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Kultur

Stinkstiefel mit Charme

Ende Mai wäre er 70 Jahre alt geworden - kaum vorstellbar. Das rastlose Schaffen von Rainer Werner Fassbinder ist mit der alten Bundesrepublik verbunden. Ein Dokumentarfilm verschafft trotzdem neue Einblicke.

"Der Wim und ich, das sind momentan die einzigen zwei, die das Metier einfach perfekt beherrschen", sagt Rainer Werner Fassbinder selbstbewusst auf dem Zenit seiner Karriere Ende der 1970er Jahre. Mit "dem Wim" war natürlich der Kollege Wim Wenders gemeint, der hatte mit Dennis Hopper "Ein amerikanischer Freund" gedreht und versuchte sich nun in Hollywood. Doch Wenders größten Erfolge sollten erst noch kommen.

Fassbinder Film von Annekatrin Hendel (Foto: 'Rainer Werner Fassbinder Foundation')

Trat immer auch mal wieder als Darsteller auf: Rainer Werner Fassbinder

Filmender Chronist Deutschlands

Fassbinder war da schon weiter. Er galt als der filmende Chronist der Bundesrepublik Deutschland, Werke wie "Effi Briest", "Deutschland im Herbst" oder "Die Ehe der Maria Braun" hatten ihn im In- und Ausland zum Regiestar und Exportschlager in Sachen deutsches Kino gemacht. Das wusste Fassbinder, und deswegen konnte er so selbstbewusst auf das eigene Schaffen blicken: "Das soll jetzt nicht arrogant klingen, das darf man nicht missverstehen", fügte er damals in dem Interview noch hinzu. Was dann folgte, war so etwas wie eine Definition der eigenen Arbeit: Erst dann könne man seine ganz persönlichen Sachen erzählen, wenn man das Handwerk beherrsche, so Fassbinder.

Nach dieser Devise arbeitete er. Fassbinder beherrschte das Metier des Filmemachens, hatte einen festen Mitarbeiterstab um sich geschart, hinter und vor der Kamera und am Schneidetisch. Dazu kamen Komponisten, andere Kreative und Techniker: Wohl selten hatte ein Regisseur ein derart eingespieltes Team um sich, das es ihm ermöglichte, in rascher Folge einen Film nach dem anderen zu drehen. Diese Sicherheit am Set befähigte ihn, jene "ganz persönlichen Geschichten" zu erzählen.

Fassbinder Film von Annekatrin Hendel (Foto: 'Rainer Werner Fassbinder Foundation')

Regisseurin Annekatrin Hendel im Gespräch mit dem Fassbinder-Weggefärten Volker Schlöndorff

Der Mann mit der Lederjacke

Das alles ist Filmhistorie. Über Fassbinder ist viel geschrieben worden, mehrere Dokumentarfilme wurden über ihn gedreht. Der Regisseur ist fest verankert im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland. Und doch ist es Regisseurin Annekatrin Hendel in ihrer Dokumentation "Fassbinder" gelungen, noch einmal neugierig zu machen auf die Filme des Mannes mit der Lederjacke, der ewig glimmenden Zigarette und dem leicht schmuddelig wirkenden Outfit.

Jetzt, kurz bevor sich Fassbinders Geburtstag zum 70. Mal jährt (31.Mai), blickt Annekatrin Hendel noch einmal zurück. Und wenn es etwas Neues gibt, was bisher noch nicht so stark im Fokus stand, dann ist es der Blick der Frauen. Fassbinder galt ja als ausgesprochener Frauenregisseur, weil er immer wieder weibliche Charaktere in den Mittelpunkt seiner Filme stellte. So war im Laufe der Jahre auch eine Chronik der Frauen im Deutschland der Nachkriegszeit und der Bundesrepublik auf der Leinwand entstanden.

Fassbinder Film von Annekatrin Hendel (Foto: 'Rainer Werner Fassbinder Foundation')

Hanna Schygulla

Aus Frauensicht

Die meisten Bücher und Texte, die später über den Regisseur geschrieben wurden, die Filme, die sich mit dem Schaffen des Meisters beschäftigten - sie stammten von Männern. Insofern ist es gut, dass mit Annekatrin Hendel jetzt endlich mal eine Regisseurin auf Leben und Werk des Rastlosen blickt. Es sind dann auch vornehmlich die drei Fassbinder-Aktricen Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen, die Hendel Rede und Antwort stehen.

