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Kultur

Starker Auftakt mit Genrefilm

Meine 26. Berlinale: Jochen Kürten schreibt täglich über seine Eindrücke vom Wettbewerb der Filmfestspiele, über Gelungenes und weniger Erbauliches, über die Filme und seine Macher.

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Die Jury der Berlinale 2009

Jochen Kürten Deutsche Welle

DW Filmredakteur Jochen Kürten

Vielleicht muss man ja einfach kinoverrückt sein um "The International", den Auftaktfilm der diesjährigen Berlinale zu mögen. Bestimmt muss man Genrefilme lieben, die sich auf bestimmte Traditionen berufen, die Bezüge herstellen, die der Zuschauer dann dechiffrieren kann. Wahrscheinlich auch muss man die unendliche Detailarbeit eines solchen Films schätzen, die handwerkliche Sorgfalt, die Finessen der Inszenierung. Nur dann kann man wohl in einen solchen magischen Sog geraten, den das Kino immer wieder bereithält, der aus Farben und Formen besteht, aus Schnitt und Montage, aus einer Bildsprache, die auf mehreren Ebenen funktioniert und die oft ein dynamisches Eigenleben entwickelt während des Betrachtens und Zuhörens.

Kinomagie der Berlinale

Rainer Werner Fassbinder

Fassbinder 1982 mit dem goldenen Bären

All das habe ich gespürt als ich im allerersten Film der Berlinale in diesem Jahr saß, mit der gleichen Mischung aus Erwartung und Hoffnung, aus Spannung und Leidenschaft. Einer Erwartung, die mich damals, 1982, zum ersten Mal in die Kinometropole Berlin zog, nicht um über Filme zu schreiben, sondern um einfach noch mehr Filme zu sehen, noch mehr als ohnehin zu Hause in dem Kölner Kino, in dem ich damals arbeitete. Nur zweimal danach habe ich die Berlinale schweren Herzens auslassen müssen in den 80ern. Jetzt bei meiner 26. Berlinale ist die Magie direkt wieder da, ganz am Anfang, was für ein Glück!

Tykwer auf den Spuren eines Großen

Berlinale 2009 Stahl Owen Thomsen und Tykwer

Die Schauspieler Clive Owen, Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thomsen, von links, und Regisseur Tom Tykwer

"The International" ist reines Kino, nichts für diejenigen, die angesichts des allseits propagierten Themas "Weltfinanzkrise" sich Aufschluss erhofft haben über all die Details und Verwicklungen aus der Welt der Finanzen. Das kann ein Film gar nicht leisten, wird aber von manchen fortwährend erwartet, auch von denen, die vor einem abstrakten Bild stehen und in der Lage sind tausend Dinge zu entdecken in einem Meer aus Strichen und Farben oder ein Text lesen und darüber ganze Elogen schreiben, interpretierend und deutend. All diejenigen, die dem neuen Tom Tykwer-Film nun vorwerfen, das sei doch Hollywood, das sei doch nur ein grober Unterhaltungsfilm, der zudem noch mit Schießereien und Verfolgungsjagden aufwartet, all denen empfehle ich ein paar Schritte zu machen.

Kontrastprogramm Hitchcock

Jeder Berlinale-Besucher hat so seine Gewohnheiten, was er zwischen den Filmen macht, in den ein zwei Stunden, in denen man

Berlinale Besucher

Besucher der Berlinale in einer Filmpause

nicht im Kino sitzt und nicht auf irgendeiner Pressekonferenz oder am Abend nach all den Minuten Film, die auch einmal verdaut werden müssen. Manche reden gern mit anderen über die Filme, ordnen ein, kategorisieren, bewerten. Manche lassen erst gar keine Pausen zu, sehen buchstäblich einen Film nach dem anderen. Ich habe es mir seit Jahren angewöhnt, weil ich das liebe, immer auszubrechen aus dem Festival, die Filme zu konfrontieren mit dem 'Anderen', dem Leben, auch der Kunst. Zugegeben, das was ich nach dem Tykwer-Film gemacht habe, hatte auch etwas mit dem Kino zu tun und lag nur ein paar Meter entfernt auf der anderen Straßenseite.

Hitchcocks "echtes Kino"

Bildgalerie 60 Jahre Cannes Alfred Hitchcock Nr. 14

Hitch´s Wort gilt

Schon beim Sehen von "The International" musste ich ständig an Hitchcock denken, auf den sich so viele Filmemacher noch heute beziehen, an "Der unsichtbare Dritte" vor allem, weil es da so viele sichtbare Bezüge gibt. Im Filmmuseum Berlin läuft derzeit die Ausstellung "Casting A Shadow. Alfred Hitchcock und seine Werkstatt". Und tatsächlich, die Worte Hitchcocks, die man aus den Monitoren der Ausstellung hört oder liest auf den Tafeln, die gleichen den Worten des jungen Deutschen manchmal bis ins Detail. Wie da über das reine Kino (Hitchcock nennt das in seinem liebenswert-gebrochenen Deutsch "Echt Kino") gesprochen wird, über die Teamarbeit am Set, über das Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte beim Dreh, glaubt man fast Tom Tykwer zu hören, wie er bei der Pressekonferenz über seinen Film redet und ihn verteidigt gegen die nur auf den ersten Blick so aktuellen Bezüge zur Finanzkrise. So bekam man schon zum Auftakt der Berlinale eine schöne Lektion in Filmgeschichte!

Fazit: Ein starker Auftakt, 118 Minuten Film für Cineasten und Freunde des physischen Kinos!