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Lebensart

Steinzeit-Höhle als Kopie

Schutz des Unesco-Weltkulturerbes oder Touristenspektakel? Die Chauvet-Grotte in Frankreich mit den berühmten prähistorischen Malereien ist erstmals zu besichtigen. Als Kopie, aus Harz und Beton.

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Höhlenmalerei für alle

Nahezu lautlos gleiten zwei Türen zur Seite und geben den Blick frei auf eine glitzernde Tropfsteinhöhle mit weiß bis ockerfarben schimmernden Wänden. Es ist kühl und riecht nach Erde und Mineralien. Die Luft ist feucht und schwer. Auf dem Boden zeichnen sich verstreute Knochen, feuchte Rinnsale und zu Kristallen gewordene Versteinerungen ab. In einer Ecke tropft es von einem Stalagtiten auf den silbrig glitzernden Boden. An der Wand sind Kratzspuren von Bärentatzen und abstrakte rote Punkte zu erkennen. Im hinteren Teil der Grotte leuchten schwarze, ganze Wände füllende Tierszenen: Rhinozerosse, die miteinander kämpfen, Löwen, die einer wollhaarigen Bisonherde auflauern, neben Mammuts, Raubkatzen und Pferden.

Bei genauer Betrachtung fällt auf: Es handelt sich um eine Kopie. Der Lehm und Tropfsteinformationen sind aus gefärbtem Kunstharz gefertigt und die vielen Zeichnungen, Knochen und Abdrücke befinden sich sehr eng auf einen Raum konzentriert. Die Kopie ist täuschend echt, versichert der Höhlenforscher Jean Clottes, der als einer der ersten Experten die echte Chauvet-Grotte betreten durfte: "Sie haben die Felswände originalgetreu nachgebaut und die Zeichnungen sehen wirklich genausoso aus wie in der Grotte". Der 80-jährige Wissenschaftler und seine Kollegen sind sichtlich beeindruckt von der Qualität des Nachbaus.

Lieber kopieren als prähistorische Zeitzeugnisse beschädigen

Kopie der prähistorischen Chauvet-Höhle, Foto: AP

Künstliche Grotte: die prähistorische Chauvet-Höhle darf besucht werden

Mit großem Engagement haben die Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen wie Architekten, Bühnenbildner und Ingenieuren für den Nachbau zusammengearbeitet. Sie finden, dass die Menschen ein Anrecht darauf haben, die herausragende Chauvet-Höhle zumindest als Kopie zu erleben. Zählen doch die prähistorischen Darstellungen von vor 36 000 Jahren zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Kunst. "Die Böden geben uns Informationen über das Verhalten der Menschen und das Leben der Bären", schwärmt der leitende Forscher der Chauvet-Grotte, Jean-Michel Geneste. Er und sein Team sind sich einig, dass diese außerordentlich gut erhaltenen Zeitzeugnisse nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, da sie dadurch beschädigt werden würden, wie bereits bei anderen Höhlen geschehen.

Der Nachbau ist ein Pilotprojekt mit dem Anspruch, anhand modernster Technik, die Chauvet-Grotte beim Vallon Pont d'Arc in der Archèche bis ins kleinste Detail nachzubauen. Der Besucher soll sie so erleben wie ihre ersten Entdecker: in Stille, Kühle und Dämmerlicht. Kostenpunkt: 55 Millionen Euro.

Prähistorische Zeichnung als Nachahmung, Foto: dpa

425 Zeichnungen von Tieren gibt es in der Höhle zu entdecken

Von Anfang an stand das Vorhaben unter der Schirmherrschaft des Kulturministeriums, das es mit knapp 22 Prozent der Summe finanzierte, hinzu kamen 18 Prozent die Europäische Union. Den größten Teil aber steuerten die Region und das Département der Ardèche bei. Sie rechnen damit, dass der Nachbau der berühmten Grotte ein Touristenmagnet wird und die lokale Wirtschaft ankurbelt.

Modernste Technologie und viel Handarbeit für die Grottenkopie

Mehr als ein Drittel der Grotte ist in dem 3 000 Quadratmeter großen Nachbau zu sehen. Dafür wurde die originale Tropfsteinhöhle digital vermessen und ein 3 D-Modell der Grotte hergestellt. Aus dieser Vorlage entstand ein Betongehäuse und ein Skelett aus Stahl, das zentimetergenau die zerklüfteten Spalten, Wölbungen und Böden imitiert. Dann zeichneten Künstler die Höhlenmalereien in Handarbeit nach, anhand von Projektionen auf die nachgebauten Felswände.

In Handarbeit wurden auch die Höhlenphänomene hergestellt: Ingenieure experimentierten, wie sie mit chemischen Stoffen Tropfsteine wachsen lassen konnten oder auf nachgemachten Knochen kalkige Ablagerungen produzieren.

Viel experimentiert wurde auch, um die Bedingungen in der echten Grotte nachzuahmen: So komponierte eine Geruchsexpertin anhand von Recherchen in der echten Grotte, ein entsprechendes Parfüm für den Nachbau. Außerdem wird durch ständiges Besprühen der Harzwände und durch feuchte Zonen in der Replik eine Luftfeuchtigkeit von 65 Prozent produziert. Eine Klimaanlage kühlt sie auf 18 Grad herunter. Um ein Gefühl für die Chauvet-Höhle zu entwickeln und die Nachbildungen zu überprüfen, durften alle Beteiligten immer wieder in die echte Grotte hinabsteigen.

Ein Museum zur Vorgeschichte ergänzt die Grotte

Prähistorische Zeichnung als Nachahmung, Foto: AP

Die Höhle ist nun die größte Replik der ganzen Welt

Neben dem Grottennachbau wurde auf dem Gelände, fünf Minuten Fußweg entfernt, ein Museum für die Vorgeschichte von vor 36 000 Jahren eingerichtet. Dort werden die Pflanzen, Tiere und der Alltag der Männer und Frauen zu Zeiten der Bemalung der Chauvet-Höhle dargestellt. Außerdem werden auf dem Gelände pädagogische Werkstätten für die Arbeit mit Schulklassen und Räume für Wechselausstellungen angeboten. Die Region und das Departement der Ardèche haben es verstanden, die sensationelle Entdeckung der Chauvet-Höhle vor mehr als zwanzig Jahren, für sich zu nutzen. Sie haben einen Ort geschaffen, der in Zukunft wohl Besucher aus der ganzen Welt anziehen wird. Es ist jedoch kein Disneyland der Vorgeschichte, sondern ein gelungener Versuch, ein Reise in die Steinzeit zu simulieren.

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