sie als Spalter.

Khalid Majid und sein Wahlkampf-Team laufen vor den Ständen mit Taschentüchern, T-Shirts und Plastikuhren hin und her. Hier, auf dem Wochenmarkt von Montreuil sind sie nicht auf der Suche nach guten Angeboten, sondern auf Stimmenfang. An diesem kühlen Morgen drückt Majid einer Gruppe Männer sein Wahlprogramm in die Hand. "Unsere Kinder leben in Frankreich, wir leben hier", sagt er. Einer nickt zustimmend. "Wir müssen hier auch etwas zu sagen haben - nicht nur als Muslime, sondern als Franzosen." Majid arbeitet eigentlich als Manager bei der staatlichen Bahngesellschaft, der SNCF. Doch Bekanntheit erreicht er momentan als Vorsitzender der im November 2012 gegründeten Union der demokratischen Muslime Frankreichs (UDMF). Die Partei nimmt am Sonntag erstmals an den

Regionalwahlen im Land

teil.

Die erste Wahlrunde findet zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt statt, kurz nach der zweiten Terrorwelle innerhalb eines Jahres. Der Ausnahmezustand ist noch in Kraft und die Angst vor radikalen Islamisten wächst. Vor allem der rechtsextreme Front National profitiert von dem Bedürfnis nach Recht und Ordnung und der zunehmenden Ablehnung von Migranten. Die drei Jahre alte UDMF hofft ihrerseits, der Welle von Islamophobie etwas entgegensetzen und den fünf Millionen französischen Muslimen mehr politisches Gehör verschaffen zu können.

Es geht um politische Teilhabe

An den Wänden der Arbeiter-Vororte von Paris hat der Front National Plakate aufgehängt hat. Sie zeigen zwei Gesichter einer Frau. Auf der einen Seite trägt sie eine Skimütze auf dem Kopf und die französischen Nationalfarben auf den Wangen. Auf der anderen Seite hat sie ihr Gesicht mit einem Schleier verhüllt. Darüber steht: "Wählen Sie Ihren Vorort."

"Der Islam und die Vororte sind in den Mittelpunkt aller politischen Debatten gerückt", sagt der Soziologe Alexandre Piettre. "Es ist normal, dass eine Gruppe von Menschen die sich immer stigmatisiert fühlt, nach einem Weg sucht sich auszudrücken. Diese Wählerschaft spricht die UDMF an." Ihren Wahlkampf führt die Partei dabei vor allem in der Region rund um Paris. Mit vielen Stimmen rechnen sie nicht. Ihnen geht es vor allem darum, junge Muslime an die Wahlurnen zu bekommen. "Sie müssen sich beteiligen", sagt Majid. "Wenn sie jetzt keine Rolle spielen, werden bald Gesetze eingeführt, die sich gegen sie richten. Das haben wir genauso in den letzten Jahren in Frankreich erlebt."

Viele Kandidaten der demokratischen Muslime gehören fest zur Mittelschicht und sind auf dem Weg nach oben. Mehr als die Hälfte der Frauen trägt kein Kopftuch. Ihre Wahlkampfthemen sind Bildung, Arbeit und Umwelt. Auch ihre Programme ähneln derer anderer linker Parteien in Frankreich. Gesprochen wird aber auch darüber, wie man Burka-Verbote an Schulen abschafft. Ein Problem, das viele Muslime ganz besonders interessiert.

"Wir sind nicht wie sie"

Majid unterhält sich mit der 28-jährigen Ferroudja Ghersbousbele über Schul-Cafeterien. Das Thema ist in Montreuil, einer Stadt mit einer gemischten Bevölkerung in der Nähe von Paris, ein heißes Eisen. Einige rechte Bürgermeister hatten Alternativen zu Schweinfleisch gestrichen. "Als ich noch ein Kind war, haben wir ganz normal gelebt und die Menschen nicht nach Religionszugehörigkeit unterschieden", sagt Ghersbousbele. Die junge Mutter trägt kein Kopftuch, ist aber dafür, dass jede Frau das für sich entscheiden können muss. "Sie versuchen uns zu isolieren und uns in Schubladen zu stecken", sagt sie. Besonders seit der letzten Anschläge in Paris, für die die Terrormiliz "Islamischer Staat" die Verantwortung übernommen hat, sollten muslimische Politiker ihrer Meinung nach eine größere Rolle spielen und zeigen, "dass wir nicht wie sie sind".

Frankreich vor den Kommunalwahlen (Foto:DW/E. Bryant)

Gespräch mit einer potenziellen Wählerin: Neben Bildung und Arbeit geht es auch um Schweinefleisch in der Cafeteria

Die UDMF definiert sich bewusst als muslimische Partei - anders als beispielsweise eine 1997 im Elsass gegründete Partei, die sich stattdessen zu Frankreichs Säkularismus bekannte und ihre muslimische Identität nur beiläufig erwähnte. Sie hatte nur wenig Rückhalt und verschwand bald von der politischen Bühne. Heute aber, so glauben Soziologen, hat eine Bewegung wie die UDMF größere Überlebenschancen. Immer mehr Menschen in Europa zeigen ihre muslimische Identität. "Man kann das als eine Art Nationalitätserklärung verstehen", sagt Alexandre Piettre. "Die UDMF passt zu diesem Trend." Besonders in Frankreich, wo viele Muslime sich diskriminiert fühlten. Während das Ergebnis der Partei bei den Regionalwahlen eher unbedeutend sein wird, könnte die UDMF in einigen Kommunen mit vielen Einwanderern zumindest kleine Erfolge einfahren und damit genug Macht aufbauen um sich mit anderen Parteien zusammen zu tun, so der Soziologe Alexandre Piettre.

Brückenbauer oder Spalter?

"Die Tatsache, dass sie sich zu einer säkularen Lebensweise und Frankreich bekennen, kann dabei helfen, Muslime zu entdämonisieren", fügt er hinzu. Es könnte aber auch genau das Gegenteil geschehen. Nach den ersten Anschlägen in Paris im Januar dieses Jahres, wollte die UDMF schon einmal bei den Départementswahlen in Frankreich antreten. Dann zog sie ihre Teilnahme aber zurück, nachdem einige ihrer Mitglieder bedroht worden waren.

Frankreich Schweigeminute nach Terroranschlägen in Paris (Foto: Reuters / P.Rossignol)

An den Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Terrors in Paris nahmen auch viele Muslime teil

Der Front National behauptet, die UDMF betreibe eine Spaltung in der Gesellschaft. "Das Problem mit dem Islam ist, dass er religiöse Gesetze vor zivile Rechte stellt", sagt Wallerand de Saint Just, ihr Spitzenkandidat in der Region Ile de France. "Wahlen in dieser religiösen und spalterischen Art und Weise zu führen, ist nicht akzeptabel."

Die Kandidaten des UDMF erwidern, dass sie dabei helfen könnten Brücke zu bauen. Kurz nach den Anschlägen von Paris gedachten viele von ihnen der Opfer mit einer Schweigeminute auf dem Platz der Republik. Danach nahmen sie sich Zeit um mit den Menschen zu sprechen.

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