1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Stille Wasser

"Stille Wasser gründen tief" – das ist nur eins von vielen Sprichwörtern, die sich mit dem Wasser beschäftigen. Wie bei vielen Dingen werden auch mit dem Wasser Menschen und ihre Eigenschaften umschrieben.

Sprecherin:
An heißen Tagen sind in den Städten Brunnen und Wasserspiele für die Menschen besondere Anziehungspunkte. Daher bietet es sich an, dort einige Passanten zu befragen, welche Sprichwörter oder Redensarten sie mit Wasser in Verbindung bringen.

Erste Frau:

"‘Stille Wasser gründen tief‘ heißt das. Das ist auch so eins, wo jemand den Schein wahrt, nach außen hin sehr ruhig ist, aber im Innern ganz anders ist. So was sagt man ja oft bei Frauen, Frauen die nach außen hin sehr ruhig scheinen, aber wehe, wenn sie losgelassen werden. Frauenkegelclub oder so, das sind ja immer schlimme Sachen."

Sprecherin:

Das Sprichwort ‚Stille Wasser gründen tief‘ oder aber 'sind tief' bezieht sich also zunächst auf sehr still wirkende Menschen. Im Alltagsleben sitzen solche Personen meist ein wenig abseits und beteiligen sich kaum an einer Unterhaltung. In außergewöhnlichen Situationen zeigen sie dann ihr wahres Gesicht, und man merkt, dass sie doch nicht so harmlos und unbeteiligt sind, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Sprecher:

Ein Fluß ist an den ruhigsten Stellen am tiefsten und damit am gefährlichsten. Im Gegensatz dazu kann man da, wo die Wasseroberfläche unruhig ist, vermuten, dass direkt darunter der felsige Grund zu finden ist, der das Wasser aufwühlt. Dieses Bild wird in dem Sprichwort nun auf Menschen übertragen. Die, bei denen die Oberfläche ruhig erscheint, können in außergewöhnlichen Situationen ein ungeahntes Temperament offenbaren. Personen, die man zunächst nur als schweigsam oder still kennt, werden plötzlich zu humorvollen und witzigen Zeitgenossen.

Musik:

Wasser ist zum Waschen da

Sprecherin:

Dieser Schlager besingt eine weitere Funktion des Wassers, nämlich das Waschen. Nun kann es sein, dass jemand sprichwörtlich mit allen Wassern gewaschen ist. Hören wir, was es damit auf sich hat.

Erster Mann:

"Das sind Leute, die ganz gewieft sind, in der Regel meint man damit, meine ich auch schon mal Politiker, aber verallgemeinern würde ich das nicht so ohne weiteres. Die wissen aus jeder Lage irgendwie rauszukommen oder die sich nutzbar zu machen, auch wenn sie noch so schlecht drin stehen."

Sprecher:

Leute, die gewieft sind, so erklärt der Befragte, seien mit allen Wassern gewaschen. Gewieft sein bedeutet in der AIltagssprache, schlau und durchtrieben zu sein. Und jemand der durchtrieben ist, der ist mit allen Wassern gewaschen.

Sprecherin:

Mit allen Wassern gewaschen sein, diese Redewendung bezog sich ursprünglich auf Seeleute, die die Weltmeere durchschifft hatten und dabei mit allen Wassern dieser Ozeane in Berührung gekommen waren. Diese Seeleute waren also weit gereist und erfahren. Man konnte ihnen nichts vormachen, sie waren schlau, sie kannten alle Tricks, denn sie waren mit allen Wasser gewaschen.

Sprecher:

Um ihr Ziel zu erreichen, wenden sie so manchen Trick an oder verursachen Intrigen. In manchen Fällen scheut der eine oder andere auch vor illegalen Mitteln wie Bestechung nicht zurück. Diese Menschen sind eben im negativen Sinne mit allen Wassern gewaschen.

