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Deutschland

Stillstand am Mainzer Hauptbahnhof

Leerer Bahnsteig, leere Gleise. Seit Tagen kommt es am Mainzer Hauptbahnhof zu massiven Zugausfällen. Es gilt ein Notfahrplan. Das hat Auswirkungen auf zahlreiche Zugverbindungen in ganz Deutschland.

Der Mainzer Hauptbahnhof ist ein Eisenbahnknoten im westlichen Rhein-Main-Gebiet. Normalerweise steigen dort 60.000 Reisende jeden Tag ein und aus, zahlreiche Fernzüge halten kurz an. Dass das derzeit anders ist, liegt weder am Wetter noch an der Technik. Das fehlende Personal ist der Grund für die angespannte Lage rund um den Mainzer Hauptbahnhof. Konkret gibt es zu wenige Fahrdienstleiter. Diese bedienen die Stellwerke, sind also zum Beispiel verantwortlich für Weichen und Signale. "Die Fahrdienstleiter koordinieren den gesamten Zugverkehr. Sie sind für den Eisenbahnverkehr das gleiche wie die Fluglotsen für den Flugverkehr. Ohne Fahrdienstleiter kann kein Zugverkehr abgewickelt werden", sagt Anton Hofreiter, Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages.

Wahlplakat von Anton Hofreiter

Anton Hofreiter stellt sich auf seinem Wahlplakat als begeisterter Bus- und Bahnfahrer vor

Für ihn ist das Ganze ein "totaler Skandal", den die Bahn selbst verschuldet habe. "Die Deutsche Bahn hat den Eisenbahnanteil ihres Konzerns vernachlässigt und der Hauptgrund dafür ist kurzfristiges Renditeinteresse, weil mit Sparmaßnahmen beim Unterhalt und beim Personal kann man kurzfristig die Gewinne nach oben treiben," so der Grünen-Politiker Hofreiter im DW-Interview.

Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht

15 Fahrdienstleiter gibt es in Mainz, mehr als die Hälfte sind derzeit krank oder im Urlaub. Die beiden Tagschichten konnten nicht mehr ausreichend besetzt werden, da pro Schicht immer drei Fahrdienstleiter und ein Fahrdienstleiterhelfer gebraucht werden, also insgesamt acht Personen tagsüber. Nachts gab es ebenfalls Engpässe.

Warum dann nicht einfach einen Fahrdienstleiter eines anderen Stellwerks nach Mainz holen? Das gehe leider nicht, erklärt Josef Janz, Geschäftsstellenleiter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. "Weil die Bahn sehr viele verschiedene Techniken hat. Das geht vom mechanischen Stellwerk aus Uraltzeiten bis hin zum hoch elektronisch computergesteuerten Stellwerk." Jeder Ort sei anders. Außerdem habe die Deutsche Bahn genau vorgeschrieben, wie lange ein Mitarbeiter in diese Tätigkeit eingewiesen werden müsse und dass es am Ende eine Prüfung gebe. Sieben Monate Schulung muss ein zukünftiger Fahrdienstleiter absolvieren, bevor er eingesetzt werden kann.

Fahrdienstleiter im Stellwerk in Oberhausen (Foto: dpa)

Fahrdienstleiter bei der Arbeit im Stellwerk

"Die Verantwortung trägt die Politik"

Nicht nur Mainz hat mit Engpässen zu kämpfen. "Uns fehlen 1000 Mann beziehungsweise Frau Stellwerkspersonal", sagt Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn im DW-Interview. Er macht die Politik für das Bahnchaos in Mainz verantwortlich. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sei stellvertretend für die Bundesrepublik Deutschland Eigentümer der Bahn und habe damit auch Pflichten, zum Beispiel die Gewinne der Bahn in die Einstellung von mehr Personal zu stecken. "Kein Mensch käme auf die Idee, die Ampeln in einer Großstadt unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass genügend Personal da ist, die Ampeln zu warten und zu schalten und nichts anderes ist der Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn." Hier müsse die gleiche politische Verantwortung gelten wie im Straßenverkehr, fordert Naumann. Er plädiert auch für eine gewisse Anzahl von Springern, die sich in mehreren Bereichen detailliert auskennen.

Noch am Montagabend kündigte die Deutsche Bahn an, eine mobile Reserve aufzubauen. Dabei sollen Mitarbeiter der Stellwerke zusätzlich für weitere Bahnhöfe in der Umgebung geschult werden, um im Notfall dort einspringen zu können. Außerdem will die Bahn die Zahl ihrer Fahrdienstleiter erhöhen.

Der geplante Börsengang der Deutschen Bahn 2008 hat die Investitionen in neue und moderne Stellwerke verzögert. Diese wurden langsamer als zunächst vorgesehen durch vollelektronische ersetzt, die Personalentlastung war entsprechend geringer als ursprünglich beabsichtigt. Verkehrsexperte Hofreiter wirft der Deutschen Bahn vor, dass sie seit 40 Jahren zu wenig investiere und dass sie in den letzten zehn Jahren noch kurzfristiger gedacht habe als in der Vergangenheit. "Die Bahn hat viel zu spät das ganze Ausmaß ihrer Sparpolitik erkannt."

Werbung für den Beruf des Fahrdienstleiters

Josef Janz (Foto: EVG)

"Wir weisen schon seit langem auf das Problem hin", sagt Janz.

Die Deutsche Bahn hat nun Mainzer Fahrdienstleiter gefragt, ob sie freiwillig aus dem Urlaub zurückkehren, um den Engpass abzufedern. "Grundsätzlich sagen wir, wenn jemand freiwillig aus dem Urlaub zurückkehrt, soll er das tun, aber wir verschieben das Problem nur nach hinten. Den Leuten steht der Urlaub zu, viele haben ihn schon mehrmals wegen Personalmangels verschoben", sagt der Mainzer Gewerkschaftler Janz im DW-Interview. Die EVG will den akuten Personalmangel anders lösen. "Wir planen für den 19. September einen bundesweiten Tag des Fahrdienstleiters, um die verantwortungsvolle Tätigkeit dieses Berufes bekannt zu machen", so Janz. Denn in der Öffentlichkeit sei diese Berufssparte kaum bekannt.

Tausende von Reisenden warten derweil auf grünes Licht für den Mainzer Hauptbahnhof. Bis Ende August gilt ein Notfallplan. Die Folgen werden weit über die Stadt hinaus zu spüren sein. Wegen des höheren Zugaufkommens durch Umleitungen kündigte die Bahn bereits Verspätungen im gesamten Rhein-Main-Gebiet an. In den nächsten Tagen und Wochen werden verschiedene Expertenrunden nach einer langfristigen Lösung für den derzeit abgekoppelten Hauptbahnhof Mainz suchen.

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