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Kultur

Stiefkind Sprache

Jedes Jahr am 26. September ist der "Europäische Tag der Sprachen". Doch trotz politischer Schönwetter-Reden, Aktions- und Mitmachprogrammen bleibt beim Einzelnen nicht viel hängen. Klaus Dahmann kommentiert.

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Klaus Dahmann

Gerne preisen europäische Politiker die Vielfalt, die es unter dem Dach der EU gibt. Gerne weisen sie darauf hin, dass man alles tue, damit diese Vielfalt erhalten bleibe. Auch die Vielfalt der Sprachen natürlich: Sie ist, wie es die EU bezeichnet, der "Reichtum Europas".

Keine Frage: In kaum einer anderen Weltregion gibt es für Sprachen, die nur noch von wenigen tausend Menschen gesprochen werden, eine so breite Förderung. Angefangen bei der linguistischen Forschung bis hin zu Subventionen für Kultur-Vereine, die dafür sorgen, dass auch die kommenden Generationen diese Sprachen noch sprechen. Auch wenn das in einigen Fällen - wie beispielsweise beim Sorbischen in Ostdeutschland - zunehmend Museums-Charakter annimmt, so ist diese Förderung zu begrüßen. Denn Sprache ist gleichzeitig Träger einer Kultur und daher eng verbunden mit einer kulturellen Identität.

Jetzt, da zehn neue Länder mit neun neuen Amts- plus einigen Minderheiten-Sprachen in die EU gekommen sind, steht das Thema auch erstmals explizit in der Aufgaben-Beschreibung eines Kommissars: Der Slowake Ján Figel wird ab November für Bildung, Kultur und Sprachen zuständig sein. Er wird mit dafür sorgen, dass es wohl nie so weit kommt, dass ganz Europa irgendwann einmal - wie von manchen befürchtet - nur noch Englisch spricht.

Nein, eigentlich muss genau das Gegenteil Sorge bereiten: In den 15 "alten" EU-Ländern hat weniger als die Hälfte der Bürger eine Fremdsprache so weit gelernt, dass sie sich fit für eine Unterhaltung fühlt. Sicher, es gibt auch Entwicklungen, die Mut machen: zum Beispiel, dass in immer mehr Ländern schon an Grundschulen Fremdsprachen unterrichtet werden. Auch in Deutschland gibt es hier erste Pilot-Projekte.

Doch sollte man sich nichts vormachen: Der Gedanke, wie schön es wäre, wenn wirklich alle EU-Bürger mindestens eine Fremdsprache sprechen könnten, hat die Köpfe einiger Bildungspolitiker immer noch nicht erreicht. Wie das Konzept "Fremdsprachen-Unterricht ohne beabsichtigten Lern-Erfolg" funktioniert, kann man zum Beispiel an britischen Schulen bewundern. Da ist immer noch die Philosophie im Hinterkopf, dass alle Welt ohnehin Englisch spreche. Aber auch in Ländern wie Spanien, Portugal, Italien oder Frankreich stößt der viel beschworene "europäische Geist" beim Thema Fremdsprachen-Lernen an seine Grenzen.

Demgegenüber wächst in den EU-Zentralen Brüssel und Straßburg ein geradezu paradiesisches Biotop der Vielsprachigkeit heran - ein Biotop, das mit jedem neu hinzukommenden Land mehr Geld kostet. Durch die Osterweiterung steigt die Zahl der Amtssprachen auf 20 und die Ausgaben für Übersetzung und Dolmetschen überschreiten die Marke von einer Milliarde Euro pro Jahr. Da noch weitere Beitritte anstehen, wird es immer teurer.

Ob es sich die EU noch lange leisten kann, Sprachgerechtigkeit zu üben, ist zweifelhaft. In Erklärungsnot ist man beispielsweise auch bei der Frage, warum man das Maltesische zur Amtssprache erhebt, aber das Katalanische, das 13 Mal so viele Menschen sprechen, nicht.

Bei allen Schönwetter-Reden vom Sprachen-Reichtum darf man eines nicht vergessen: Wenn die Kassen noch knapper werden, wird die EU nüchterner denken müssen. Stimmen, die für Brüssel und Straßburg eine Lösung mit zwei oder drei Sprachen fordern - Englisch, Französisch und eventuell auch Deutsch -, gibt es bereits. Und sie dürften in Zukunft lauter werden.

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