1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Stiftung Warentest

Die Werbung verspricht dem Käufer das Blaue vom Himmel. Um aber herauszufinden, ob ein Produkt wirklich etwas taugt, muss sich der Verbraucher schon an eine unabhängige Institution wenden – wie die Stiftung Warentest.

Sprecherin:

Autokindersitze und Rauchmelder, Föhne und Drucker, Kosmetika und Rentenversicherungen – es gibt kaum etwas, das die Stiftung Warentest nicht prüft und vergleicht.

Sprecher:

Und oft wirken die Projektleiter bei der Praxisprüfung auch selbst mit. Wie vor etlichen Monaten Warentester Gerhard Heilmann. Mit einer Schar von Probanden und Mitarbeitern eines Prüfinstituts testete er Inline-Skates auf ihre Fahrtauglichkeit.

Gerhard Heilmann:

"Wenn wir da so Tests fahren, dann laufen wir mit den Skates schon mehrere hundert Kilometer und da kommen schon Unterschiede heraus. Wir laufen ja nicht nur über glatten Asphalt, sondern auch über Holperpflaster und über Stufen und über Schwellen und so was, springen ein bisschen dabei. Also was man hier normal auch auf der Straße machen kann. Und manche gehen dabei auch schon zu Bruch. Die verlieren ihre Fasson."

Sprecher:

Wenn eine Ware derartig die Fasson verliert – ein französischer Ausdruck für die Tatsache, dass etwas außer Form gerät – dann gibt’s ein Mangelhaft. Denn bei der Stiftung geht es zu wie in der deutschen Schule: Noten von Sehr Gut bis zum seltenen Ungenügend. Die meisten Produkte werden anhand fester Kriterien wie Technik, Umweltverträglichkeit und Handhabung bewertet.

Sprecherin:

Die Cheftester konzipieren Prüfprogramme. Mitarbeiter kaufen die zu prüfenden Waren in den üblichen Geschäften ein – ganz so wie der normale Verbraucher auch. Ein unabhängiges Spezialinstitut wird dann mit den Tests beauftragt. Schließlich bekommt der Projektleiter einen Bericht, den er in Qualitätsurteile übersetzt.

Birgit Rehlender:

"Ich kenne die Produkte bis zu einem gewissen Stadium überhaupt nicht. Ich weiß zwar, da ist die und die und die Marke im Test. Aber ich weiß nicht, welche Marke sich hinter welcher Schlüsselnummer verbirgt. Ich werte nach Nummern aus. Und erst irgendwann in irgendeiner Phase ziemlich zum Schluss der Tabellenauswertung steht zur Schlüsselnummer auch das Produkt, und dann realisiere ich eigentlich erst, was raus kommt."

Sprecher:

Bis zu einem gewissen Stadium, also bis zu einer bestimmten Entwicklungsstufe des Tests, kennt Birgit Rehlender die Marken nicht. Sie bekommen, um Objektivität zu gewährleisten, Schlüsselnummern. Der Schlüssel ist im Deutschen nicht nur ein Metallteil, das Türen öffnet, sondern auch eine Anweisung, mit deren Hilfe Geheimschriften erstellt und anschließend wieder entschlüsselt werden.

Sprecherin:

Getestet wird dabei, was von allgemeinem Interesse ist.

Birgit Rehlender:

"Es ist schon so, dass man das Ohr immer nahe am Verbraucher haben muss, um zu hören, was interessiert den Verbraucher. Denn wir machen den Test ja nicht zum Selbstzweck, sondern wir wollen die Verbraucher informieren, und wir wollen ihnen Informationen geben, zu denen er alleine nicht gelangen kann."

Sprecher:

Die Stiftung Warentest hat ihr Ohr nahe am Verbraucher. Die Mitarbeiter hören eben ganz genau hin, welche Themen die Kunden bewegen.

