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Politik

Starker Euro, große Gefühle

Der Euro jagt von einem Hoch zum anderen. Kurzfristig übersprang er gar die Schwelle von 1,30 Dollar. Ein Ende des Höhenflugs ist nicht in Sicht. Was bedeutet das für die Wirtschaft?

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Die Wirtschaft leidet unter dem teuren EU-Geld

Kaum hat die deutsche Wirtschaft den jüngsten dramatischen Anstieg der Ölpreise einigermaßen weggesteckt, da taucht eine neues Schreckgespenst auf: der starke Euro. Gleich wurden die bekannten Szenarien an die Wand gemalt: Ein hoher Eurokurs macht die deutschen Exporte teurer und dämpft zugleich die Nachfrage nach eben diesen Produkten. Weil der Mini-Aufschwung praktisch komplett den Exporteuren dieses Landes zu verdanken ist, sieht schon mancher die Republik in die Rezession zurückfallen.

"Brutale Aufwertung"

Und weil das deutsche Problem auch ein europäisches ist, fand der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ungewohnt drastische Worte: Es sei eine "brutale, höchst unwillkommene Aufwertung", die da stattfinde - so deutlich hatte man Jean-Claude Trichet bis dato noch nie gehört. Trichets Sorge gilt allerdings nicht so sehr dem hohen Wechselkurs, sondern einem anderen Phänomen - nämlich den heftigen Schwankungen der Gemeinschaftswährung: Eine solche Erscheinung, "Volatilität" genannt, schafft Unsicherheit. Und so etwas mögen die Märkte überhaupt nicht.

Armes Amerika

Der Schuldige ist schnell ausgemacht: Es ist der schwache Dollar - und die Gründe dafür liegen auf der Hand. Es ist das so genannte Zwillingsdefizit der Amerikaner. Zum einen klafft im Haushalt des US-Finanzministers ein gigantisches Loch: 413 Milliarden Dollar fehlen - vor vier Jahren stand hier noch ein Plus von 200 Milliarden zu Buche. Mehr aber noch trägt das hohe Defizit in der Leistungsbilanz zur Dollarschwäche bei: Amerika konsumiert ungleich mehr Güter und Dienstleistungen als es produziert. Somit braucht das Land tagtäglich einen gigantischen Zufluss von ausländischem Kapital. Um gegenzusteuern, setzen die Hüter des Dollar auf eine schwache Währung, auch wenn sie nicht offen darüber sprechen. Daher heben sie, wie am Mittwoch (10.11.) erneut geschehen, die Zinsen an, um den Konsum zu dämpfen. Den Preis dafür zahlen die Europäer.

Beliebte Reservewährung

Doch zu laut sollten die nun auch nicht jammern. Denn ein schwacher Dollar hat ja auch Vorteile: So können Unternehmen derzeit günstig im Dollar-Raum auf Einkaufstour gehen - und nicht zuletzt werden die Folgen des hohen Öl-Preises abgemildert, weil Öl traditionell in Dollar bezahlt wird. Und schließlich ist der hohe Euro-Kurs ja auch eine Art Ritterschlag für die junge Währung: Der Euro erfreut sich wachsender Beliebtheit - zum Beispiel als Reservewährung in den Tresoren vieler Nationalbanken - etwa in Thailand, Malaysia oder China. Im Welthandel spielt der Euro mittlerweile eine größere Rolle als der Dollar.

Dennoch überwiegen wohl eher die negativen Folgen der Euro-Aufwertung: Beispielsweise verliert der deutsche Chemiekonzern BASF mit jedem Cent Steigerung 120 Millionen Euro an Umsatz.

Mehr Gelassenheit

Da nicht davon auszugehen ist, dass die Amerikaner nun aus lauter Mitleid die Notbremse ziehen, müssen zwangsläufig die Europäer handeln. Das Rezept ist so einfach wie kompliziert. Steuern runter, Investitionen fördern, Arbeitsmärkte reformieren - kurz: Wachstum schaffen. Da dies erfahrungsgemäß dauert, sollten Europas Währungshüter schon mal Hand anlegen - mit einer Intervention an den Devisenmärkten. Das stärkt den Dollar kurzzeitig und verschreckt vor allem die Spekulanten, die wie immer mit von der Partie sind. Und ansonsten dürfte vor allem ein wenig mehr Gelassenheit weiterhelfen. Nicht jedes Zucken über irgendeine Rekordmarke muss sofort Unheil über die Weltwirtschaft bringen.

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