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Kultur

Stirbt "Mutti" aus?

Die Anrede "Mutti" scheint auszusterben. Die Wortwahl von Kindern hat sich verändert. Welche Ausdrücke sind eigentlich noch im Gebrauch: "Mama", "Mutti", "Mutter" oder gar der Vorname?

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Am Sonntag ist Muttertag

Die Anrede "Mama" ist derzeit die häufigste Form, glaubt der Münchner Familienvater Oliver Steinbach, Redakteur bei der Zeitschrift "Eltern". Auch Salomé Widmer, stellvertretende Chefredakteurin bei der Zeitschrift "Spielen und Lernen" in Freiburg, kennt keine Kinder mehr, die noch "Mutti" sagen. Das wird auch in diesem Jahr zum Muttertag (11. Mai 2003) nicht anders sein.

Soziologische Faktoren beeinflussen die Wahl der Anrede

In der Theorie der Sprachwissenschaftler ist dagegen bei den Anreden noch das ganze Spektrum vertreten, vom etwas steifen "Mutter" über individuelle Spitznamen bis zum klassischen "Mutti". Und ob es einem gefällt oder nicht: "Mütter werden sehr häufig mit dem Vornamen angeredet", hat Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden beobachtet. Auch "Mum" und "Dad" in Anlehnung an amerikanische Serien seien im Kommen, stellt der Forscher Wolfgang Näser vom Deutschen Sprachatlas der Universität Marburg etwas argwöhnisch fest. "Die Sprachmuster, die in den Medien vermittelt werden, werden verinnerlicht."

Näser hat auch eine einfache Erklärung parat, warum "Mama" so beliebt ist – und das nicht nur in Deutschland: Es sind die Laute, die das Kleinkind am leichtesten lernt, Vokal und Konsonant sind in der Bildung weit voneinander entfernt. "'Mutti' ist dagegen viel elaborierter", sagt Näser. Bei der Wahl der Anrede spielen soziologische Faktoren eine Rolle: So glaubt Näser, dass "Mutti" eher in den höheren Schichten Zuhause ist. Nach Ansicht von Widmer orientieren sich Kinder auch an älteren Geschwistern. "Sie lernen die Sprache durch das, was sie in der Familie hören."

Die historischen Wurzeln

Grundsätzlich trifft für "Mama/Mami" und "Mutti" zu, was auch für "Samstag" und "Sonnabend" gilt: Ersteres gehört eher in den Süden, letzteres eher in den Norden Deutschlands. Das Wort "Mutter" ist ein indoeuropäisches Urwort und hat als solches eine etwa 2500 Jahre alte Geschichte. Geduzt wird die eigene Mutter seit etwa 100 Jahren, nachdem sich überhaupt erst die Idee durchgesetzt hatte, dass es so etwas wie "Kindheit" gibt - zuvor wurden Jungen wie Mädchen eher wie kleine Erwachsene behandelt.

Die Sprösslinge der anti-autoritären 68er-Generation wurden aufgefordert, die Eltern beim Vornamen zu nennen, je nach Region auch in Verbindung mit Artikel: "der Wolfgang und die Inge" hieß es statt "Mutti und Vati". Heute kommen die Kinder von ganz allein darauf, den Vornamen zu wählen, haben die Fachjournalisten Steinbach und Widmer beobachtet. Möglicherweise liege es daran, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern partnerschaftlicher geworden ist. "Mutti" scheint jedenfalls gänzlich passé. Und mancher hält es wie der Familienvater Steinbach: "Wenn ich meine Frau ärgern will, sag ich 'Mutti' zu ihr." (pf)

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