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Musik

Stilblüten der Handwerkskunst

Die Ophikleide ist eine Mischung aus Tuba und Fagott. Und die Glasharmonika könnte mit ihrem Klang ein Horror-B-Movie begleiten. Exoten und Vorläufer der modernen Musikinstrumente werden jetzt in Leipzig gezeigt.

Es ist manchmal wichtig, sich bewusst zu machen, wie gut (oder wahlweise wie schlecht) wir es heute haben, mit unseren ganzen tragbaren Playern: Es dudelt auf Knopfdruck mehr oder minder das Gleiche. Die Museumsmacher der Zukunft werden ihre liebe Mühe haben, den Sound des frühen 21. Jahrhunderts zu visualisieren. Verglichen damit ist die Aufgabe des Museums für Musikinstrumente in Leipzig, an der Universität angesiedelt, eine dankbare. Die umfangreiche Sammlung (mit fast zehn Tausend Objekten die zweitgrößte in Europa und die größte in Deutschland) geht auf die bürgerliche Sammelleidenschaft des 19. Jahrhunderts zurück. Sie ist eine umfassende Materialquelle, wenn es darum geht, vergangene Epochen mit ihrem Klang und Lebensgefühl zu inszenieren.

Wie bei den Bachs?

Während des Bachfestes erlebt das Museum im Grassi-Haus (einem imposanten Gebäudekomplex im Art-Déco-Stil) einen noch größeren Zuspruch: Dann strömen zahlreiche Bach-Pilger ins Haus. Ist beispielsweise der authentische Klang von Bachs Kaffeehaus-Kantaten zu rekonstruieren? Museumsdirektorin Eszter Fontana beantwortet die Frage vorsichtig: "Wenn ich jetzt sofort 'ja' sagen würde, wäre es nicht in Ordnung. Es gibt sehr gute Wissenschaftler, die sich mit mit der Frage beschäftigen, wie die Bach-Zeit klingt. Es gibt sehr viele schöne CD-Einspielungen."

Dennoch kommt der Bach-Pilger auf seine Kosten, etwa bei der Betrachtung von historischen Tasteninstrumenten. Bekannterweise war Bach, selbst als Orgelprüfer tätig, von den Errungenschaften des Instrumentenbaus fasziniert. In dem Film "Mein Name ist Bach" aus dem Jahre 2004 spielt der Verwandlungskünstler Jürgen Vogel Friedrich den Großen und Vadim Glowna den "alten Bach". Der König führt dem Komponisten seinen ganzen Stolz vor, den neu erworbenen Hammerflügel, ein musikalisches Wunder aus Italien. Die Episode ist historisch verbürgt.

In den sanierten und neu gestalteten Räumen des Museums für Musikinstrumente der Universität Leipzig im Grassi-Museum zeigt die Museumsdirektorin Prof. Eszter Fontana ein seltenes Teetisch-Klavier von 1840 (Foto: Museum für Musikinstrumente)vom 19.02.2008). Das in Worms gebaute Instrument, das durch Einschieben der Tastatur zu einem Tisch umgestaltet werden kann, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und jetzt in den letzten vier Jahren von einer Berliner Spezialfirma restauriert. Das seltene Teetisch-Klavier gehört zu den rund 800 Objekten in einer neuen Ausstellung, die am Samstag (23.02.2008) eröffnet wird. Mit 5 500 Musikinstrumenten beherbergt die Universität die größte Sammlung dieser Art in Deutschland. Foto: Waltraud Grubitzsch dpa/lsn (zu lsn 4172 vom 20.02.2008) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Eszter Fontana zeigt stolz das ein seltenes Teetisch-Klavier von 1840



"Das hier ist das älteste komplett erhaltene Klavier der Welt", sagt die Museumsdirektorin stolz und weist auf ein rot lackiertes Instrument, reichlich verziert im "Chinoiserie"-Stil, wie es 1726, im Baujahr dieses Hammerklaviers, eben Mode war. "Bekanntlich ist das Instrument von Bartolomeo Christofori in Florenz erfunden worden", fügt die Direktorin hinzu. "Wir sind in der glücklichen Lage, sechs von den weltweit zehn erhaltenen Christofori-Instrumenten zu besitzen in Leipzig. Alleine die 'Christoforis' wären eine Reise wert!"

Durchbruch in die Moderne und seine "Begleiterscheinungen"

Es überrascht immer wieder aufs Neue, was für ein gewaltiger Umbruch in der Musikwahrnehmung an der Schwelle zum 19. Jahrhundert sich vollzog. "Das war in gewisser Weise die Gründerzeit des Instrumentenbaus", meint Eszter Fontana. Denn der neue Klang erforderte neue Instrumente. Die meisten Instrumente der Romantik bilden auch heute die Grundlage des symphonischen Klanges, aber nicht alle. Denn wem ist schon der dumpfe Klang einer Ophikleide vertraut? Dabei hatten noch Schumann und sogar Wagner jene Hybride aus Tuba und Fagott in Ihren Partituren berücksichtigt.

37 Schalen der Glasharmonika (Foto: Anastassia Boutsko/ DW)

Ohne Wasser kein Ton: die Glasharmonika



Die Glasharmonika erlebte so etwas wie das Schicksal eines Filmstars. Drei Jahrzehnte lang erfreute sich das um 1800 erfundene Instrument einer unglaublichen Popularität, um dann komplett vergessen zu werden. Mozart, Beethoven und Donizetti bezogen das Instrument in ihre Werke ein, und der große russische Poet Alexander Puschkin fand in dem "zauberhaften Klang etwas Überirdisches".

Man schwärmte von dem melancholischen, geisterhaften Klang. Dabei ist es eigentlich nur eine recht prosaische Aneinanderreihung von Glassschalen. "Auf die Idee, dass man Glas anspielen kann, ist man schon sehr lange gekommen", meint Frau Fontana."Denken Sie mal daran: Eine Gesellschaft, die bei einem guten Wein zusammen sitzt, da kommt man immer auf die Idee, diese Weingläser auch anzuspielen." Die 37 aufgereihten Glasschalen der Glasharmonika sind auf einer Achse befestigt und werden mittels eines Pedals in Rotation versetzt. Dann werden die Schalen mit feuchten Fingern angestrichen. Man braucht also im direkten Sinne des Wortes "viel Fingerspitzengefühl". Heute können nur wenige Spezialisten die Rarität zum Klingen bringen.

Schönheit versus Praktikabilität

Bild derLyragitarre im Museum (Foto: Museum für Musikinstrumente)

Wenig praxisorientiert: die Lyragitarre

Amüsiert beobachtet man den Jahrhunderte währenden Kampf zwischen der äußerlichen Schönheit der Instrumente und deren Praktikabilität. So kann man die Orphica, ein tragbares Hammerklavier, als Vorläufer vom modernen E-Piano betrachten. Der allgemeine Trend ging in Richtung praktischer Schlichtheit. Schon im Barock gehen Musikinstrumente hin und wieder eine Verschmelzung mit Alltagsgegenständen ein. Eine Fächergeige oder die Stockflöte Csakan waren ideale Begleiter für musengeküsste Spaziergänger. Dennoch findet man sie heute nur im Museum.

So erging es auch der Lyragitarre. "Das ist ein Instrument für die Dame schlechthin", erklärt die Musikhistorikerin Fontana. "Es ist praktisch eine Gitarre: Sie wird wie eine Gitarre besaitet – aber sie hat die so schöne Form einer antiken Lyra. Dennoch lachten die Männer in den romantischen Salonsüber 'die Weiber mit dem komischen Ungetüm'."