Sprecherin:

Ihre Testsergebnisse verbreitet die Stiftung über die Monatspublikationen "test" und "Finanztest" sowie über ihre Internetseite. 90 Prozent des Etats verdient sie mit den Heftverkäufen. 10 Prozent schießt der Staat zu, weil die Stiftung in ihren Veröffentlichungen ganz bewusst auf Werbung – und damit auf Werbegelder – verzichtet. Neben den wissenschaftlichen Mitarbeitern gibt es Redakteure, die komplexe Prüfergebnisse in verständliche Artikel übersetzen. "test-Redakteur" Peter Knaak ist Spezialist für Computer, Digitalkameras und Telefondienste. Manchmal ein Problem für Telefonkunden:

Peter Knaak:

"Diese Betrugsmasche mit den 0190er-Nummern am Telefon, am Faxgerät, am Handy und als Wählprogramm dann auch im Internet, wodurch Leute teilweise um Tausende Euro geprellt wurden. Dem Thema haben wir uns angenommen und dort auch Druck gemacht."

Sprecher:

Telefonate mit besagten 0190er-Nummern sind extrem teuer, und die Vorwahlen werden bei der Internetnutzung sogar heimlich aktiviert. Eine Betrugsmasche eben. Der Begriff Masche geht auf die im Vogel- und Fischfang benutzten Schlingen und Netze zurück, in denen sich die Beute verfing. Heutzutage wird der Konsument zur Beute, indem er um sein Geld geprellt wird. Man nutzt seine Gutgläubigkeit aus, um ihn zu betrügen. Prellen bezeichnete früher ein wenig schönes Jagdritual. Gefangene Füchse schleuderte man auf einem straff gespannten Tuch hoch und ließ sie zu Boden knallen – das nannte man Fuchsprellen. Ein Amüsement der feinen Gesellschaft im 17. Jahrhundert. Sehr geläufig ist übrigens die Redewendung die Zechpreller, was bedeutet, dass jemand im Gasthaus seine Rechnung nicht bezahlt.

Sprecherin:

Die Stiftung Warentest versteht sich nicht als Hort der Konsumkritik – eher als Schiedsrichter im Labyrinth der Waren- und Dienstleistungswelt.

Peter Knaak:

"In diesem Spannungsfeld, was ist nutzbringend, was ist einfach nur Geldschinderei seitens der Anbieter, in dem bewegen wir uns glaube ich ganz erfolgreich, indem wir sagen, was kann man mit diesen Geräten machen oder mit diesen Dienstleistungen, die da angeboten werden, worauf müsst ihr achten, damit es möglichst preiswert bleibt, und wir sagen ja auch so oft es nur irgendwie geht, was könnte denn die Alternative sein. Da haben wir, glaube ich, so 'ne ganze gute Rolle gefunden, um ein bisschen durch die Klippen durchzulotsen, die sich da auftun."

Sprecher:

Geldschinderei ist ebenfalls ein Begriff für Betrügerei. Im Mittelalter bezeichnete man mit dem Wort sogar den gemeinen Straßenraub. Heute sind die Methoden, an anderer Leute Geld heranzukommen, raffinierter. Deshalb lotst die Stiftung den Verbraucher durch die Klippen der unübersichtlichen Warenwelt wie ein ortskundiger Seemann, der ein Schiff sicher in eine Hafeneinfahrt leitet, damit es nicht an Felsen zerschellt beziehungsweise der Kunde eben nicht sein schwer verdientes Geld für schlechte Ware ausgibt. Das Verb lotsen, es bedeutet leiten, kommt vom Beruf des Lotsen, der den Kapitän bei seiner Fahrt in Flussmündungen und Hafenbecken berät.

Sprecherin:

Diese Lotsenaufgabe der Stiftung beeinflusst sogar den Markt.

Peter Knaak:

"Das ist immer wieder so zu sehen, dass Produkte, denen das Testlabel 'gut' oder 'sehr gut' anklebt, dass diese Produkte sich tatsächlich sehr gut verkaufen. Wenn wir sagen, das ist nur ausreichend oder gar mangelhaft, dann liegt das wirklich wie Blei in den Regalen. Das ist also eine unglaubliche Verantwortung, die wir damit natürlich auch haben, unsere Tests sehr gut zu machen."

