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Asien

Steigende Radioaktivität in Fukushima

In den Ruinen des havarierten Atomkraftwerks Fukushima sind die Einsatzkräfte und Techniker am Rande ihrer Kräfte. Ob eine weitere Kernschmelze und der Super-GAU verhindert werden kann, ist offen.

Techniker in weißen Anzügen arbeiten an der Stromversorgung (Foto: dpa)

Der Kampf gegen den Super-GAU: Arbeiten in der gefährlichen Zone von Fukushima

Der Kampf gegen den befürchteten Super-GAU und kaum erträglichen Bedingungen in der Ruine des Atomkraftwerks von Fukushima zermürbt die Arbeiter bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Angesichts der endlosen Schwierigkeiten werden sie zunehmend nervöser. Auch ihre Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden wächst. Immer wieder müssen die Einsatzkräfte in die zerstörten Reaktorblöcke, um die Reaktoren zu kühlen und damit eine weitere Kernschmelze zu verhindern. Ob ihre Arbeit wirklich Erfolg hat und wie es weitergehen soll, weiß aber niemand. Die Experten sind ratlos: Es könne Monate dauern, bis eine Kernschmelze endgültig abgewendet sei, hieß es. Japans Ministerpräsident Naoto Kan bezeichnete die Entwicklung als "unvorhersehbar". Derweil wurde im Meerwasser vor Fukushima eine sehr hohe Konzentration von radioaktivem Jod entdeckt. Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete am Mittwoch (30.03.2011), die Radioaktivität habe das 3.355-Fache des zulässigen Wertes erreicht. Die japanische Atomsicherheits-Behörde versicherte aber, diese Verstrahlung werde voraussichtlich keine gravierenden gesundheitlichen Folgen für Menschen haben, weil das Gebiet evakuiert sei und in der Region nicht mehr gefischt werde. Unterdessen wurde bekannt, der erkrankte Chef des des AKW-Betreibers TEPCO, Masataka Shimizu, werde seine Arbeit in Kürze wieder aufnehmen. Es hatte Gerüchte gegeben, Shimizu habe sich wegen der Atomkatastrophe das Leben genommen oder sei ins Ausland geflohen.

Teil des zerstörten Kraftwerks Fukushima - Luftbild (Foto: dapd)

AKW zerstört, Plutonium im Boden und radioaktiv verseuchtes Wasser in der Ruine - es könnte aber noch schlimmer kommen

Plutoniumspuren in Bodenproben

Nach Einschätzung der internationalen Atomenergiebehörde IAEA ist die Lage in Fukushima weiter sehr ernst. Der Nachweis von Plutoniumspuren in Bodenproben aus der Umgebung des Atomkraftwerks könnte darauf hindeuten, dass eine "sehr kleine Menge" des hochgiftigen Schwermetalls aus der Atomruine freigesetzt worden sein könnte. Auch der AKW-Betreiber TEPCO versicherte nochmals, die gemessene Plutonium-Menge sei gering und für Menschen nicht gefährlich. Ein Unternehmenssprecher zeigte wieder routinierte Hilflosigkeit und erklärte, er könne noch nicht abschätzen, wie lange diese Situation dauern werde: "Zuerst müssen wir aber sicherstellen, dass wir das Kraftwerk unter Kontrolle bekommen", sagte er. Wie dies geschehen könnte, wusste er aber nicht.

Regierungssprecher Yukio Edano konstatierte nochmals, die Lage sei "sehr ernst". Das Plutonium sei ein Hinweis auf "einen gewissen Anteil schmelzender Brennstäbe". Woher das Plutonium stamme, sei bisher aber nicht zweifelsfrei geklärt.

Noch viele Monate

Wasser wird auf die Ruine gespritzt (Foto: Panasia/ SDF)

Wasser soll noch Schlimmeres in Fukushima verhindern

Der deutsche Atomexperte Michael Sailer warnte im Deutschlandfunk, der Fund von Plutonium bedeute, dass die Brennstäbe "entweder knapp unter der Kernschmelze oder in der Kernschmelze" seien. Der Chemiker ist Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes und Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts. Zum Kampf gegen eine Kernschmelze sagte auch Sailer, das werde "viele Wochen, viele Monate dauern".

Die US-Regierung erwartet eine allmähliche Stabilisierung der Lage. Die derzeitigen Informationen ließen vermuten, dass die Reaktoren sich nur langsam von dem Unfall erholen, erklärte der designierte Vize-Energieminister Peter Lyons vor einem Ausschuss des Senates in Washington.

Verseuchtes Wasser und falsche Windrichtung

Neben dem Plutonium in der Erde rund um das havarierte Kraftwerk bereitet das strahlende Wasser in der Atom-Ruine weiterhin Kopfzerbrechen. Die radioaktiv verseuchte Flüssigkeit stand zeitweise mehr als einen Meter hoch in den Kellern der Turbinenhäuser von vier der sechs Reaktorblöcke in Fukushima I. Das Abpumpen des verseuchten Wassers aus dem Keller des Turbinengebäudes von Block 1 ist nach wie vor eine der Hauptaufgaben der Einsatzkräfte. Doch die Arbeiter wissen nicht, wohin mit der hochgiftigen Flüssigkeit aus mehreren Blöcken. Es fehlten Auffangbecken.

Sorgen bereitet zurzeit auch das Wetter. Erwartet wird, dass der am Mittwoch aufs Meer wehende Wind wieder seine Richtung ändert. Dann könnten Böen die radioaktiven Partikel aus Fukushima in Richtung der Millionen-Metropole Tokio tragen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach erwartet für die japanische Hauptstadt einen deutlichen Anstieg der radioaktiven Konzentration, "allerdings deutlich verdünnt gegenüber der Ausgangsregion".

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte die Regierung in Tokio auf, angesichts bedenklicher Strahlenwerte die Evakuierungszone um Fukushima I von 20 auf 40 Kilometer auszuweiten. Noch in 30 Kilometer Entfernung vom Kraftwerk bekämen Menschen innerhalb von zehn Stunden die Strahlenmenge, die normalerweise als Höchstgrenze innerhalb eines Jahres eingestuft werde.

Fachleute aus dem Ausland

Inzwischen kündigten die Japaner an, sie wollten nun verstärkt auch ausländische Fachleute heranziehen, um die havarierten Reaktoren unter Kontrolle zu bringen. Der französische Atomkonzern Areva wollte fünf Nuklear-Experten ins Krisengebiet schicken. Sie sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen. Die USA schickten Spezialroboter für den besonders stark verstrahlten Bereich.

Die Zeitung "Asahi Shimbun" berichtet, die japanische Regierung erwäge, drei beschädigte Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima 1 mit Planen abdecken zu lassen, um die radioaktive Strahlung zu vermindern. Außerdem sei vorgesehen, einen Tanker einzusetzen, um radioaktiv verseuchtes Wasser abzusaugen. Weiterhin offen ist, wie hoch die Kosten für die Katastrophe sein werden. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete, will Regierungschef Kan neben dem eigentlichen Staatshaushalt einen Sonderetat von umgerechnet etwa 17 bis 26 Milliarden Euro aufstellen. Japan ist schon jetzt hoch verschuldet.

Die Zahl der nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März offiziell für tot erklärten Opfer stieg am Dienstag auf 11.168. Weitere 16.407 Menschen werden nach wie vor vermisst. Etwa 4000 Leichen sind noch nicht identifiziert.

Autor: Herbert Peckmann (dpa, dapd, rtr afp)
Redaktion: Annamaria Sigrist

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