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Politik

Stichwort: Sinti und Roma

Wer sind die Sinti und Roma, wo kamen sie her, waren sie immer Nomaden, und wieviele gibt es überhaupt? Es gibt viele Fragen - und nicht immer eindeutige Antworten.

Sinti und Roma ist ein Oberbegriff für eine Reihe ethnisch miteinander verwandter Bevölkerungsgruppen, die ab dem 14. Jahrhundert von Indien aus nach Europa einwanderten. Das Wort "Zigeuner" wird aufgrund seiner Geschichte mit negativen Konnotationen und rassistischen Stereotypen im öffentlichen Sprachgebrauch meist nicht mehr für die Volksgruppen verwendet.

Das Rätsel der Bevölkerungszahl

Weltweit leben nach grober Schätzung zwischen acht und zwölf Millionen Sinti und Roma, die meisten davon in den südosteuropäischen Ländern. Präzise Angaben zu ihrer Zahl sind selten. Statistiken erfassen meist nur einen Teil, weil ein andere nicht im Besitz der Staatsbürgerschaft sind oder weil nicht nach der Herkunft gefragt wird. In Rumänien leben offiziell 535.000 Roma, nichtstaatliche Quellen zählen bis zu 2,5 Millionen. In Ungarn spricht man offiziell von 205.720 Roma, inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu einer Million aus. In Deutschland leben etwa 70.000 Sinti und Roma deutscher Staatsbürgerschaft als Nachfahren der Zuwanderer der letzten 600 Jahre.

Die Sprache "Romanes" mit ihren vielen Dialekten ist verwandt mit dem Sanskrit, hat sich aber seit mehr als 800 Jahren unabhängig von den indischen Sprachen entwickelt.

Zwang zur Dauermigration

Spätestens seit Beginn des 16. Jahrhunderts waren die Sinti und Roma zahlreichen Formen von Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Durch ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ausschluss und Niederlassunsgverbot waren die verschieden Sinti und Roma-Gruppen zur Dauermigration gezwungen. Das Klischee des "wandernden Zigeuners", unfähig zur Integration und Ortsbindung, ist in Inhalt und Popularität mit dem antisemitischen Stereotyp vom "ewigen Juden" zu vergleichen. Entgegen dem weitverbreiteten Klischee ist die große Mehrheit von Sinti und Roma seit vielen Generationen sesshaft.

Die nationalsozialistische Bekämpfung der "Zigeuner" mündete wie die "Judenpolitik" in einen rassisch motivierten Völkermord. Eine schwer zu schätzende, jedoch sechsstellige Zahl von Sinti und Roma wurden ermordet. Häufig wird die Zahl von 500.000 Toten genannt. Der Genozid wird mit dem Romanes-Wort Porajmos ("das Verschlingen") bezeichnet.

Späte Anerkennung

Der Mord an den Sinti und Roma wurde in Deutschland lange verdrängt. Ein Bewusstseinswandel setze erst 1982 ein, nachdem der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) die Verbrechen an der Minderheit der Sinti und Roma als Völkermord anerkannte.

Auch heute noch werden Sinti und Roma in vielen Ländern diskriminiert und sozial marginalisiert. In Ländern wie Bulgarien gab es seit den 1990er Jahren pogromartige Ausschreitungen gegen die Volksgruppe. Laut einem Unicef-Bericht von 2005 leben in Bulgarien 84 Prozent der Roma unter der Armutsgrenze, 88 Prozent in Rumänien und 91 Prozent in Ungarn.

Seit der EU-Osterweiterung sind zehntausende von Roma aus Bulgarien und Rumänien nach Westeuropa umgesiedelt, vor allem nach Italien. (sams)