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Digitalisierung

Startups beim NKF-Summit: "Wie ein Besuch im Zoo"

Die deutsche Industrie spielt weltweit ganz vorne mit. Damit das trotz Digitalisierung so bleibt, müssen sich die Konzerne immer wieder neu erfinden. Dafür brauchen sie die Startups. Sabine Kinkartz aus Berlin.

Radialsystem NKF Summit Veranstaltungsort (picture-alliance/ZB/J. Kalaene)

Der Veranstaltungsort - das "Radialsystem" in Berlin

Wer wissen will, wie es sich anfühlt, für eine große, bekannte Marke verantwortlich zu sein, die Zeichen der digitalen Zeit nicht erkannt zu haben und plötzlich vor dem Aus zu stehen, der muss sich mit Florian Langenscheidt unterhalten. Elf Jahre saß der Verleger zunächst im Vorstand, später im Aufsichtsrat der Brockhaus AG. "Noch vor fünfzehn Jahren stand in jedem gepflegten Wohnzimmer eine Enzyklopädie mit bis zu 24 Bänden" erinnert sich Langenscheidt. "92 Prozent der Deutschen kannten unsere Marke, wir hatten große Zeiten und haben noch in den 90er Jahren unendlich viel Geld verdient."

Doch dann kamen Microsoft, Google und schließlich Wikipedia, die Online-Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben kann. "Wir haben im Vorstand gesagt: Ach Quatsch, das wird doch niemand ernst nehmen", erinnert sich Langenscheidt. Auch er habe sich nicht vorstellen können, dass die Intelligenz vieler, die sich gegenseitig korrigieren, besser sein könne, als die für Brockhaus arbeitenden 2500 Professoren. "Wir haben das verschlafen." Die 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie von 2006 war die letzte gedruckte Ausgabe, der Verkauf ein millionenschweres Verlustgeschäft.

Brockhaus Lexika (picture-alliance/dpa)

Durch die Digitalisierung überflüssig geworden: Der Brockhaus

Ein Besuch im Zoo

Florian Langenscheidt erzählt diese Geschichte auf dem "NKF Summit" in Berlin. Einer Konferenz, die etablierte Unternehmen und junge Startups zusammen bringen will. "Die größte Herausforderung dieses Landes auf wirtschaftlicher Ebene", nennt Langenscheidt das. Eine Idee, die nicht neu ist, an deren erfolgreicher Umsetzung es aber nach wie vor hapert. Viele "Champions" und ihre "Challenger" tun sich weiterhin schwer damit, wirklich zusammen zu finden. Noch zu oft werden die jungen Herausforderer als Konkurrenz empfunden. Zudem prallen in der Regel ganz unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander.

Philip Siefers, der Geschäftsführer des Berliner Kondom-Startups "Einhorn" berichtet auf dem NKF Summit von sogenannten "Startup"-Safaris. "Die kommen bei einem vorbei, dann sind die kurz da, Deutsche Bank, Telekom, BASF und so, total nette und coole Leute, hören einem eine Stunde lang zu, dann gehen sie wieder in ihre Firma, ihr Büro, erinnern sich noch daran, dass da was mit Internet war und wissen nicht, was sie damit jetzt anfangen sollen." Da sei ein bisschen wie ein Besuch im Zoo. "Einen Austausch und eine richtige Augenhöhe, die gibt es nicht."

Autobauer gehen voran

Doch es gibt auch Gegenbeispiele, insbesondere in der Automobilindustrie. Dort zeigt man sich bereits sehr offen für Kooperationen mit jungen Technologieunternehmen. Immer neue Labore und Denkfabriken entstehen, in denen gemeinsam an neue Lösungen gearbeitet wird. Aus der Innovationsschmiede "Lab 1886" der Daimler AG gingen in den letzten zehn Jahren unter anderem der Carsharing-Dienst car2go und die Mobilitäts-App moovel hervor. Neu am Start ist die Innovationsplattform "Startup-Autobahn".

Carsharing in Amsterdam Niederlande (picture-alliance/ dpa)

Carsharing ist in vielen Städten auf dem Vormarsch

"Wir arbeiten in einem internationalen Netzwerk mit vier Standorten auf drei Kontinenten und sind dort auch mit den lokalen Startups im Austausch", sagt Lab-Chefin Susanne Hahn. "Wir wollen die besten Talente anziehen, Freigeister, sei es als Mitarbeiter, Startups oder externe Experten." Im Ergebnis sollen beide Seiten gewinnen. Der Konzern profitiert von der Innovationskraft der jungen Unternehmer, die im Gegenzug auf die Vorteile eines großen Netzwerks mit dem entsprechenden Budget, den Kontakten und vielem anderen mehr zugreifen können.

"Lernt Euch kennen"

Seit Ende 2016 forciert auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die Entstehung und Vernetzung digitaler Standorte in Deutschland. Zwölf solcher Hubs sind bislang entstanden. In Frankfurt beispielsweise zum Thema Finanztechnologie, in München mit dem Schwerpunkt Mobilität. Im Zentrum der Initiative steht dabei die Vernetzung innerhalb der Hubs (Startups, Wissenschaft, Mittelstand und Großunternehmen) sowie die Vernetzung der Hubs untereinander.

Video ansehen 02:42

Riesiger StartUp-Campus in Paris soll Wirtschaft beleben

Auf mehr Offenheit auf beiden Seiten hofft auch Stephanie Renda vom Bundesverband Deutsche Startups. "Lernt Euch kennen, lernt die unterschiedlichen Sprachen kennen und kommt so näher zusammen", appelliert sie auf dem NKF Summit an neue und alte Unternehmen und schlägt als Möglichkeit für gegenseitiges Verständnis wechselseitige Aufsichtsratsposten vor.

Bier und Kondome

Dass man bei einem Austausch tatsächlich viel lernen kann, das hat Einhorn-CEO Philip Siefers erlebt. Im Mai dieses Jahres haben er und der Geschäftsführer der 180 Jahre alten Wiener "Ottakringer Brauerei" (77 Millionen Euro Umsatz, 150 Mitarbeiter) eine Woche lang die Rollen getauscht. Bei Ottakringer lautet das Fazit nach dem CEO-Tausch laut Philip Siefer: "Es ist nichts mehr unmöglich."

Siefers selbst hat aus Wien das Mindesthaltbarkeitsdatum mitgebracht und damit alle Entscheidungen im Unternehmen versehen. Nach zwölf Monaten müsse nun jede Entscheidung neu überdacht und neu beschlossen werden.

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