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Kunst

Stephanie Weber: "'Fake News' ist eine Umschreibung für Propaganda"

Um heutige Formen von Propaganda geht es in einer Münchner Ausstellung. Unter dem Titel "After the Fact" zeigt das Lenbachhaus Werke, die den Begriff vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen neu betrachten.

Begriffe wie "Fake News" oder "alternative Fakten" lassen sich einordnen in die Rubrik Propaganda. Das Lenbachhaus in München geht in seiner aktuellen  Ausstellung auf die vielfältigen Gesichter und oft versteckten Formen von Propaganda, also der Meinungsmache und Einflussnahme ein. Die Schau zeigt 35 Exponate, die zum Teil aus mehreren hundert Teilen bestehen - Arbeiten von 25 zeitgenössischen Künstlern. Die Kuratorin von "After the Fact. Propaganda 2001-2017" ist Stephanie Weber. Wir haben mit ihr gesprochen.

DW: Frau Weber, als Kuratorin der Ausstellung konstatieren Sie, mit dem 21. Jahrhundert beginne eine neue Ära politischer Propaganda. Worauf beziehen Sie das?

Stephanie Weber: Auf diese komplexe Frage gibt es unterschiedliche Antworten. Ich bin aufgrund mehrerer Daten zu dieser Aussage gekommen. Propagandaforscher, die eher in der Kriegsforschung arbeiten, sagen: Im 21. Jahrhundert beginnt eine neue Ära der Propaganda wegen der Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 und wegen der Antwort der USA auf diese Anschläge. Zum anderen kann man sagen, dass sich mit der Verbreitung des Internets seit dem Ende der 1990er Jahre ganz andere Möglichkeiten der Propaganda ergeben. Viele aktuelle Propaganda-Werkzeuge gibt es natürlich online. Manche können von uns allen genutzt und gesteuert werden, etwa indem wir Nachrichten über Soziale Medien propagieren, und manche können nur von wenigen gesteuert werden.

Stephanie Weber, Kuratorin des Lenbach in München (Lenbachhaus)

Stephanie Weber kuratiert "After the Fact"

Sie sagen, Propaganda sei als strategische Praxis der Kommunikation und Einflussnahme in aktuellen gesellschaftlichen Prozessen allgegenwärtig. Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele.

Mit Propaganda bezeichnet man zumeist etwas Negatives. Man denkt da vielleicht an die Nazi-Propaganda. Wenn man den Begriff aber weiter fasst, so wie er auch ursprünglich mal funktioniert hat, dann könnten fast alle Kommunikationsprozesse, in denen wir versuchen, zu überzeugen oder Meinungen zu verstärken, als Propaganda bezeichnet werden. Ganz offensichtliche Beispiele sind in diesem Moment die "Fake News". Diese Bezeichnung für einen Sachverhalt ist inzwischen als Ausdruck zu einem Propagandamittel geworden, dadurch dass Donald Trump damit immer wieder versucht, Kritik an ihm abzukanzeln. "Fake News" ist meiner Meinung nach eine Umschreibung für Propaganda.

Der Begriff Propaganda ist äußerst negativ besetzt. Sie sagen, dass stattdessen beschönigende Begriffe wie "strategische Kommunikation", "politisches Management" oder "Marketing" in westlichen Demokratien verwendet werden. Welche Methoden unterschiedlich gearteter Meinungsmache sind Ihnen da aufgefallen?

Wir haben mit der Ausstellung das Rad nicht neu erfunden, sondern uns auf Untersuchungen, Theorien und Meinungen gestützt, die es schon gab. Wir versuchen in der Ausstellung aber nicht zu sagen, das ist Propaganda. Das interessante an diesem Begriff ist, dass er so vielschichtig ist, dass er gut sein kann oder schlecht sein kann. Linke Propaganda, rechte Propaganda rassistische Propaganda, feministische Propaganda... Es gibt ganz unterschiedlich geartete Ideologien, die sich gegenüber stehen.

Wie haben Sie das vielschichtige Thema Propaganda nun kuratorisch umgesetzt?

Das war für uns hier im Haus anfangs eine ziemlich schwierige Herausforderung. Wie behandelt man dieses Thema, wie versucht man sich an einer leichten Begriffsverschiebung, wie kann man diesen Begriff anhand einer Kunstausstellung öffnen? Als wir sahen, wie schnell sich die Politik entwickelt - "postfaktisch" wurde 2016 zum "Wort des Jahres" ernannt, Trump wurde zum US-Präsidenten gewählt - da haben wir beschlossen, auf gar keinen Fall die Kunst zu der Rolle zu verdonnern,  aus der heraus sie dann die Tagespolitik interpretieren und dokumentieren soll. Sondern die Kunst soll ihren Raum haben. Wir wollen lieber der Komplexität und auch der Abstraktion der Kunstwerke in Bezug auf dieses Thema folgen. Das bedeutet: Man sucht nach Arbeiten, ohne einen festen Propaganda-Begriff vorzugeben. Und deswegen kommen ganz unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler, sehr unterschiedliche Werke und auch sehr unterschiedliche Haltungen in dieser Ausstellung zum Ausdruck - hoffe ich.

Deutschland Lenbachhaus in München (Städtische Galerie im Lenbachhaus München )

Das Lenbachhaus in München

Wie stellen denn die ausgestellten Künstlerinnen und Künstler die verschiedenen Formen des Umgangs mit Propaganda dar?

Das tun sie gar nicht so direkt. Es gibt nur wenige Künstler, die sich explizit namentlich auf Propaganda überhaupt beziehen. Auch das war von uns Methode. Wir wollen versuchen, Propaganda dort festzustellen, wo sie gar nicht so offensichtlich ist. Nicht dort, wo Flaggen geschwenkt und Parolen gerufen werden, sondern vielleicht eher dort, wo wir durch die Art, wie unsere ökonomisierten Gesellschaften funktionieren, manipuliert werden. Das sind so die feineren Töne.

Welche Kunstformen sind in Ihrer Ausstellung vertreten?

Es gibt fast alles. Es gibt Malerei - auch sehr unterschiedliche Malereien - es gibt Videoinstallationen, es gibt Skulpturen, es gibt Papierarbeiten. In der Ausstellung ist fast jedes Medium vertreten, das man sich vorstellen kann. Wir waren auch bemüht, eine Mischung aus bekannten, weniger bekannten, jungen und älteren Künstlern mit vielen Themen zu bekommen. Das war uns wichtiger als mit vielen bekannten Namen zu beeindrucken.

Das Gespräch führte Klaus Krämer.

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus ist ein Kunstmuseum der bayerischen Landeshauptstadt München. Es ist im Lenbachpalais untergebracht, der Villa des Malers Franz von Lenbach (1836-1904). Weltbekannt ist das Museum wegen der Sammlung von Werken der Gruppe "Der Blaue Reiter". Ein Teil der Räume beherbergt wechselnde Ausstellungen. Die aktuelle Schau "After the Fact. Propaganda 2001-2017" ist vom 30. Mai bis 17. September 2017 zu sehen.

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