Musik:

Wasser ist zum Waschen da

Sprecherin:

Wasser ist zum Waschen da, und natürlich auch zum Kochen. Auf diese Eigenschaft bezieht sich ein anderes Sprichwort.

Zweiter Mann:

"Es beruhigt mich immer ungemein, wenn ich nämlich andere Menschen sehe, die sich mit ähnlichen Dingen beschäftigen wie ich und dann sehe, dass die die gleichen Probleme haben, dann beruhigt mich das. Ich sage: die kochen auch nur mit Wasser."

Sprecherin:

Ein anderer Passant benutzt das Sprichwort in ähnlicher Weise.

Zweite Frau:

"Man beruhigt sich damit und sagt: also die anderen kochen auch nur mit Wasser, der kann eigentlich auch nicht mehr als ich oder andere auch."

Sprecherin:

Wer kennt das Gefühl nicht: da ist jemand, der mehr Erfolg hat als man selbst, und man glaubt, demjenigen völlig unterlegen zu sein. Doch eines Tages merkt man, dass man selbst auch die Möglichkeit besitzt, seine Ziele zu verwirklichen, dass der Erfolg nicht nur etwas mit Begabung, sondern vor allem mit dem Willen zu tun hat. Andere, die man vielleicht sogar bewundert, müssen auch Rückschläge verkraften, und es wird einem bewusst, dass jeder Mensch die Möglichkeit zum Erfolg besitzt.

Sprecher:

In diesem Punkt sind alle gleich, es gibt keinen Zauber, kein Geheimnis des Erfolgs, genauso wenig wie es einen Trick beim Kartoffelkochen gibt. Alle, ob arm oder reich, ob schön oder hässlich, ob gesund oder krank, garen ihre Kartoffeln auf dieselbe Art und Weise: sie kochen mit Wasser. Daraus ist das Sprichwort entstanden: der kocht auch nur mit Wasser. Man macht sich Mut, weil man weiß, dass nur der Wille zählt. Wenn man den Glauben an sich nicht verliert, kann man zuvor Ungeahntes leisten. Eine befragte Passantin übersetzt die Redensart ,,Der kocht auch nur mit Wasser" mit einem anderen Sprichwort.

Dritte Frau:

"Da braucht man sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen."

Sprecher:

Der Ausspruch ‚man braucht sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen‘ bedeutet, dass man seine Leistungen oder Verdienste nicht verschweigen muss. Bescheidenheit ist zwar eine durchaus angenehme Tugend, jedoch kann es auch von Vorteil sein, wenn man ab und zu auf seine Leistungen aufmerksam macht. Denn in der Regel braucht man sich nicht vor anderen zu verstecken, denn die kochen ja auch nur mit Wasser, wie wir eben gehört haben.

Sprecherin:

Doch obwohl alle nur mit Wasser kochen, es gibt im Leben auch Situationen, aus denen man trotz großer Willensstärke nicht so ohne weiteres herauskommt. Diese Situation verdeutlicht eine Redewendung besonders bildhaft.

Dritter Mann:

"Im Augenblick hat man manchmal das Gefühl, es steht einem das Wasser bis zum Hals. Das hat sehr viel zu tun mit den finanziellen Klemmen, in denen viele jetzt im Augenblick so stecken und ja, dann hat man das Gefühl, das Wasser steht einem bis zum Hals, wenn man nicht mehr so genau weiß, was man machen soll."

Sprecher:

Wenn jemandem das Wasser bis zum Hals steht, dann besteht die Gefahr, daß er ertrinkt. Der Wasserspiegel muss nur noch ein kleines Stück steigen, und das Opfer könnte nicht mehr atmen und müsste ersticken. Die Redewendung ‚Mir steht das Wasser bis zum Hals‘ überträgt dieses Bild eines Ertrinkenden auf andere bedrohliche Lebenssituationen. Kann man beispielsweise seine Schulden nicht mehr bezahlen, so ist zumindest die materielle Existenz bedroht. Die Sorgen sind so groß, dass es nur wenig mehr bedarf, um die Situation für den Betroffenen hoffnungslos zu machen. Die Schulden sind übermächtig, dem Schuldner steht also das Wasser bis zum Hals.

