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Deutschland

Stern: "Religionsvertreter zum Dialog zwingen"

Der Jüdische Weltkongress (WJC) hat die Politik aufgefordert, den Dialog der Religionen stärker anzukurbeln. Privatinitiativen reichten dazu nicht aus, sagt WJC-Vizegeneralsekretär Maram Stern im DW-Interview.

Von Sonntag bis Dienstag berieten auf Einladung von Außenminister Sigmar Gabriel mehr als 100 religiöse Würdenträger aus aller Welt über "Friedensverantwortung der Religionen". Das Außenamt widmet dem Thema künftig sogar einen eigenen Arbeitsbereich. Unter den Teilnehmern des Dialogs war auch Maram Stern vom Jüdischen Weltkongress.

Deutsche Welle: Herr Stern, wie fällt Ihr Fazit der Gespräche auf Initiative von Außenminister Gabriel aus?

Stern: Erst einmal beglückwünsche ich das Auswärtige Amt, eine solche Konferenz einzuberufen. Es ist nicht das Normalste, dass sich ein Außenminister um das Thema Religionen kümmert und Religionsvertreter einlädt. Die Diplomatie erkennt, dass Religion ein Teil der Gesellschaft ist und dass sich Religionen stärker für eine friedliche Welt einbringen müssten.

Bringen solche Dialog-Veranstaltungen etwas?

Für mich ist es ein Problem, dass wir bei diesen Veranstaltungen über die Jahre immer die gleichen Beteiligten sind. Wir kennen uns. Alles ist schön. Aber dann kommen wir wieder in unseren Alltag zurück. Da ist es dann schwieriger. Und in der muslimischen Welt gibt es keine Hierarchie der Würdenträger. Sie haben niemanden, der wirklich sagen kann, er rede für seine Gruppe.

Kann die Politik trotzdem etwas erreichen?

Dann müsste die Diplomatie die Religionsvertreter auch wirklich zwingen, miteinander zu reden. Wenn ein Ministerium wie das Auswärtige Amt sie gemeinsam in einen Raum sperrt, den Schlüssel wegschmeißt und sagt "Geöffnet wird erst wieder, wenn ihr miteinander gesprochen habt", dann wäre das gut. In Privatinitiative wird so etwas nie funktionieren. Es braucht dazu jemanden, dessen Stellung stark genug ist. So wie es bei einem Außenminister es ist. Und ein Thema könnte ja zunächst etwas sein, an dem verschiedene Religionen ein gemeinsames Interesse haben, wie - um ein Beispiel zu nennen - drohende Restriktionen in europäischen Ländern gegen die Vorgaben für Fleisch, das koscher oder halal ist.

Kommen wir zu einem konkreten Beispiel einer religionsübergreifenden Zusammenarbeit. Herr Stern, vor der Berliner Tagung waren Sie in Rom. Dort eröffneten die Vatikanischen Museen und das Jüdische Museum eine Schau über Kultur und Geschichte des siebenarmigen Leuchters, der Menora. Es ist die erste gemeinsame Ausstellung von Vatikan und Jüdischer Gemeinde überhaupt. Warum war Ihnen das wichtig?

Die Ausstellung als solche fasziniert, sie ist unglaublich gut gemacht und lehrreich. Aber das Wichtigste und wirklich Schönste für mich ist, dass der Vatikan bereit war, gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde in Rom eine solche Ausstellung zu erarbeiten. Das ist nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Und der Vatikan zeigt Objekte, die niemals zuvor öffentlich zu sehen waren. Politisch geht diese Schau für mich in die Geschichte ein.

Zwischen Jüdischem Weltkongress und katholischer Kirche gibt es aber doch einen bewährten Dialog.

Man meint ja heute, der Vatikan würde schon seit hundert Jahren mit uns reden. Nein. Als ich vor 32 Jahren begann, für den Jüdischen Weltkongress zu arbeiten, war es unmöglich, bei einem Kardinal oder einem Bischof ein Gespräch zu bekommen. Aus Angst oder was auch immer. Und heute ist es das Selbstverständlichste von der Welt. Wir kommunizieren auf allen Ebenen miteinander. Ob es mit dem Papst ist, einem Kardinal oder einem Bischof. Das zeigt mir: Dialog kann so viel bringen.

Der jüdisch-katholische Dialog läuft also. Wie sieht es mit den Protestanten aus, die gerade das Jubiläum der Reformation feiern, aus der nach 1517 die evangelische Kirche hervorging. In der Lutherstadt Wittenberg gibt es im Reformationsjahr Proteste gegen die mittelalterliche Schmähskulptur "Judensau" an der Außenwand der Stadtkirche. Sie zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Juden säugen. Sollte die Skulptur entfernt werden?

Nein, entfernen auf keinen Fall. Wir können die Geschichte nicht ändern. Im Gegenteil. Wir sollen daraus lernen und daran arbeiten. Eine Schrifttafel könnte einfach erläutern, wieso es zu dieser Darstellung kam und dass diese Sichtweise überholt ist.

Hat die evangelische Kirche über dieses Thema mal mit Ihnen gesprochen?

Nein. Ich bedauere sehr, dass wir mit der Evangelischen Kirche in Deutschland keinen geregelten Dialog haben. Mehrmals habe ich versucht, an die EKD heranzukommen. Alle sind höflich und nett - aber zu einem regelmäßigen Meinungsaustausch ist es bislang nicht gekommen. Und das bedauere ich zutiefst. Auch beim Kirchentag fehlt mir ein breiterer Blick auf die Facetten des jüdischen Glaubens. Das würde sich bei einem besseren Dialog wahrscheinlich auch ändern - siehe den jüdisch-katholischen Dialog.

Maram Stern, 61, ist Vize-Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses (WJC). Er ist in dem Dachverband zudem verantwortlich für den interreligiösen Dialog.

Das Gespräch führte Christoph Strack.

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