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Staumeldungen

Was gestaut wird, bewegt sich nicht. Wer mit dem Auto im Stau steht, bewegt sich auch nicht. Ein Stau bildet sich und löst sich wieder auf – auch in der Politik. Es sei denn, alle stehen dauerhaft auf der Bremse.

Ich stehe im Stau. Wie Millionen anderer Deutscher, die ungezählte Minuten und Stunden in ihren eigenen vier Wänden aus Blech ausharren. Das kennt der autofahrende Deutsche schon – besonders zu Ferienzeiten. Stoßstange an Stoßstange schiebt er sich vorwärts, meist fluchend, dass jetzt Stunden gebraucht werden, bis das Ziel endlich erreicht ist.

Wohnzimmer auf der Straße

Ein Navigationsgerät im Auto mit einer Staumeldung: Keine Alternativroute. 16 Kilometer Stau, 0 Meter, A7 Kempten, Richtung A7, Dettingen an der Iller, stockender Verkehr

Nicht jeder Stau kann trotz Staumeldung „umfahren“ werden

Im Radio war der Stau sogar angekündigt. Aber nein, ich habe mich nicht vom Weg abbringen lassen, habe die Staumeldungen außer Acht gelassen. Zuerst haben sie von zähfließendem Verkehr, dann von Schritttempo gesprochen. Das Wort Schritttempo mit seinen drei aufeinander folgenden Konsonanten bildet lautmalerisch nach, wie langsam es voran geht. Noch langsamer als beim zähfließenden Verkehr, denn da bewegt man sich wenigstens mit mehr als vier Kilometern die Stunde.

Die Deutschen verhalten sich wie die sprichwörtlichen Lemminge – die Wühlmäuse, die angeblich in den kollektiven Selbstmord stürzen. Sehenden Auges stellen sie sich in kilometerlange Autoschlangen. Ein Psychologe hat dieses Verhalten einmal damit erklärt, dass der Stau einen gewissen Lustgewinn bringe. Wer im Stau stehe, sei in seinem Wohnzimmer, nur auf der Straße, ohne sich dabei zu nahe kommen zu müssen und doch einer gemeinsamen Idee verpflichtet. Aber vielleicht ist diese These genauso unhaltbar wie die des kollektiven Selbstmords der Lemminge.

Politik im Stau

Autos fahren langsam in einer Baustelle auf der Autobahn auf zwei Spuren hintereinander

Von Baustelle zu Baustelle – manchmal geht's nur im Schritttempo voran

Im Kleinwagen neben mir zieht eine junge Frau ihren Lippenstift nach und singt. Hinter mir versucht ein Vater seinen beiden streitenden Kindern auf der Rückbank verzweifelt zu vermitteln, dass es besser ist, sich zu vertragen. Und schräg vor mir tut ein Pärchen das, wofür zu Hause offenbar keine Zeit mehr war: Es knutscht. Was würde uns also alles ohne den Stau fehlen: Gepflegtes Aussehen, Erziehung, Liebe. Eine Welt im Kleinen halt.

Staus haben also auch Positives zu bieten. Außerdem sind sie eine Gelegenheit, über wesentliche Dinge nachzudenken. Zum Beispiel darüber, wie Autos unsere Sprache verändert haben. Nicht nur sie bleiben stecken, sondern auch die Politik. Das heißt dann Reformstau. Maximal im Schritttempo bewegen sich die reformwilligen Politiker von einer Baustelle zur nächsten. Dass es an der Zeit wäre, einmal Gas zu geben, wissen alle. Aber da es in der deutschen Konsensdemokratie ja zuerst einmal darum geht, die Interessen der eigenen Klientel zu schützen, wird auf die Bremse getreten.

Stehende Ferraris

Besucher drängen sich in Scharen vor dem Ferrari-Stand auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt/Main

Träume auf der IAA: „Wenn ich ein reicher Mann wäre…“

Ohnehin ist das Automobil dann am schönsten, wenn es steht – zum Beispiel bei der größten Autoschau der Welt, der Internationalen Automobilausstellung IAA. Die findet jedes Jahr im Herbst in Frankfurt am Main statt. Da sieht man sie dann, die PKW-Junkies, die von Mercedes zu BMW wandern, hin und wieder, wenn keiner guckt, über blank poliertes Metall eines Porsche streicheln, die Augen verzückt, um dann bei Aston Martin zu landen, die Nackenhaare in purem Glück aufgestellt.