Sprecher:

Ein schlechtes Produkt, das wie Blei in den Regalen liegt, ist schlicht unverkäuflich.

Sprecherin:

Und das kann den Herstellern wiederum wie Blei im Magen liegen, sie also schwer bedrücken. Produzenten und Händler üben deshalb vermehrt Druck auf die Stiftung aus.

Peter Knaak:

"In Zeiten wie jetzt, wo der Markt enger wird, wird wirklich um jeden Kunden und um jedes verkaufte Produkt gekämpft, mit ganz harten Bandagen. Das merken wir auch."

Sprecher:

Es wird mit harten Bandagen gekämpft, also besonders hart gegen Konkurrenten und andere "Gegner" vorgegangen. Der Ausdruck kommt aus der Welt des Boxens. Üblicherweise werden die Hände von Boxern in Bandagen gewickelt. Je härter diese sind, desto härter können sie zuschlagen.

Sprecherin:

Doch die Stiftung weiß sich zu schützen. Schweigen ist das oberste Gebot im dunkelgrauen Hochhaus am Lützowplatz in Berlin. Zu gerne würden Hersteller vorab Prüfergebnisse erfahren, um womöglich die Auslieferung der Testhefte per Gericht zu verhindern oder Tests zu beeinflussen. Doch die Warentester gelten als unbestechlich.

Gerhard Heilmann:

"Es ist für einen Einzelnen nicht möglich, irgendetwas zu türken. Da sind so viele Kontrollinstanzen dazwischen noch, zum Beispiel auch der Verifizierer, dass es unmöglich ist da, bewusst falsche Urteile zu bilden."

Sprecher:

Gerhard Heilmann ist überzeugt, dass hier niemand etwas türken kann. Es gibt auch die Redensart einen Türken bauen, was die Vorspiegelung falscher Tatsachen bedeutet – eine Wendung, die offenbar aus der Militärsprache stammt.

Sprecherin:

Etwas zu türken, das können sich die Warentester nicht erlauben. Ihre Urteile müssen juristischer Prüfung standhalten können. Denn mitunter ziehen schlecht beurteilte Produzenten vor Gericht. Doch kostenpflichtig haben die Warentester noch nie ein Verfahren verloren. 1964 wurde die Stiftung Warentest von der damaligen Bundesregierung ins Leben gerufen. In einer Zeit, als viel und schnell produziert wurde, die Qualität der Waren aber oft schlecht war. Dazu Hubertus Primus – Mitglied der Geschäftsleitung:

Hubertus Primus:

"Da hat man gesagt, da muss 'ne Organisation her, die das mal auf Gebrauchstauglichkeit und Wert überprüft, damit der Verbraucher irgendwie so die gleiche Augenhöhe erreicht wie die Anbieter und dann wenigstens weiß, wie er das alles einschätzen muss. Und das waren natürlich Zeiten, wo die Stiftung sich auch ihre Position erkämpft hat und wo wir auch sicherlich unheimlich viel zur Qualitätssteigerung und -sicherung beigetragen haben."

Sprecher:

Wer sich auf gleicher Augenhöhe begegnet, steht sich gleichberechtigt gegenüber und verfügt über ähnliche Informationen, um die Situation einschätzen zu können.

Sprecherin:

Die Konsumenten durch verstehbare Informationen auf gleicher Augenhöhe zu halten, ist immer noch die Kernaufgabe der Stiftung. Nur der Schwerpunkt hat sich geändert.

Hubertus Primus:

"Er hat sich allerdings verlagert von Qualitätsstandards zu sichern hin zum Best-Buy. Wir helfen lustvoll, aber gleichzeitig mit dem geringst möglichen Einsatz von Geld, zu konsumieren – das ist sicherlich unsere Rolle."

Sprecher:

Best-Buy ist das englische Pendant zum deutschen Begriff Preis-Leistungsverhältnis. Ein guter Kauf ist dann getätigt, wenn ein Qualitätsprodukt preiswert erworben wurde.

