Stehaufmännchen Charr träumt von WM-Titel | Sport | DW | 24.11.2017
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Boxen

Stehaufmännchen Charr träumt von WM-Titel

Manuel Charr will als erster Deutscher seit Max Schmeling Box-Weltmeister im Schwergewicht werden. Ein hohes Ziel, denn die großen Siege im Ring blieben beim von Schicksalsschlägen geprägten Boxprofi bisher aus.

"Ich werde Weltmeister, zu hundert Prozent. Das ist ein Versprechen", sagt Manuel Charr selbstbewusst. "Ich habe gearbeitet wie ein Besessener." Wer den 1,92 Meter großen, muskelbepackten Hünen in den Tagen vor dem WM-Kampf gegen den Russen Alexander Ustinow (Samstag, 21:30 Uhr MEZ) begegnet, nimmt ihm sofort ab, dass da jemand steht, der voll und ganz an sich glaubt. Sollte Charr sein Vorhaben tatsächlich in die Tat umsetzen, hätte er Historisches erreicht. Immerhin war der letzte Deutsche, der einen WM-Titel im Schwergewicht innehatte, ein gewisser Max Schmeling zwischen 1930 und 1932.

Riesige Fußstapfen für Charr, der - bei allem Respekt - nicht zu den Ausnahmekönnern seiner Sportart zählt. Zwar gewann er 28 seiner 34 Profikämpfe, trat in den meisten von ihnen aber gegen zweitklassige Gegner an. Nennenswerte Titel holte er als Boxprofi nicht. Vier Karriereniederlagen kassierte der selbsternannte "Koloss von Köln" - unter anderem in den WM-Kämpfen gegen Witali Klitschko (2012) und Alexander Powetkin (2014).

Chancenlos gegen "Alexander den Großen"?

Böse Zungen werfen Charr vor, er habe die neuerliche WM-Chance nur glücklich "geerbt" und profitiere von den Sperren der höher gelisteten Dopingsünder Luis Ortiz (Nr. 1 der WBA-Rangliste) und Shannon Briggs (Nr. 4), deren jeweiligen WM-Kämpfe platzten. Durch den Ausschluss von US-Oldie Briggs rückte Charr von Platz sechs auf vier, und der Kampf gegen Ustinow wurde möglich. "Die Kritiker sollen sich vorher schlau machen, bevor sie urteilen," sagt Charr und sieht sich mit Recht zum Titelkampf berufen: "Es geht nach der Rangliste und ich bin nun mal in der Pole-Position."

Schwergewichtsboxen PK Manuel Charr und Alexander Ustinov (picture-alliance/dpa/R. Weihrauch)

Zehn Zentimeter kleiner, 30 Kilogramm leichter - Charr (r.) hat körperliche Nachteile gegenüber Ustinow (l.)

Sein Kontrahent belegt Platz zwei des Rankings und geht gegen den Deutsch-Libanesen als Favorit ins Rennen. Mit 40 Jahren verbuchte Ustinow in seiner Profilaufbahn bislang 34 gewonnene Kämpfe, 25 durch vorzeitigen K.o. "Alexander der Große" wird er genannt, und das nicht ohne Grund: Mit 2,02 Meter ist er zehn Zentimeter größer als sein Herausforderer und bringt mit 136 Kilogramm rund 30 Kilo mehr auf die Waage. Charr beeindruckt das wenig. "Er ist ein Bär, aber ich bin ein Jäger", kontert der Boxer, der sich auch außerhalb des Rings von Rückschlägen nicht einschüchtern ließ.

"Fünf Leben habe ich schon verbraucht"

1984 wurde er als Mahmoud Omeirat Charr als Sohn einer libanesischen Mutter und eines syrischen Vaters in Beirut geboren. Nach dem Tod des Vaters im libanesischen Bürgerkrieg kam die Familie 1989 als Flüchtlinge nach Berlin. Später zog sie nach Essen, wo Charr 2001 mit dem Kickboxen und dem Amateurboxen anfing. Bis dahin hatte er schon mehrere schwere Schicksalsschläge erlitten: "Die erste Kugel bekam ich als Kind im Bürgerkrieg ab, einen Streifschuss ins Bein. Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war", erzählt Charr.

Im Alter von 16 Jahren sei ihm zudem mit einem Messer in den Rücken gestochen worden. "Ich habe viel mehr erlebt, als in ein Leben hineinpasst. Ich bin wie eine Katze, die sieben Leben hat. Fünf habe ich verbraucht, deshalb musste ich etwas ändern", meinte der Boxer. Vor zwei Jahren hatte er erneut großes Glück. In einem Imbiss in Essen wurde Charr angeschossen und schwer verletzt.

Mittlerweile ist er deutscher Staatsbürger und möchte dem Land mit dem WM-Titel etwas zurückgeben. "Das wäre das Größte. Dieses Land hat mir alles gegeben, ein Dach über dem Kopf, Essen, Arbeit, eine Perspektive, auch wenn alles hart erkämpft werden musste." Und auch für ihn selbst wäre – nach all den Rückschlägen - der WM-Gürtel das höchste der Gefühle und ein krönender Abschluss. Schließlich, so Charr, sei es "Zeit für ein Happy End".

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