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Nahost

Starker, schwacher "Islamischer Staat"

Über Monate hat die russische Armee die Terrororganisation "Islamischer Staat" bekämpft. Nun haben die Militärs sich zurückgezogen. Die Dschihadisten haben zwar herbe Verluste kassiert. Aber besiegt sind sie noch nicht.

Die Bedrohung ist so groß, dass es jetzt eine Mauer richten soll. Gut hundert Kilometer des drei Meter hohen Walls haben irakische Arbeiter bereits hochgezogen, irgendwann soll sie die gesamte Stadt umzäunen. Damit, so die Hoffnung, ließen sich deren Bewohner endlich wirksam gegen die Selbstmordattentate der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) schützen.

Deren Kämpfer hatten in den vergangenen Wochen immer wieder blutige Attentate verübt. Anfang März riss der Fahrer eines mit Sprengstoff präparierten Lkw rund 50 Menschen mit in den Tod, fast ebenso viele wurden verletzt. Kurz zuvor hatten zwei Attentäter auf dem Markt eines schiitischen Viertels von Bagdad ihre Sprengsätze gezündet. Sie nahmen über 70 Menschen das Leben. Im gesamten Irak starben allein im Februar rund 670 Menschen durch Selbstmordanschläge.

Ein russisches Flugzeug hebt ab zum Kampf gegen den IS, 20.01.2016 (Foto: picture-alliance/dpa/ V. Savitsky)

Ein russischer Kampfjet hebt ab zum Kampf gegen den IS

Der Nutzen der Mauer ist umstritten. Sie werde nicht viel bringen, da Terroristen alle Bestandteile, die es für Sprengsätze braucht, auf Märkten innerhalb der Stadt kaufen können, sagte Saad Matlabi, Chef des Sicherheitskommittees des Bagdader Provinzrates, dem Internetmagazin Al-Monitor. In Bagdad und Umgebung gebe es viele Sunniten, die mit dem IS sympathisierten. "In Latifiya (einer Stadt südlich von Bagdad, Anm.d. Red.) gedeiht der Terrorismus, denn die Bewohner der Stadt sympathisieren mit dem IS." Die Sicherheitskräfte seien machtlos, da ein Teil der politischen Opposition im Land sich für den Schutz der Sunniten einsetzten. Die Sunniten sehen sich durch die Schiiten bedroht, die das Land seit dem Sturz Saddam Husseins politisch dominieren. Die Sorgen der Sunniten macht sich der IS zunutze.

Die neue Gewaltstrategie des IS

Für die Stärke des IS spreche das dennoch nur bedingt, sagt Stefan Rosiny, Nahost-Experte am "German Institute of Global and Area Studies" (GIGA) in Hamburg. Der IS sei insbesondere in Syrien in den vergangenen Monaten immer stärker unter Druck geraten und habe mehrere Städte, Territorien, Einnahmequellen und wichtige Versorgungswege verloren. "Das hat dazu geführt, dass er seine Gewaltstrategie verändert. Er ist dazu übergegangen, sich mit anderen dschihadistischen Milizen zusammenzuschließen und Anschläge auch in anderen Ländern zu verüben." Auf diese Weise versuche die Terrororganisation den eigenen Kämpfern den Eindruck zu vermitteln, dass sie nach wie vor erfolgreich sei und expandieren könne. "Letztendlich führt der IS derzeit aber ein Rückzugsgefecht und verliert an Territorium", so Rosiny im Gespräch mit der DW.

Die Verluste versucht der IS anderswo wieder wettzumachen. Derzeit vor allem in Libyen. Dort hat er es vergleichsweise leicht. Seit Monaten ringen die libyschen Konfliktparteien - das Land hat zwei miteinander konkurrierende Parlamente - um die Bildung einer Einheitsregierung. Die aber ist trotz intensiver, von den UN vermittelter Verhandlungen nicht zustande gekommen. Der IS nutzt dieses Machtvakuum und breitet sich immer weiter im Land aus.

Geheimdienstoperationen in Libyen

Junge Männer aus den Maghreb-Staaten, die sich ihm anschließen wollen, fordert der IS auf, nicht nach Syrien oder in den Irak, sondern nach Libyen zu gehen. Die französische Zeitung "Le Monde" berichtete Ende Februar, französische, britische und amerikanische Spezialeinheiten bekämpften den IS vor Ort. Die Operationen würden verdeckt geführt. "Das letzte, was wir wollten, wäre eine Intervention in Libyen", zitiert die Zeitung einen auf Anonymität bestehenden leitenden Beamten aus den Reihen der mit der Landesverteidigung befassten Institutionen. Ziel sei nicht, einen offenen Krieg zu führen, sondern den IS daran zu hindern, sich in dem Land festzusetzen und seine Macht weiter auszubauen, berichtet "Le Monde" weiter.

Libyen Luftschlag USA gegen IS, , 19.02.2016. (Foto: REUTERS)

Straßenszene aus der libyschen Ortschaft Sabratha nach einem US-Luftschlag

Der Kampf gegen den IS in Libyen sei aber auch noch aus einem anderen Grund wichtig, sagt Stefan Rosiny. Den Dschihadisten gehe es nämlich auch darum, eine fortschreitende Expansion zu inszenieren. "Das geht einerseits durch den Zusammenschluss mit anderen dschihadistischen Organisationen. Andererseits durch eine Ausweitung seines Aktionsradius. Dazu gehören Terroranschläge in anderen nahöstlichen Ländern, aber auch in Europa. Das ist gewissermaßen eine Flucht nach vorn. Sie soll den Eindruck erwecken, dass der IS noch Schlagkraft besitzt und überall zuschlagen kann."

Konfessionelle Rivalitäten

Gleichwohl können der IS und andere dschihadistische Gruppen auf Sympathien und den Zustrom Freiwilliger setzen. Das liege an der desaströsen ökonomischen Lage zahlreicher Staaten in der Region, schreibt die Nahost-Expertin Jane Kinninmont vom Londoner Think Tank "Chatham House". Dies fördere konfessionell begründete Identitäten und Rivalitäten. "Besonders stark seien diese im Irak nach der US-Invasion des Jahres 2003 und in Syrien seit Ausbruch des Aufstandes 2011 und des daraufhin einsetzenden Bürgerkriegs." Zwar pflegten Schiiten und Sunniten traditionell ein friedliches Miteinander. "Aber der derzeitige Trend geht entschlossen in die entgegengesetzte Richtung."

Der lange Arm des IS. Terrorfahndung im belgischen Molenbeek, 18.03.2016 ( Foto: BELGA PHOTO DIRK WAEM)

Der lange Arm des IS - Terrorfahndung im belgischen Molenbeek

Das, fürchtet Stefan Rosiny vom GIGA-Institut, könnte auch für Europa gefährlich werden. Durch Attentate könnte der IS versuchen, den Hass auf die Muslime in Europa zu schüren und die Muslime so dazu zu animieren, wieder zum "Islamischen Staat" zurückzukehren. "Der IS hatte Flüchtlinge, die vor seiner Herrschaft nach Europa geflohen waren, als Abtrünnige und Ungläubige beschimpft. Inzwischen versucht er aber, sie wieder zurück zu locken."

Die russische Luftwaffe hatte den IS über Monate bekämpft. Vor wenigen Tagen haben sich die Militärs wieder zurückgezogen. Doch die Schläge, die der IS empfangen hat, sind angesichts potentieller neuer Rekruten nur von begrenzter Wirksamkeit. Nun baucht es den Kampf um die Seele von Sympathisanten und potentiellen Rekruten.

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