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Geschichte

Stauffenberg: Zeitzeuge der Verschwörung

Der 20. Juli 1944 ist zum Symbol für den Widerstand gegen das NS-Regime geworden. Berthold von Stauffenberg, Sohn des Attentäters, war damals 10 Jahre alt.

Der Rummel um seine Person sei ihm immer ebenso fremd geblieben wie der Medienhype um seinen Vater. Und als Experte in Sachen Widerstand habe er sich nie gesehen. Das sagt Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg, der heute 78-jährige Sohn des Hitler-Attentäters. An den Jahrestagen zum 20. Juli bekommt er immer noch regelmäßig Presseanfragen. Aber es ärgert ihn, wenn er "nur" als Sohn des berühmten Vaters gesehen wird. Dabei könne er doch auf eine eigene Karriere zurückblicken, meint er selbstbewusst.

Das Elternhaus

Berthold von Stauffenberg (Foto: AP)

Berthold von Stauffenberg

1934 wird Berthold in Bamberg geboren, in ein kulturell aufgeschlossenes Elternhaus hinein. Seinen Vater sieht er in den 1930er Jahren nur selten,  denn der ist bereits Wehrmachtsoffizier. Versetzungen und Umzüge prägen das Familienleben bis zum Ausbruch des Krieges 1939. Dann kommt Claus Schenk Graf Stauffenberg nur noch im Fronturlaub nach Hause. Was seinen Vater innerlich bewegt habe, das habe er nie wirklich gewusst, erzählt der Sohn heute. Dass er zunächst ein überzeugter Hitler-Anhänger gewesen sei und sich erst allmählich von einem glühenden Nationalsozialisten zu einem Gegner der Diktatur verändert habe, das freilich hält Berthold für Unsinn.

Vater, Verräter ?

Trotzdem stand 1944 für den damals 10-Jährigen die Welt Kopf. Am Abend des 20. Juli meldete der nationalsozialistische Rundfunk, auf Hitler sei ein Attentat verübt worden,  Hitler habe jedoch überlebt, der geplante Putsch sei gescheitert. Die Familie sei ahnungslos gewesen: "Ich hatte gerade die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium geschafft", so Stauffenberg, "dann sind wir alle in die Ferien gegangen. Während des Urlaubs fand der 20. Juli statt." Als Berthold von Stauffenberg schließlich vom Bombenanschlag hört, haben Wehrmachtsoffiziere seinen Vater bereits standrechtlich erschossen. "Ich habe vom Attentat durch das Radio erfahren, aber ohne dass Namen genannt wurden. Meine Mutter hat am nächsten Tag erzählt, dass es mein Vater gewesen ist. Ich war schockiert und verwirrt. Wie konnte er nur? Auf den Führer! Aber eines weiß ich ganz bestimmt: Ich habe ihn deswegen nie für einen Verbrecher gehalten." Näheres über das Schicksal seines Vaters weiß der Junge da noch nicht. 

Adolf Hitler und Benito Mussolini besichtigen die Schäden in der 'Wolfschanze' (Foto: AP)

Nach dem gescheiterten Attentat: Hitler (Mitte rechts) 1944 im Führerhauptquartier 'Wolfschanze'

Sippenhaft

Nach dem missglückten Attentat beginnt das NS-Regime einen Rachefeldzug gegen die Verschwörer und ihre Familienangehörigen. Die Kinder werden von der Gestapo abgeholt und nach Bad Sachsa im Harz in ein eigens für sie geschaffenes Heim überstellt - auch Berthold Graf von Stauffenberg und seine drei Geschwister. Die Zeit dort hat er als belastend empfunden, vor allem weil er nicht wusste, wo seine Eltern sind.

46 Kinder von Verschwörern leben zeitweise in dem Heim. Das jüngste sei ein zehn Tage altes Baby gewesen, erzählt Berthold Graf von Stauffenberg. Alle Kinder bekommen neue Namen, ihre richtigen dürfen sie nicht mehr nennen. Die Stauffenbergs heißen fortan "Meister". Die Fotos ihrer Eltern und persönliche Dinge müssen sie abgeben, Briefkontakt mit der Mutter ist verboten.

Rettung durch die US-Amerikaner

Kurz nach Ostern 1945 befiehlt man den Jungen und Mädchen, in einen Lkw der Wehrmacht zu steigen. Man will sie zum Bahnhof Nordhausen und von dort aus in das Konzentrationslager Buchenwald bringen. Dieses Schicksal bleibt ihnen jedoch erspart, Tieffliegerangriffe der Amerikaner verhindern den Transport. Bald darauf befreit die US-Armee den Ort. Der neue sozialdemokratische Bürgermeister erfährt, wer sie sind und stellt sie unter seinen Schutz. Berthold und seine Geschwister heißen nun wieder Stauffenberg. Zwei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands finden die Überlebenden der Familie in ihrem Heimatort Lautlingen auf der Schwäbischen Alb wieder zusammen. Sie sind mittellos, denn die Gestapo hat ihr Haus geplündert. Ein Gefühl der Befreiung habe er allerdings nicht empfunden, sagt Stauffenberg im  Rückblick, denn: "Wir waren ein besetztes Land."

Der Bundeswehroffizier

Nach Schule und Abitur will Sohn Berthold in die Fußstapfen seines Vaters treten und ebenfalls Offizier werden. Noch gibt es die neue, bundesdeutsche Armee nicht. Doch 1956 ist es soweit: Die Bundeswehr wird gegründet, der junge Stauffenberg rückt ein. Nahezu 40 Jahre bleibt er bei der Truppe, scheidet 1994 im Rang eines Generalmajors aus.  Ob er mit seiner Karriere den Geist seines Vaters weitertragen wollte? "Ich denke nicht in solchen hohen Kategorien. Natürlich wollte ich meiner Familie Ehre machen. In der Familientradition zu stehen und etwas für die Öffentlichkeit tun, das hat bei uns Tradition!"

Und dennoch: Als einer der letzten Zeitzeugen hat Berthold Graf Stauffenberg in gewisser Weise das Erbe seines Vaters, des gescheiterten politischen Attentäters, angetreten.

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