Sprecherin:

Wenn jemandem das Wasser bis zum Hals steht, dann ist er, wie der befragte Passant es ausdrückte, in der Klemme. Das Verb klemmen meint, dass etwas eingequetscht oder eingeengt ist. Klemmt beispielsweise ein Korken im Flaschenhals, so hat man Schwierigkeiten, diesen Verschluss zu lösen. Der Korken sitzt zu fest. Klemmt man sich einen Finger in der Tür, so ist dies sehr schmerzhaft, denn der Finger ist dann zwischen Tür und Rahmen eingequetscht.

Sprecher:

Steckt nun jemand in der Klemme, so ist er in Schwierigkeiten. Wenn man wenig Geld besitzt und dann noch ausstehende Rechnungen bezahlen muss, so fühlt man sich unfrei, bedroht und eingeengt. Man steckt in der Klemme.

Sprecherin:

Wenden wir uns nun der angenehmeren Seite des Lebens zu: Dem Essen und Trinken.

Vierte Frau:

"Da reagiere ich immer wie ein Pawlowscher Hund. Es ist kurz vor Zwölf, und da ich dann immer Essen kriege, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Sprecherin:

Diese Frau hat es eilig. Sie ist auf dem Weg zum Mittagessen und hat Hunger. Freut man sich auf eine bevorstehende Mahlzeit, so regt die Erwartung bereits den Speichelfluss im Mund an. Man hat dann das Gefühl, als laufe einem das Wasser im Mund zusammen.

Sprecher:

Doch was hat der sogenannte Pawlowsche Hund mit dem Mittagessen dieser Frau zu tun? Ivan Petrovic Pawlow war ein russischer Physiologe. Er lebte von 1849 bis 1936. Im Jahr 1904 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Pawlow experimentierte unter anderem mit Hunden. Für ihn war vor allem der Speichelfluss der Tiere interessant. In einem ersten Versuch setzte er die Hunde einem Klingelzeichen aus. Wie zu erwarten, veränderte dieses Geräusch den Speichelfluss der Hunde zunächst nicht. Dann setzte er den Vierbeinern ihre Nahrung vor, woraufhin sich verständlicherweise der Speichelfluss erhöhte. In einem dritten Versuch kombinierte Pawlow die Fütterung mit dem Klingelzeichen, und auch hier war eine vermehrte Speichelbildung zu beobachten. Das Erstaunliche passierte im letzten Experiment. Pawlow ließ erneut nur das Klingelzeichen ertönen und die Hunde produzierten nun auch ohne Nahrungsangebot eine größere Menge an Speichelflüssigkeit. Die Tiere hatten gelernt, dass das Klingeln immer die Fütterung ankündigte.

Sprecherin:

Diese bahnbrechenden Versuche haben solche Berühmtheit erlangt, dass sie sprichwörtlich geworden sind. Der befragten Frau läuft immer um kurz vor zwölf das Wasser im Mund zusammen, weil sie instinktiv weiß, dass sie gleich, wie jeden Mittag, zum Essen gehen wird. Ihr Körper hat sich im Laufe der Zeit darauf eingestellt, das es um zwölf Uhr etwas zu essen gibt, genauso wie die Versuchshunde lernten, dass mit dem Klingeln die Fütterung zusammenhing. Eine andere Redensart, in der Wasser eine Rolle spielt, ist die folgende: ‚Jemand hat nah am Wasser gebaut‘.

Fünfte Frau:

"Dann weint jemand schnell. Bei der Hochzeit in der Kirche weint jemand schnell. Hatt ich letztens noch ein nettes Beispiel. Wir hatten Klassentreffen, und da erzählte unsere alte Lehrerin, die ist jetzt schon pensioniert, die war eingeladen von einer früheren Schülerin zur Hochzeit. Und da sagt sie, es war mir sehr unangenehm. Ja, warum das denn? Und diese Lehrerin war immer sehr agil und lustig. Dann muss ich immer weinen, hat sie gesagt."

