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Wirtschaft

Steinbrück und Experten: "Keine Panik"

Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers hat an den Börsen weltweit eine Schockwelle ausgelöst. In Deutschland versuchen Politiker, Banker und Wirtschaftsexperten jetzt, die Gemüter zu beruhigen.

Aktienhändler an der Frankfurter Börse(16.9.2008), Foto: AP

An der Frankfurter Börse fiel der DAX erneut(16.9.2008)

Rund um den Globus hat der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers an den Börsen wie eine Bombe eingeschlagen. Der Dow Jones Index an der Wall Street verlor über 500 Punkte - der tiefste Fall seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In Tokio verlor der Nikkei-Index über 600 Punkte, und am Frankfurter Aktienmarkt fiel der Deutsche Aktienindex DAX am Dienstag (16.9.2008) den zweiten Tag hintereinander. Nun steht er unter der psychologisch wichtigen Marke von 6000 Punkten.

Nachrichtenticker am New Yorker Times Square mit den Aktienkursen von Lehman Brothers am 16. September (Foto: AP)

Nachrichtenticker am New Yorker Times Square mit den Aktienkursen von Lehman Brothers am 16. September

Der Grund für die Abwärtsspirale an den Börsen sind - außer der Lehman-Pleite - Befürchtungen, dass nach den Hypotheken- und Investmentbanken nun die Versicherungen umfallen könnten wie die Doministeine. So hat der amerikanische Versicherungsriese American International Group AIG innerhalb eines Tages zwei Drittel seines Börsenwerts eingebüßt. Neben dem klassischen Versicherungsgeschäft ist der Gigant auch als Vermögensverwalter tätig und betreibt ähnlich riskante Geschäfte wie eine Investmentbank.

Lob auf das deutsche Universalbankensystem

In Deutschland versuchen derweil Politiker, Banker und Wirtschaftsforscher, durch beruhigende Äußerungen alle Anzeichen von aufkommender Panik im Keim zu ersticken und die Folgen der Finanzmarktkrise für die Realwirtschaft als harmlos und verkraftbar hinzustellen. Finanzminister Peer Steinbrück sagte in der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages, es gebe keinen Anlass, an der Stabilität des deutschen Finanzsystems zu zweifeln, und fügte hinzu: "Das deutsche Universalbankensystem hat sich als robuster und resistenter herausgestellt als das amerikanische Bankensystem."

In den USA galt bis 1999 ein Trennbankensystem, das nur die Bildung von Spezialbanken wie zum Beispiel Investmentbanken zuließ. Das rächt sich jetzt, während deutsche Universalbanken viel breiter aufgestellt sind: Klappt es im Investmentbanking nicht, bleibt immer noch das Hypothekengeschäft oder die Finanzierung mittelständischer Unternehmen oder das Geschäft mit den Privatkunden.

Geldverleih ist Vertrauenssache - auch unter Banken

Gestapelte Bündel von US-Dollarnoten: Beim Geld hört das Vertrauen oft auf - auch unter Banken (Foto: AP)

Beim Geld hört das Vertrauen oft auf - auch unter Banken

Die Frage ist allerdings, ob nicht auch deutsche Banken von einem drohenden so genannten Credit-Crunch betroffen sein könnten: Weil nämlich keine Bank weiß, wie viele faule Eier der Wettbewerber noch in seinen Büchern hat, sinkt die Bereitschaft, untereinander Geld zu verleihen, gegen Null. Deshalb haben die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die Schweizerische Nationalbank auch am Dienstag wieder Milliardensummen in die verunsicherten Finanzmärkte gepumpt, um mögliche Liquiditätsengpässe zu verhindern.

Schon am Montag hatten zehn große Banken aus Deutschland, den USA, Großbritannien und der Schweiz untereinander Unterstützung in Milliardenhöhe zugesagt. Um mögliche Liquiditätsengpässe zu verhindern, erklärte sich jede der zehn Banken bereit, Kredite in Höhe von bis zu sieben Milliarden Dollar zu gewähren, falls eines der teilnehmenden Institute frisches Kapital benötigt. Aus dem Topf von 70 Milliarden Dollar kann ein Haus höchstens ein Drittel beanspruchen. Neben der Deutschen Bank gehört der neuen Selbsthilfegruppe alles an, was Rang und Namen hat: Bank of America, Barclays, Citigroup, Credit Suisse, Goldman Sachs, J.P. Morgan Chase, Merrill Lynch, Morgan Stanley und UBS.

Keine deutsche Rezession in Sicht

Während an den Börsen dieser Welt die Aktien von Banken und Versicherungen ins Bodenlose stürzen, gehen in Deutschland die Meinungen darüber, ob die Finanzmarktkrise Auswirkungen auf Konjunktur und Wachstum haben wird, weit auseinander. Nach Meinung des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts HWWI wird die Konjunkturflaute in Deutschland schon im nächsten Jahr überwunden. Ungeachtet der Turbulenzen am Finanzmarkt könne man für Deutschland ganz gelassen bleiben. Michael Bräuniger, Chef der Konjunkturabteilung beim Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI meint, die reale Wirtschaft sei von der Finanzkrise noch weitgehend verschont geblieben. "Sicherlich hat hier die Bankenkrise negative Auswirkungen, aber wir sehen zurzeit keine Rezession in der Weltwirtschaft. Insofern geht die Finanzkrise noch relativ gnädig an uns vorüber."

Panoramaansicht: Das Börsenparkett an der New Yorker Wall Street hat schon manche Krise erlebt (Foto: AP)

Das Börsenparkett an der New Yorker Wall Street hat schon manche Krise erlebt

Bräuninger und seine Kollegen glauben, dass die deutsche Wirtschaft trotz der Flaute 2009 um rund ein Prozent wachsen wird. "Wir hatten zwar eine Abkühlung in Deutschland, weltweit sogar noch stärker. Deutschland steht insofern sogar etwas besser da, als der europäische und weltweite Durchschnitt. Aber wir sehen keine tiefe Rezession, sondern schon wieder eine gewisse Verbesserung gegen Jahresende."

Ausschließen will keiner etwas

Auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW hat im September unter den regelmäßig befragten Finanzmarktexperten wieder wachsende Zuversicht registriert, der Index der Konjunkturerwartungen konnte um 14,4 Punkte zulegen. Anders dagegen das Rheinisch Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung RWI: Dort glauben die Forscher, dass die anhaltende Finanzkrise das Wachstum dämpfen wird. Sie revidierten ihre Wachstumsprognose für das nächste Jahr von 1,5 auf nur noch 0,7 Prozent.

Ein genereller Einbruch der Weltwirtschaft sei aber nicht zu erwarten - wenn nicht weitere Hiobsbotschaften von Banken, Börsen und Versicherungen kommen. Doch ausschließen will das derzeit niemand. Laut Konjunkturexperte Bräuniger vom HWWI zeige diese Krise, wie intransparent das ganze Bankensystem sei. "Es ist schwierig zu sagen, wie weit das Ganze noch gehen kann."

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