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Asien

Stets unterschätzt

Lenovo ist nach Absatzzahlen der größte Computerhersteller der Welt. Doch die Chinesen ruhen sich nicht auf ihrem Erfolg aus, sondern expandieren schnell und klug, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Blicken sie nach China, fühlen sich die amerikanischen Konzerne Hewlett-Packard und Dell nicht besonders wohl. Denn ein chinesischer Konzern rückt ihnen in immer mehr Märkten auf die Pelle. Nachdem ein Geschäft zwischen dem amerikanischen Schwergewicht IBM und Chinas Lenovo schon seit Anfang des Jahres in der Schwebe stand, haben die Chinesen von der zuständigen US-Behörde jetzt grünes Licht für einen neuen Deal bekommen. Für 2,3 Milliarden US-Dollar dürfen sie das komplette Geschäft mit x86-Servern von IBM übernehmen, von der Fertigung bis zum Vertrieb.

Plötzlich stehen Chinesen damit auf Platz Drei des weltweiten Servermarktes, zwar noch hinter Hewlett-Packard und Dell, aber mit dem Vorteil, dass der größte Wachstumsmarkt ihr Heimatmarkt ist. Den beiden amerikanischen Unternehmen ruft dieser Deal unangenehme Erinnerungen ins Gedächtnis: Vor zehn Jahren noch haben sie Lenovo belächelt, als der Konzern sich für 1,75 Milliarden US-Dollar die PC-Sparte von IBM kaufte. Chinesische Technik genoss damals noch keinen guten Ruf. Ein Glück für die Chinesen, denn so unterschätzten vor allem die beiden weltgrößten Hersteller den Aufsteiger fahrlässig. Mittlerweile führt der chinesische Großkonzern die Computerbranche souverän mit einem weltweiten Marktanteil von 17 Prozent an. Und das nicht nur über Masse, sondern auch über Innovation. Dachte man anfangs noch, dass Lenovo zum Beispiel das Qualitätsniveau der Laptop-Marke ThinkPad nicht halten würde, wurde man schnell eines Besseren belehrt. Die Notebooks sind ebenso innovativ, wie die der westlichen Wettbewerber. Das Thinkpad ist nach wie vor die erste Wahl in der Unternehmenswelt.

Doch da die Computersparte in Zeiten von Smartphones und Tablets immer weiter schrumpft, möchte Lenovo in Zukunft verstärkt in weitere Märkte expandieren. Wie jetzt zum Beispiel die Servertechnologie, die für Cloud-Dienste und "Big Data", also die Verarbeitung großer Datenmengen dringend gebraucht wird. Der Konzern hofft, dass die Investition in IBMs Server schon im nächsten Jahr größere Gewinne abwerfen wird als seine dominierende PC-Sparte.

Frank Sieren, Kolumnist (Foto: Frank Sieren/DW)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Seit ein paar Jahren schon hat Lenovo sein Augenmerk auf den Smartphone-Markt konzentriert. Diese Sparte ist bei Lenovo zwar noch relativ jung. Doch hält das den Konzern nicht davon ab, in China schon bei den ganz Großen mitzumischen. Noch ist es nicht lange her, da wurde Lenovos heimischer Markt von der ausländischen Konkurrenz dominiert. Dieses Jahr war es dann zum ersten Mal soweit, dass drei chinesische Namen sich an die Spitze gesetzt haben: Smartphones von Xiaomi, Huawei und Lenovo sind jetzt angesagt. Sogar Samsung, der ausländische Marktführer wurde, wie die neuesten Zahlen belegen, von der neuen Nummer Eins Xiaomi verdrängt. Im zweiten Quartal 2014 besaßen die Chinesen zusammen über 65 Prozent Marktanteil in ihrem eigenen Markt. Das sind über 70 Millionen verkaufte Smartphones.

Unter diesen Firmen hat Lenovo vielleicht den interessantesten Aufstieg geschafft – und will keineswegs an der chinesischen Grenze Halt machen. Als man Anfang des Jahres den Kauf der amerikanischen Marke Motorola verkündete, war sich die Branche sicher, dass Lenovo mit seinen Smartphones auch außerhalb Asiens erfolgreich Fuß fassen wird. Die 2,9 Milliarden US-Dollar für die amerikanische Handymarke lohnten sich auf jeden Fall, denn die Chinesen bekamen ein eingespieltes Vertriebssystem, das ihnen einen langwierigen Neustart in den USA, immerhin zweitgrößter Absatzmarkt der Welt, ersparte.

Dass die Firma ihren Einfluss in den unterschiedlichen Bereichen so stark ausbauen konnte, hat sie nicht zuletzt ihrem CEO Yang Yuanqing zu verdanken. Der Topmanager trifft immer wieder die richtigen Entscheidungen, die wichtigste davon war vielleicht 2005 der Einkauf der PC-Sparte von IBM. Allerdings zeigen Yangs Erfolge seitdem immer wieder, warum der 49-jährige mit einem Jahresgehalt von 21,3 Millionen Dollar der bestverdienende Topmanager Chinas ist. Ebenfalls 2005 ging er eine enge Kooperation mit Microsoft ein und half bei der Verbreitung des Betriebssystems Windows und gleichzeitig dem Ansehen von Lenovo. Der Kauf des Handyherstellers Motorola von Google in diesem Jahr geht auch auf ihn zurück.

Und nun landet Yang seinen nächsten Coup: Wie schon in der Smartphone-Branche ist der Erfolg auf dem Servermarkt fast ausgemachte Sache. Lenovo übernimmt mit den Servern von IBM fast 7000 Mitarbeiter in 34 Forschungs- und Produktionsstandorten auf der ganzen Welt - also eine fertige internationale Arbeitsstruktur. In den USA beobachtet man diese Expansion mindestens mit Argusaugen. Denkt man daran, dass die Amerikaner den Chinesen Internetspionage vorwerfen, ist es verwunderlich, dass die amerikanische Regierung das Geschäft genehmigt: Werden die nun chinesischen IBM-Server doch in einer Reihe von US-Behörden und wohl auch in Daten-Centern des Militärs eingesetzt.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren ("Geldmacht China"), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.