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"Physisches Ende des IS rückt näher"

Nina Niebergall4. Juli 2016

In Syrien und im Irak büßt der "Islamische Staat" seit Monaten Gebiete ein - doch weltweit werden seine Anschläge immer wirkungsvoller. Nahost-Experte Udo Steinbach erkennt einen Strategiewechsel der Terrormiliz.

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Symbolbild Islamischer Staat (Foto: AP Photo)
Bild: picture-alliance/AP Photo

DW: Herr Steinbach, innerhalb der vergangenen Woche sind über 200 Menschen bei einem Anschlag in Bagdad, mindestens 45 in Istanbul und 22 in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, getötet worden. Steckt hinter all diesen Aktionen der "Islamische Staat" (IS)?

Udo Steinbach: Da stecken Gruppierungen dahinter, die sich zum IS bekennen. Ich glaube nicht, dass wir hier von einer Strategie ausgehen können, die irgendwo in Syrien oder in Rakka, der Hauptstadt des Kalifats, geplant worden ist. Der IS hat mittlerweile in vielen Teilen der islamischen Welt und darüber hinaus Sympathisanten, von Boko Haram in Nigeria über Mali bis in den Jemen.

Die jüngsten Anschläge fanden auf drei verschiedenen Kontinenten statt. Gibt es zumindest einen Austausch zwischen den verschiedenen Gruppierungen?

Diese Gruppen bekennen sich einfach zum IS, weil sie nach einem politischen Rahmen für ihre Aktivitäten suchen. Formal sind sie nicht mit dem "Islamischen Staat" in Rakka verbunden. Es ist eine Art Propaganda, mit der sie signalisieren, dass sie stärker sind, als eine einzelne Gruppe in Mali, im Jemen oder in Afghanistan. Sie suggerieren der Welt: Wir sind ein Ganzes, ein Staat.

Das klingt nach einer neuen Al-Kaida. Entwickelt sich der IS von einer regionalen Kraft zu einem internationalen Terrornetzwerk?

Udo Steinbach (Foto: DW)
Udo Steinbach: Terroristische Netzwerke des IS besser beobachtenBild: DW

Das ist offensichtlich der Fall. Ursprünglich war es die Ideologie des IS, ein islamisches Gemeinwesen, also ein Kalifat, zu gründen. Es ging darum, eine politische Existenz in der islamischen Welt zu gründen - und damit glaubhaft zu machen, dass der "Islamische Staat" eine Alternative zu den real existierenden Staaten im Nahen Osten sei. Der IS hat erst auf den "nahen Feind" gesetzt. Darunter wird in der islamistischen Ideologie der Feind in der eigenen Gesellschaft verstanden. Jetzt scheint er einen Strategiewechsel vorzunehmen und sich stärker auf den "fernen Feind" zu konzentrieren, also die Feinde außerhalb der islamischen Welt, die Europäer und Amerikaner.

Wie lässt sich dieser Strategiewechsel erklären?

Es gibt eine ganz grundsätzliche Diskussion, die unter islamistischen Terrorgruppen geführt wird: Sollen wir zuerst unsere eigenen Gesellschaften bekämpfen und in einen islamischen Staat umwandeln, oder sollen wir die Amerikaner, den Westen und die "Ungläubigen" bekämpfen - wie es Al-Kaida mit den Anschlägen vom 11. September 2001 getan hat. Der IS hat sich von Al-Kaida abgewandt und eine eigene Strategie verfolgt. Das hat zu einer Spaltung der beiden Terrorgruppen geführt. Nachdem der IS in Syrien und im Irak allerdings unter Druck geraten ist, das Kalifat gefährdet zu sein scheint, wendet sich der IS dem "fernen Feind" zu und nähert sich damit Al-Kaida wieder an.

Macht sich der IS mit dieser grundlegenden Kehrtwende bei seinen Anhängern nicht unglaubwürdig?

Wenn wir uns die zahllosen islamistischen Gruppen anschauen, bestand schon immer ein hohes Maß an Flexibilität, was deren Ideologie angeht. Die ideologische Strategiediskussion war das Eine, der Pragmatismus der Kriegsführung das Andere. Man hat dort zugeschlagen, wo man die größten Chancen und die größte Wirkung gesehen hat.

Karte IS Terroranschläge weltweit (Grafik: DW)

In Syrien und im Irak sind die Chancen und Wirkungsräume lange nicht mehr so groß wie noch vor einem Jahr. Wie steht es aktuell um die Machtbasis des IS in der Region?

Der IS muss dort um seine Existenz bangen. Im Irak sind weite Teile verloren gegangen. Noch hält der IS Mossul, aber die militärischen Vorbereitungen seitens der irakischen Staatsführung, Mossul zurückzuerobern, laufen. In Syrien ist es den Gegnern des IS, insbesondere den kurdischen Truppen, mit Unterstützung der USA gelungen, strategisch wichtige Gebiete des "Islamischen Staates" zu besetzen. Damit rückt dessen Ende deutlich näher. Ich glaube, das ist den Leuten des IS bewusst - und auch denjenigen, die im Namen des IS anderswo in der Welt Anschläge verüben. Je näher das physische Ende des "Islamischen Staates" in Syrien und im Irak rückt, umso größer ist bei den Gruppen außerhalb des IS die Entschlossenheit, überall auf der Welt zuzuschlagen. Das physische Ende des IS wird also nicht das Ende des islamistischen Terrorismus sein.

Wie müssen vom Terror bedrohte Staaten auf die neue Strategie des IS reagieren?

Die deutsche Seite unterstützt zum Beispiel die Kurden im Kampf gegen den IS. Die Kriegsführung gegen den IS zu unterstützen, ist richtig und sehr wirkungsvoll gewesen. Zweitens müssen wir die terroristischen Netzwerke des IS besser beobachten. Und drittens müssen wir eine Art Konterstrategie denen gegenüber entwickeln, die bereit sind, aus unseren Gesellschaften heraus in die Gebiete des "Islamischen Staates" zu gehen.

Der Islamwissenschaftler Prof. Udo Steinbach leitete mehr als 30 Jahre das Deutsche Orient-Institut in Hamburg. Heute befasst er sich am Humboldt-Viadrina Governance Center in Berlin insbesondere mit den Gesellschaften in Nordafrika und dem Mittleren Osten.

Das Gespräch führte Nina Niebergall.