Die Krönung ist natürlich Ferrari, das Modell ganz in Rot. Da werden bestimmte Träume geträumt und leise „If I were a rich man“ gesummt. An einen Stau denkt da bestimmt niemand. Denn schließlich löst dieser sich ja irgendwann auf und die 390 PS könnten ihre volle Leistung erbringen. Der Wagen könnte so richtig ausgefahren werden – ja, wenn man ihn denn hätte.

Freie Fahrt für freie Bürger?

Eine leere Autobahn mit einer Autobahnsignalbrücke. Darauf zu sehen das Verkehrszeichen für Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben

So hätte man es gerne: freie Fahrt auf der Autobahn

Im Radio sagen sie, dass es ein Unfall war, der zu meinem Stau geführt hat. Bei aller Freude über die besinnlichen Minuten, die man hier verbringen darf, ist das natürlich weniger hübsch, das mit den Unfällen. Hinter jedem Unfall stecken Schreck, Verletzungen, manchmal sogar Tod. Blech- oder sogar Totalschäden sind da eher nebensächlich.

Aber schließlich ist das Auto für Deutsche ja eigentlich auch kein Verkehrsmittel, sondern kollektiver Fetisch, Symbol des Wirtschaftswunders, eingebrannt ins nationale Gedächtnis. Und so was kostet – auch Menschenleben. Aber dafür darf man auf deutschen Autobahnen an vielen Stellen so schnell fahren wie man will – frei nach dem Motto einer Kampagne des größten deutschen Automobilclubs, des ADAC, im Jahr 1974: „Freie Fahrt für freie Bürger“.

Kein Michael Schumacher

Ein Kartfahrer auf der Kartbahn in Kerpen. Im Hintergrund ist ein weiterer Kartfahrer zu sehen

Mancher lässt sich auf „Schumis“ Kartbahn von rechts überholen

Für mich trifft das nicht zu. Schon als Kind war ich kein Raser. Obwohl ich wenige Kilometer von Michael Schumacher groß geworden bin, dem berühmten deutschen Rennfahrer. Seine Eltern hatten eine Kartbahn und ich kann mich noch daran erinnern, von meinen gefühllosen Eltern dorthin verschleppt worden zu sein. Vielleicht bin ich ja damals sogar einmal von „Schumi“ überholt worden. Ich bin immer rechts gefahren und sehr langsam. Meine Eltern haben sich geschämt.

Danach musste ich emotional erst einmal auftanken. Meine Psyche brauchte eine Runderneuerung. Irgendwann haben meine Eltern dann geguckt wie ein Auto, als ich mit meinem Führerschein vor ihnen stand. Ich war zwar total erschöpft, meine Batterien waren leer, aber ich habe mich nicht von rechts überholen lassen.

Stau-Kino

Das knutschende Pärchen ist übrigens in der Zwischenzeit ohne Umweg vom Knutschen zum Streiten übergegangen. Die junge Frau mit den roten Lippen hat sich den schwarzen Kaffee über die weiße Bluse gekippt. Und in den Augenwinkeln des erziehenden Vaters meine ich Tränen zu sehen. Im Stau ist das Leben. Eine Welt im Kleinen eben.




Fragen zum Text

Welche Kombination stimmt nicht?
1. überholende Kartfahrer
2. zähfließende PKW
3. im Schritt fahrende Autoschlangen

Wird jemand im übertragenen Sinn rechts überholt, dann …
1. wird sie/er ausgebremst.
2. fährt sie/er ständig links.
3. ist sie/er zu langsam.

Guckt jemand wie ein Auto, ist sie/er …
1. überrascht.
2. verunsichert.
3. enttäuscht.


Arbeitsauftrag
Menschen in Großstädten auf aller Welt stehen sehr oft im Stau. Ein Grund unter anderen ist, dass es immer mehr Autos gibt. Was ist deine Meinung dazu? Was sind für dich die Vorteile, was die Nachteile eines Autos? Nenne ein Beispiel aus deinem Heimatland und begründe deine Ansicht in einem halbseitigen Statement.

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