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Europa

Steinberg: "Es ist einfach, ins Kriegsgebiet zu reisen"

Immer mehr junge Islamisten aus Europa gehen nach Syrien, um sich dort an dem Krieg "gegen die Ungläubigen" zu beteiligen. Nun sind auch einige Rekrutierungsfälle von Kämpfern aus Albanien bekannt geworden.

DW: Die Sicherheitskräfte in Albanien haben vor wenigen Tagen (09.03.2014.) acht Personen verhaftet, die Kämpfer für Syrien rekrutiert haben sollen, darunter auch zwe Imame. Die angeworbene Kämpfer flogen zuerst in die Türkei, um von dort aus nach Syrien weiter zu reisen. Ist das der übliche Weg?

Guido Steinberg: Die Ausreise von Albanern über die Türkei nach Syrien ist keine große Überraschung. Es gibt einen großen

Zustrom von europäischen Kämpfern

aus allen möglichen Ländern: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, aber auch aus Bosnien, aus dem Kosovo, aus Österreich und aus Belgien in Richtung Türkei. Es gibt mittlerweile Städte, in die diese Rekruten reisen können. Dort können sie ohne Probleme Ansprechpartner finden, die sie dann schnell über die syrische Grenze bringen. Dort werden Neuankömmlinge trainiert und je nach Wunsch auf verschiedene Gruppierungen verteilt. Es ist ein Phänomen, was wir mittlerweile ja seit fast zwei Jahren kennen.

Werden sie in der Türkei oder in Syrien trainiert?

Das Training findet in Syrien statt. Die Türkei ist eher ein Aufmarsch- und Rückzugsgebiet. Das große Problem ist, dass die Türkei diese Aktivitäten in den letzten Jahren weitgehend geduldet hat. Allerdings versucht sie seit einigen Monaten zumindest die allerschlimmsten Gruppierungen in ihrer Handlungsfreiheit etwas zu beschränken. Insgesamt aber ist die Türkei da ein Teil des Problems und kein Teil der Lösung.

Das Phänomen ist für Albanien relativ neu. Bisher kannte man das eher aus dem Kosovo, Mazedonien oder Bosnien und Herzegowina. Ist der Balkan besonders empfänglich für extremistische Ideologien?

Es ist keine große Überraschung, dass der Balkan ein Schwerpunkt dieser Ausreisetätigkeit darstellt. Das bezieht sich weniger auf die absoluten Zahlen - hier dominieren die Syrienausreisen aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Wenn man allerdings die Zahl der Ausreisenden im Verhältnis zur Bevölkerungszahl nimmt, sind da viele kleinere Staaten führend. Das sind vor allem Belgien, Österreich und Dänemark, aber auch

Bosnien ist ganz weit vorne dabei.

Ähnliches kann man auch für den Kosovo und etwas weniger für Albanien sagen.

Wie funktionieren die Rekrutierungsnetze, mit welchen Methoden werden die Menschen rekrutiert?

Es gibt da ganz unterschiedliche Vorgehensweisen. Es gibt Menschen, die Kontakt zu terroristischen Netzwerken haben, die gezielt rekrutieren. Das geschieht in der Regel in salafistischen Kulturzentren, oder in Moscheen. Das ist ein Phänomen, das nicht sehr gut erforscht ist, weil in der Regel agieren diese Leute sehr vorsichtig. Aber deutlich ist, dass junge Leute untereinander rekrutieren. Freunde bringen ihre Freunde und Bekannte mit in die Moschee und in die salafistische Szene. Es ist eher ein gruppendynamischer Prozess, als eine gezielte Anwerbung. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass syrische Organisationen in Europa ihre Rekrutierer haben. Das wird es vielleicht in Einzelfällen geben, aber in der Regel ist eher die Initiative der europäischen Freiwilligen entscheidend.

Screenshot der Internetseite liveleak.com (Foto: DW)

In Syrien kämpfen viele Jihhadisten vom Balkan

Welche Motive führen diese Menschen dazu, ihr Leben in Syrien aufs Spiel zu setzen?

Es gibt ganz viele, verschiedene Motive, die sich je nach Land auch unterscheiden. Allgemein kann man sagen, dass viele, vor allem salafistische Muslime, der Überzeugung sind,

ihren Glaubensbrüdern in Syrien

zu Hilfe eilen zu müssen. Der Unterschied zu Pakistan oder Afghanistan oder zu Somalia ist, dass die Reise nach Syrien so einfach ist. Aus vielen europäischen Staaten, zumindest aus denen, die der EU angehören, kann man nur mit einem Personalausweis in die Türkei reisen. Das war bei Pakistan oder bei Somalia immer ganz anders: es war sehr viel schwieriger dahin zu kommen. Es gibt aber auch andere Motive, wie zum Beispiel Abenteuerlust, die da sicher eine Rolle spielen, aber der wichtigste Grund sind wohl die schrecklichen Bilder, die wir aus dem Syrienkrieg in einer Anzahl haben, wie wir sie aus den anderen Konflikten nie gekannt haben.

Diese Ausreisenden nehmen manchmal sogar ihre Familien, ihre Frauen und Kinder, mit in den Krieg. Kann man diesen Angehörigen irgendeine Sicherheit vor Ort anbieten?

Ja das ist tatsächlich ein Phänomen, das nicht nur die Albaner betrifft. Ganz viele europäische Dschihadisten reisen mit ihren Frauen und Kindern. In Deutschland zum Beispiel spricht man von 20 bis 40 Frauen, die mitgereist sind. Einige bleiben in der Türkei, dort sind sie auch sicher. Die meisten scheinen aber über die Grenze mitzugehen. Es gibt da eine regelrechte Infrastruktur und bestimmte Gebiete, in denen die dschihadistischen Gruppierungen in Syrien weitgehend sicher sind.

Die Muslimische Gemeinde in Albanien erkennt die zwei Imame nicht als Teil dieser Institution und distanziert sich ausdrücklich von ihnen. Die neuen Strömungen scheinen aber ein anderes, bisher nicht da gewesenes Gedankengut mit sich zu bringen.

Ja, die meisten dieser Imame gehören der salafistischen Szene an. Was sie vertreten, ist eine Islaminterpretation, die vor allem von Saudi Arabien und anderen Staaten im Persischen Golf gefördert wird. Sie betont, dass nur sie die wahre Interpretation des Islam anbieten kann und hat dadurch auch eine gewisse Aggressivität gegenüber ihrer Außenwelt entwickelt. In einer etwas radikaleren Strömung wird aus dieser Aggressivität dann tatsächlich Gewalt, die sie dann als "heiligen Krieg", oder "Dschihad" bezeichnen.

Man opfert sich nicht mehr für das eigene Land, sondern für ein fernes, abstraktes Ziel?

Sie opfern sich für eine Ideologie, die sie vertreten. Man kann es auch durchaus vergleichen mit dem Engagement vieler europäischer Kommunisten in den 30er Jahren im spanischen Bürgerkrieg. Auch dort gab es dieses Gefühl, man müsste Solidarität mit den Linken in Spanien zeigen. Ganz ähnlich ist das auch jetzt in Europa. Man glaubt, man muss Solidarität mit den Muslimen weltweit zeigen.

Guido Steinberg ist Nahost-Experte und Islamismusforscher bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

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