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Kultur

Staudämme im Land der versteckten Schätze

Der Energiehunger des Boomlandes Indien wächst. Im Himalaya-Staat Sikkim werden neue Wasserkraft-Werke gebaut, finanziert von internationalen Investoren. Eines der letzten Naturparadiese Indiens steht vor dem Aus.

Naturparadies: Der 8586 Meter hohe Kangchenchonga in Sikkim

Naturparadies: Der 8586 Meter hohe Kangchenchonga in Sikkim

Tingvong ist ein Bilderbuchdorf im Himalaya-Staat Sikkim. Es liegt nördlich von Kalkutta, in einem der fruchtbaren Täler des Kangchenchonga-Bergmassivs, dem dritt höchsten Gipfel der Welt. Die Bauern hier sind nicht reich, aber stolz. Jeder hat genug Felder für den Eigenbedarf. Angebaut werden Kardamom, Reis, Hirse, Gemüse und Orangen.

Tingvongs Bauern sind alle Lepchas, eine bedrohte Minderheit mit eigener Sprache und Kultur, die in Naturreligion und Schamanismus wurzelt. Sie lebten bereits in Sikkim bevor die buddhistischen Butias im 15. Jahrhundert aus Tibet einwanderten und herrschten, und nach ihnen die Engländer, Inder und Nepalesen kamen. Heute schützt der Staat 3000 Lepcha-Bauern in einem Reservat im Dzongu-Distrikt. Nur wie lange noch? Bald schon werden tausende Fremdarbeiter kommen. Am größten Fluss Sikkims, Teesta, der das Lepcha-Gebiet durchquert, werden sieben große Wasserkraftwerke und Staudämme gebaut. Im Dorf wissen darüber nur wenige Bescheid.

Karte von Sikkim

"Niemand hat uns offiziell informiert. Sie lassen uns im Dunkeln. Und wer etwas weiß und dagegen ist, wird von lokalen Politikern unter Druck gesetzt", beklagt sich ein Bewohner.

Erdrutsche und Alkoholsucht

Der Heilige Padmasambhava, der den Buddhismus nach Sikkim brachte, soll laut überliefertem Glauben heilige Reliquien in Berghöhlen versteckt haben, die nur Erleuchtete finden könnten. Durch Sprengungen in den Bergen könnte dieser spirituelle Schatz für immer verloren gehen – so die Angst.

Das gerade fertig gestellte erste Kraftwerk südlich Dzongu's brachte die Ernüchterung: Der Teesta-Fluss wurde hier aus dem ursprünglichen Bet t gehoben und fließt nun stattdessen durch einen 17,5 Kilometer langen künstlichen Tunnel im Berg. Er lenkt die Wassermassen von einem Staudamm zu einem unterirdischen Kraftwerk nahe der Stadt Singtam. Die Wohnhäuser entlang des Tunnels zeigen Risse. Außerdem gab es Erdrutsche. Ganze Hänge und Wälder sind verschwunden. "Sehr viel Land wurde genommen. Natürlich gab es Kompensation, aber die Ureinwohner konnten mit dem Geld nicht umgehen, das ist der traurigste Aspekt. In Kürze war es weg. Und noch schlimmer, die Leute wurden alkoholabhängig", sagt Tseten Lepcha von der Initiative “Betroffene Bürger am Teesta”.

Leere Versprechungen

Die meisten Lepchas, die freiwillig ihr Land hergaben, sind heute mittellos. Die Regierung versprach ihnen Jobs, doch nur 50 Prozent erhielten welche. Auch Sherap Lepcha denkt, dass die Dzongu-Bauern keine Kraftwerke brauchen. Denn Strom haben ihre Dörfer bereits. Profitieren würden nur ausländische Investoren, Betreiber, Politiker und die indischen Metropolen wie Kalkutta, für die der Strom produziert werden soll. Die lokale Bevölkerung gehe aber leer aus.

"Ich habe große Angst vor der Migration. Wenn sieben Wasserkraftwerke nach Dzongu kommen, bedeutet das 5000 Arbeiter, dazu kommen ihre Frauen und Kinder. Also 30.000 Menschen insgesamt. Das ist zu viel! Wir sind ein verschwindender Stamm. Wir werden keine Jobs bekommen", beklagt Sherap Lepcha.

Deutsche Bank mit im Rennen

Die Kraftwerke werden mit internationalen Investoren wie zum Beispiel der Deutschen Bank als Kreditgeber gebaut. Betrieben werden sie partnerschaftlich von privaten und öffentlichen Eignern. Von ihnen erhält der Unionsstaat 12 Prozent des Stroms kostenlos. Die Kritik der Bürgerinitiative an der Verletzung von Umweltnormen, als auch an sozialen und gesundheitlichen Problemen wie Aids, die durch den Fremdarbeiterzustrom die Lepchas bedrohten, weist Regierungssprecher, Bahadur B. Goorong im Telefoninterview zurück. "Die meisten Vorwürfe sind übertrieben. Wir haben alle Auflagen vom Bundesministerium für Umwelt erfüllt. Jeder kritische Punkt wird sorgfältig abgewogen. Am Ende des Elf- beziehungsweise Fünfjahresplans rechnen wir mit Einnahmen in Höhe von rund 17,5 Millionen Euro. Wir wollen Sikkim aus der Isolation führen."

Auch die Lepchas wollen eine Modernisierung ihrer Gesellschaft, doch eine, die sozial und ökologisch ist und ihre Existenz und Identität nicht auf Spiel setzt. Im Westen Sikkims hat der Protest von Mönchen den Bau eines Kraftwerks mit religiösen Argumenten gestoppt. Die Mönche stehen hinter den Lepchas, denn auch die geistigen Autoritäten Sikkims wollen die heiligen Stätten nicht entweihen und den heiligen Berg Kangchenchonga nicht stören.

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