Sprecher:

Tja, die alte Lehrerin hat eben nah am Wasser gebaut. Dieses Sprichwort bedeutet nicht, daß die Lehrerin ein Haus am Meer oder an einem Flussufer besitzt, sondern dass sie in bestimmten Situationen schnell weint. Genauso wie ein Hausbesitzer am Fluss stärker von Überschwemmungen bedroht ist, so verlieren diese Menschen schneller ihre Fassung, und man muss bei ihnen, um es sehr salopp auszudrücken, mit Gefühlsüberschwemmungen rechnen. Sie können die Tränen schwer zurückhalten.

Sprecherin:

Dass die alte Lehrerin so schnell weint, war für die ehemaligen Schülerinnen überraschend, denn sie kannten die Lehrerin nur als agile und lustige Person. Doch auch agile Menschen können unerwartete Gefühlsausbrüche bekommen und, wie die Lehrerin, überraschend weinen. Man sieht den Menschen nicht an, wer nah am Wasser gebaut hat. Eben war schon die Rede von Menschen, die mit allen Wassern gewaschen sind. Oftmals sind uns solche skrupellosen Leute unsympathisch. Es gibt einen weiteren Personenkreis, der nicht immer auf das Wohlwollen seiner Mitmenschen trifft.

Sechste Frau:

"Der tut nur so als ob. Das ist nichts echtes. Die mag ich auch nicht, die kein Wässerchen trüben können."

Sprecher:

Diese Frau mag sie nicht, die, die anscheinend kein Wässerchen trüben können. Wenn jemand kein Wässerchen trüben kann, dann scheint er völlig harmlos zu sein. Doch hinter der Fassade steckt oftmals eine kühle und berechnende Person, die ganz und gar nicht harmlos ist. Die Redewendung wird aber nicht ausschließlich negativ verwendet. Es gibt tatsächlich Menschen, die völlig harmlos und ohne Hintergedanken sind. Die können wirklich kein Wässerchen trüben.

Sprecherin:

Das Sprichwort geht auf eine alte Fabel zurück. In dieser Fabel frisst der Wolf ein Lamm mit der Begründung, das Lamm habe sein Trinkwasser verunreinigt. Das war eine Lüge, denn das Lamm hatte in Wahrheit weiter unten am Bach getrunken als der Wolf und konnte somit das Trinkwasser des Wolfes gar nicht verschmutzen und damit getrübt haben.

Es war also völlig harmlos, das Lamm konnte kein Wässerchen trüben. Das blaue Lebenselexier hat, wie an der soeben vorgestellten Auswahl zu merken ist, deutliche Spuren in der Sprache hinterlassen. Und so ist es nicht verwunderlich, daß auch die großen Dichter sich des Wassers angenommen haben. Darum soll heute Johann Wolfgang von Goethe das Schlusswort haben.

Sprecher:

Der Menschen Seele

Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder

Zur Erde muß es,

Ewig wechselnd.

Fragen zum Text

Wenn jemand mit allen Wassern gewaschen ist, dann…

1. hat er/ sie eine gute Waschmaschine.

2. duscht er/ sie mehrmals am Tag.

3. ist er/ sie schlau und durchtrieben.

Steckt jemand in der Klemme, dann…

1. lebt er/ sie ohne Sorgen.

2. hat er/ sie sich verletzt.

3. ist er/ sie in Schwierigkeiten.

Was untersuchte Ivan Petrovic Pawlow?

1. die Wassertiefe von russischen Flüssen

2. den Speichelfluss bei Tieren

3. die Dauer um Wasser aufzukochen

Arbeitsauftrag

Nah am Wasser gebaut, kein Wässerchen trüben – erklären Sie diese und zwei weitere Redewendungen aus dem Text.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads