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Kultur

Stehende Ovationen und ein Stirnrunzeln: Die Berliner Philharmoniker spielten Beethovens Neunte in der New Yorker Carnegie Hall

Mit Beethovens Neunter geht der fünftägige Sinfonien-Marathon der Berliner Philharmoniker unter Dirigent Sir Simon Rattle umjubelt in New York zu Ende. Doch manche hatten sich ein mutigeres Programm erhofft.

"Ich habe so hohe Erwartungen", sagte Felipe Godaret vor dem Konzert und hob wie zur Bekräftigung seine Hand weit in die Höhe. Der junge Mann war zum ersten Mal in der Carnegie Hall und kannte Beethovens Neunte Sinfonie bisher nur von CD. Am Ende des Konzertes bekannte er, dass seine Erwartungen sogar noch übertroffen worden seien und er mit Sicherheit zum nächsten Konzert der Berliner Philharmoniker kommen werde. Godaret war nicht der Einzige, der sich von der Aufführung von Beethovens Neunter Sinfonie mitreißen ließ, die den Abschluss eines wahren Konzert-Marathons bildete: An fünf aufeinanderfolgenden Abenden hatten die Musiker alle neun Beethoven-Sinfonien gespielt und jedes Mal frenetischen Beifall erhalten.

USA Konzert Berliner Philharmoniker in der Carnegie Hall in New York. Rechte: DW/G. Schließ

Große Erwartungen bei Konzertbesucher Felipe Godaret

Und das, obwohl die New Yorker normalerweise eher sparsam mit Beifallsbekundungen sind: Nachdem der letzte Ton verklungen ist, klatschen sie bisweil nur wenige Sekunden, erheben sich dann schnell von ihren Sitzen, schlüpfen in den Mantel und eilen nach Hause. Jetzt beim Beethoven-Zyklus der Berliner Philharmoniker war alles anders. Nach dem Schlussakkord der Neunten Sinfonie sprangen die Zuhörer auf und brachten dem Orchester rund um Sir Simon Rattle nicht enden wollende Standing Ovations.

Gipfeltreffen der Giganten

Einmal jährlich konzertieren die Berliner Philharmoniker in der Carnegie Hall. Ihre diesjährigen Konzerte waren gleichsam als Gipfeltreffen der Giganten angelegt. Die Idee: Das weltweit wohl prestigeträchtigste Orchester führt den populärsten Sinfonien-Zyklus des klassischen Repertoires in einem sagenumwobenen Konzertsaal auf. Für die meisten im Publikum mag diese Idee aufgegangen sein. Doch der Dreier-Gipfel überzeugte nicht alle.

Die New York Times kannte schon im Vorfeld kein Pardon: Noch bevor die Berliner Philharmoniker den ersten Ton anstimmen konnten, gab der Kritiker des Blattes öffentlich sein "Stirnrunzeln" über die Programmauswahl zu Protokoll: Sir Simon Rattle habe das Orchester erfolgreich ins 21. Jahrhundert geführt und sei bekannt für seine innovative Programmpolitik, in der zeitgenössische Komponisten eine wichtige Rolle spielten, schrieb er anerkennend. Warum in aller Welt er nun zu den Konventionen des Musikbetriebs zurückkehre und mit einem traditionellen Zyklus nach New York komme, wollte der Kritiker wissen. Das sei wenig wagemutig und eine "verpasste Gelegenheit".

Diese Einschätzung sei "ziemlich unqualifiziert", kritisierte Orchestervorstand Peter Riegelbauer postwendend im Gespräch mit der Deutschen Welle. Es sei einfach der Ehrgeiz der Berliner Philharmoniker, in gewissen Abständen den gesamten Beethoven Sinfonien-Zyklus aufzuführen.

Sir Simons musikalisches Testament?

Im Falle von Simon Rattle liege dies sogar sehr nahe, da sich seine Amtszeit als Chefdirigent "schon dem Ende zuneigt". Der Beethoven-Zyklus als die "letzten Worte" des scheidenden Chefdirigenten? Soweit wollte Riegelbauer nicht gehen, bleibt doch Sir Simon Rattle noch bis 2018 im Amt. Von den Konzerten wird das hauseigene Label eine Gesamtaufnahme veröffentlichen. Die könne man dann aber durchaus als "musikalisches Testament" betrachten, so der Orchestervorstand.

In den fünf Konzerten ihrer "New York Residenz" spielten sich die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent in Hochform. Rattle zeigte bei Beethoven Muskeln. Rhythmisch gestrafft, kantig und in raschen Tempi kam die Neunte daher. Er knüpfte an die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis an, ohne den Sound der sinfonischen Aufführungstradition aufzugeben, wie ihn einst die Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan mit Perfektion exerzierten. Und Rattle ließ immer wieder wunderbar leise Momente zu.

Marcel Lindenbaum. Rechte: DW/G. Schließ

Beethovens Musik bringt Lindenbaum zum Lächeln

Das Onlinemagazin New York Classical Review bezeichnete die Konzerte der Berliner Philharmoniker als "denkwürdig". Konzertbesucher Marcel Lindenbaum, der mit seinem Sohn in die Carnegie Hall gekommen war, drückte seine Zustimmung anders aus: Schon beim ersten Ton hatte der ältere Herr ein verzücktes Lächeln aufgesetzt und wurde es bis zum letzten Ton nicht mehr los.

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