Sprecherin:

Vier bis neun Monate braucht ein Waren- oder Dienstleistungstest von der Idee bis zur Vollendung. Doch besonders in der Unterhaltungselektronik und bei Computern sind Nachfolgemodelle schneller auf dem Markt als das Testergebnis zum Vorgänger. Der immer schnellere Produktzyklus erfordert neue Methoden. Deshalb halten Nach- und Dauertests Einzug in Berlin Lützowplatz.

Hubertus Primus:

"Und das allerneuste, das wir in dieser Hinsicht machen, das ist Aktionsware, weil das interessiert ja nun jeden brennend. Wenn er diese Postwurfsendung kriegt, und da steht drin, heute ab Mittwoch bei Aldi die Superkamera, der Supercomputer, der Super-DVD-Player. Und da gehen wir jetzt schon so nah dran, dass wir die einem Schnelltest unterziehen. Wir wollen ja nur das Ding einordnen und sagen, also das ist wirklich ein Schnäppchen verglichen mit dem üblichen Angebot oder es ist überhaupt kein Schnäppchen, es hat im Gegenteil die und die und die Schwächen."

Sprecher:

Seit große Lebensmittelketten wie Aldi oder Lidl neben Obst, Konserven und Tiefkühlkost ab und zu Computer und Digitalkameras anbieten, kennt der Deutsche den Begriff der Aktionsware. Diese soll Kunden, die sonst nicht kommen, in den Billigladen locken. Welche Qualität solche Angebote haben, interessiert die Kunden brennend, also ganz intensiv. Dann müssen die Warentester so schnell informieren wie die Feuerwehr einen Brand löschen kann. Es wird getestet, ob alles wirklich so super ist – also so extrem gut. Schließlich geht es um die Frage: Schnäppchen oder nicht Schnäppchen? Schnäppchen ist ein günstiger Gelegenheitskauf, bei dem man ein Produkt billiger als anderswo erwirbt. Der Begriff kommt vom "Schnappen", dem lautmalerischen Wort für das schnelle Rauf- und Runterklappen des Kiefers, wenn er zupackt.

Sprecherin:

Die Industrie hat sich mit der Existenz der Stiftung übrigens längst abgefunden wie Hubertus Primus versichert.

Hubertus Primus:

"Es ist sicherlich 'ne Vernunftehe. Man hat das am Anfang stark bekämpft, Mitte der 60er Jahre. Man hat auch versucht, die Stiftung möglichst an einen kurzen Zügel zu nehmen. Heute hat man erkannt, dass die Stiftung eigentlich das, was im Markt passiert, dass sich nämlich die besten Produkte durchsetzen, dass die Stiftung da noch als Katalysator wirkt, das eigentlich noch fördert durch die Testarbeit."

Sprecher:

Wer eine Vernunftehe eingeht, der liebt seinen Partner nicht, verspricht sich aber dennoch Vorteile. So ist es auch mit der Industrie. Erst wollte sie die Stiftung am kurzen Zügel nehmen und in ihre Arbeit hineinreden. Der Begriff kommt aus der Bildwelt von Ross und Reiter. Durch das Straffen oder Verkürzen der Zügel wird das Pferd abgebremst oder zum Stehen gebracht. Dann hat der Handel aber erkannt, dass ihm die Stiftung nutzt. Und auch darin sehen die Warentester einen Erfolg ihrer Arbeit.


Fragen zum Text:

Jemand, der sehr energisch gegen seine Konkurrenten vorgeht …

1. ist ein Zechpreller.

2. kämpft mit harten Bandagen.

3. hat das Ohr nahe am Verbraucher.

Wer etwas türkt, der …

1. manipuliert oder betrügt.

2. verleiht jemandem die türkische Staatsbürgerschaft.

3. färbt Stoffe türkis.

Von wem wurde die Stiftung Warentest in den 60ern ins Leben gerufen???

1. von der Industrie

2. von der Bundesregierung

3. von Universitäten

Arbeitsauftrag:

Informieren Sie sich anhand von Publikationen oder im Internet über die Arbeit der Stiftung Warentest. Stellen Sie ein Testergebnis, das Ihnen besonders interessant erscheint, im Kurs vor.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads