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Kultur

Stichwort: Heroinambulanz

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Stoff von Staat - ein neues Modellprojekt

Wer heroinabhängig ist - und das sind in Deutschland rund 120.000 Menschen - bewegt sich oftmals in einem Teufelskreis: Beschaffungskriminalität, Prostitution, Krankheiten durch verseuchte Nadeln und gestreckten Stoff. Den wenigsten gelingt es, mit Hilfe der existierenden Therapieangebote den Ausstieg dauerhaft zu schaffen. Das Modellprojekt "Heroinambulanz" verspricht nun Hoffnung für Schwerstabhängige.

Kontrollierte Heroinabgabe

Bis zu drei Mal täglich erhalten Teilnehmer der "Heroinstudie" in diesen speziell geschaffenen Drogen-Ambulanzen injizierbares reines Heroin. Die Patienten spritzen sich die Droge unter ärztlicher Aufsicht in abgetrennten Räumen und unter hygienisch einwandfreien Bedingungen.

In Zusammenarbeit mit Bundesregierung, den Städten und Ländern sowie der Bundesärztekammer soll die Studie heraus finden, ob kontrollierte Heroinabgabe in Verbindung mit psychosozialer Betreuung eine Besserung der gesundheitlichen Situation, der sozialen Lage, der therapeutischen Chancen und nicht zuletzt der Kriminalitätsentwicklung bei den Abhängigen erreichen kann.

Teilnehmen dürfen nur Heroinabhängige, die durch andere Suchthilfen nicht erreicht werden können, bei denen bisherige Therapieversuche gescheitert sind oder die ohne diese staatliche Vergabe akut von Krankheit oder sogar Tod bedroht wären. Die Bundesdrogenbeauftragte Marion Caspers-Merk betont, dass die Versorgung Abhängiger mit Heroin durch den Staat jedoch nur ein Baustein in der Drogen- und Suchthilfe sein könne.

Vorreiter Bonn

Als erste deutsche Stadt hat Bonn am 4. März 2002 in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik, Caritas und Diakonie die erste Heroin-Ambulanz im Rahmen dieses bundesweiten Modellversuchs eröffnet. Mittlerweile beteiligen sich sieben Städte an der Studie, darunter auch Hamburg, Frankfurt am Main, Hannover, Karlsruhe, Köln und München. Die Studie ist zunächst für drei Jahre angelegt.

Erfolg im Ausland

Die Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen Birgit Fischer zeigte sich zufrieden darüber, dass sich nach Jahren der Diskussion über eine staatliche Abgabe von Heroin ein solches Modellprojekt durchsetzen konnte. Ein Pro-Argument waren vor allem die erfolgreich durchgeführte Studien in europäischen Nachbarländern.

In der Schweiz fiel der Startschuss schon 1994. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich die Lebenssituation der Süchtigen rapide verbessert, niemand war mehr obdachlos, und die Arbeitslosigkeit fiel von 44 auf 20 Prozent. Ein Drittel derjenigen, die Sozialhilfe bezogen, kam im Laufe der Studie ohne diese aus und während noch zu Beginn 70 Prozent der Junkies in Straftaten verwickelt waren, reduzierte sich diese Zahl nach 18 Monaten auf 10 Prozent. Schließlich errechnete das Zürcher Institut für Suchtforschung sogar, dass trotz des finanziell aufwändigen Programms die Einsparungen bei Polizei und Gesundheitsbehörden überwogen.

Moralische Kritik von konservativen Drogenexperten, der Staat betätige sich durch solche Projekte selbst als Drogendealer, nannte die Ministerin Fischer in diesem Zusammenhang "absurd". Wer solche Kritik äußere, der ignoriere die positiven Erfahrungen im Ausland und die offensichtlich gesamtgesellschaftlichen Vorteile. (Ina)

  • Datum 17.12.2003
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  • Permalink http://p.dw.com/p/4SNY
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