"Ich hab ihn schon total machen lassen, weil ich ja auch den kreativen Vorsprung gemerkt hab", erinnert sich Hanna Schygulla: "Das ist einem ja nicht entgangen, dass er was hatte." Bei Fassbinder habe es kein Zögern gegeben. Oft habe sie gar nicht verstanden, was er wollte und was er da gemacht habe. Doch das Vertrauen, Fassbinder "mal machen zu lassen", das war bei Hanna Schygulla enorm groß.

Fassbinder Film von Annekatrin Hendel (Foto: 'Rainer Werner Fassbinder Foundation')

Irm Hermann

"Er ist ein Genie"

Bei Irm Herrmann, einer anderen Schauspielerin, die Fassbinder schon für seine frühen Arbeiten vor die Kamera holte und mit der er auch zeitweise in einer Wohngemeinschaft lebte, fällt das Urteil noch eindeutiger aus: "Dass er Filme machen wollte, stand immer außer Zweifel." Sie habe ihm auch bei der Finanzierung seiner ersten Filme geholfen: "Ich hatte große Überzeugungskraft aus Leuten Geld rauszukriegen, weil ich so überzeugt war von seiner Arbeit." Sie habe immer gewusst: "Er ist ein Genie."

Margit Carstensen bringt auf den Punkt, was auch in vielen anderen Äußerungen zum Vorschein kommt: Man habe sich dem ganz persönlichen Kosmos Fassbinders ausgesetzt, auch wenn man die Gewißheit hatte, dass der seine Schauspieler bis zur Schmerzgrenze für seine privaten Obsessionen vor der Kamera agieren ließ: "Inhaltlich wurde nicht aufgeklärt und auch nicht geprobt." Fassbinder habe ganz unterschiedliche Charaktere vor der Kamera aufeinanderprallen lassen, auch um sie "zu denunzieren", wie Carstensen anmerkt: Aber: "Ich hab das auch gern gehabt." Allerdings habe sie damals nicht gewusst, dass "sich damals alles um eine Analyse von Rainers Liebesleben" gehandelt habe, so die Schauspielerin heute.

Man ließ sich quälen

Irgendwie haben die meisten des Fassbinder-Clans wohl gespürt, dass man es mit einem Genie auf dem Regiestuhl zu tun hatte - dafür habe man dann viel in Kauf genommen. Das ist die Quintessenz der allermeisten Aussagen. Annekatrin Hendel verschweigt nicht, dass sich viele Mitarbeiter auch ausgebeutet und benutzt fühlten. Doch die meisten akzeptierten das.

Hanna Schygulla war eine der wenigen, die sich nicht vollkommen vereinnahmen ließen, die ein gewisses Maß an Distanz hielten. Irm Hermann und Margit Carstensen dagegen sprechen heute ganz offen über ihr Abhängigkeitsverhältnis zu dem Regisseur.

Und die Männer? Denen ging es kaum anders. Fassbinder machte aus seiner Homosexualität keinen Hehl. Er inszenierte seine sexuellen Vorlieben mehr oder weniger direkt vor der Kamera. Dass er sich aber auch zu Frauen hingezogen fühlte, mit ihnen schlief, machte seine Filme umso doppeldeutiger. Der ehemalige Regieassistent und Drehbuchautor Fritz Müller-Scherz erinnert sich: "Es war für mich ein Riesen-Abenteuer mit diesem Irren da, der ja wirklich eine Gewalterscheinung war für andere, der hatte einen Charme, der Kerl." Ihm sei schon klar gewesen, dass er auch "ein Stinkstiefel und Unterdrücker und Manipulator" gewesen sei. "Aber er war auch toll."

Tod mit 37

Wahrscheinlich wäre der ein oder andere am Arbeitsdruck und an der psychischen Ausbeutung auf Dauer zerbrochen. Fassbinders früher Tod machte der überaus intensiven Zusammenarbeit ein Ende. Und irgendwie ist es heute ja auch kaum vorstellbar, dass dieser ständig bis zur Belastungsgrenze arbeitende und lebende Regisseur heute wie sein damaliger Kollege Wim Wenders, der in diesem Jahr ebenfalls 70 wird, weitergearbeitet hätte. Ein Rainer Werner Fassbinder im Alter von 70 Jahren - unvorstellbar!

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