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Bücher

Starke Entmystifizierung: "Hitler war kein großer Denker"

Die Ausgabe hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Ein Jahr ist die Kritische Edition "Hitler, Mein Kampf" jetzt auf dem Buchmarkt legal zu kaufen. Mit nachhaltigem Erfolg, sagt Historiker Peter Longerich im DW-Interview.

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Kritische Neuausgabe von "Mein Kampf"

DW: Die Leserresonanz auf "Hitler, Mein Kampf" als Kritische Edition ist auch nach einem Jahr äußerst positiv. Ganz legal ist diese Ausgabe für 59 Euro im Buchhandel zu kaufen: Ein dicker Wälzer in zwei Bänden, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte in München - mit sehr vielen Fußnoten. Prof. Longerich, hat man durch diese Form der wissenschaftlichen Aufbereitung Hitlers Machwerk noch mal neu lesen gelernt?

Prof. Peter Longerich: Die historische Forschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Text. "Mein Kampf" ist auch immer zugänglich gewesen. Es ist nicht so, als ob das ein Geheimbuch gewesen wäre, das jetzt plötzlich neu entdeckt wurde. Zunächst sind diese 3800 Fußnoten von Fachleuten eine sehr gründliche Kommentierung des Textes - und insgesamt wirklich sehr anerkennenswert.

Ein bisschen sehe ich das Problem darin, dass man in Fußnoten generell kein Gegennarrativ, also keinen Gegenentwurf zum Originaltext, schreiben kann. Damit meine ich, auch wenn ich einen Text sehr sorgfältig mit Fußnoten kommentiere, begebe ich mich noch immer ins Schlepptau des Autors und seines Textes. Die Gewichtung des Inhalts kann ich nicht anders setzen.

Deutschland Prof. Dr. Peter Longerich (DW/H. Mund)

Nationalsozialismus-Historiker Peter Longerich

Ich will versuchen, das an einem Beispiel zu erläutern. Bekanntlich hat sich Hitler zweimal in Wien an der Kunstakademie beworben: 1907 und 1908. Er ist beide Male abgelehnt worden. Die zweite Ablehnung verschweigt er aber in "Mein Kampf". Das war umso peinlicher für ihn, weil er versucht hat, den Eindruck zu erwecken, er sei nach der ersten Ablehnung entschlossen gewesen, Baumeister zu werden, und habe sich auf ein Architekturstudium vorbereitet. Tatsächlich hat er sich ein Jahr später noch mal für die Malerklasse beworben.

Und was macht Hitler? Er fällt nach der zweiten Ablehnung völlig in sich zusammen, verschwindet in diesem Wiener Männerheim-Milieu und will über diese Zeit nichts Näheres sagen. Also schreibt er in "Mein Kampf" über die nächsten fünf Jahre nichts Persönliches, ergeht sich über die Stadt, die Wiener Juden, die Sozialdemokratie usw. Und das ist einfach eine Falle, die er für den Leser aufgestellt hat.

Er will in seiner Schrift einfach überdecken, dass er über diese Krise nicht hinweg gekommen ist und eine gesellschaftliche Randexistenz als Arbeitsloser geführt hat. Es hat wenig Sinn, sich in diese Diskussion hineinzubegeben und nachzuprüfen: Hat er schon in Wien die Juden gehasst, oder was hat er dazu gelesen? Im Grund bedeutet das, sich von Hitler an der Nase herumführen zu lassen. Das Entscheidende ist doch, dass der Mann versucht, im Nachhinein seine gescheiterte Biografie zu schönen, und dass er seinen Lesern ein Lügenkonstrukt anbietet. Das kommt in dieser Kritischen Edition, die in vielen wissenschaftlichen Fußnoten seinem Text folgt, nicht richtig raus.

Kritische Ausgabe von Mein Kampf (picture-alliance/dpa/M. Balk)

Im Buchhandel stark nachgefragt: die kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf"

Andererseits muss man anerkennen, dass die Herausgeber gar nichts anderes machen konnten. Es wurde von ihnen erwartet, dass sie eine außerordentlich gründliche Kommentierung vorlegen. Und genau das haben sie gemacht, nach dem Motto: lieber eine Erklärung mehr anbieten als eine zu wenig. Entsprechend umfangreich ist dieses Werk dann auch ausgefallen.

Es gab viel Kritik an der edlen, besonders feinen Aufmachung: dezent hellgraues Leinen, der Titel in tiefroter Prägeschrift. Wie haben Sie das gesehen, als die Edition auf den Markt kam?

Ich muss sagen, dass ich diese Aufmachung für fragwürdig halte. Im Vorwort hat sich der Hersteller ausdrücklich zum Vorbild des Talmud bekannt, was in diesem Zusammenhang schon etwas eigenartig ist. Dem Buch wird damit rein äußerlich eine Bedeutung zugeschrieben, die es nicht hat und auch nicht haben kann.

Hitler war eben kein großer bedeutender Denker oder Autor. Und es wäre viel angemessener gewesen, wenn das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eine ganz konventionelle Buchausgabe herausgebracht hätte. Als letzten Band der ohnehin schon existierende Reihe "Hitler. Schriften, Reden, Anordnungen 1919 -1933". Ohne große Aufmachung, als ganz normale wissenschaftliche Publikation, hätte ich das besser gefunden.

Werbung - Adolf Hitler Mein Kampf (picture alliance/Mary Evans Picture Library)

"Mein Kampf" wurde ab 1933 millionenfach verkauft

Andererseits waren die Erwartungen des Publikums sehr hoch. Als die zwei Bände im Januar 2016 herauskamen, wurde fast der Anschein erweckt, dass hier ein verbotener Text erstmalig zugänglich gemacht wird – was so ja nicht stimmt. In Deutschland war nur der Neudruck von "Mein Kampf" verboten. Der Text selbst war frei zugänglich, und auch die Bücher waren im Antiquariat und im Internet überall erhältlich.

Aber dann ist so ein Hype um "Mein Kampf" entstanden: Etwas Verbotenes ist plötzlich wieder da. Und jeder kann es bekommen und frei kaufen. Das hat die Herausgeber auch unter einen gewissen Druck gesetzt.

Die Leser haben das Buch stark nachgefragt, im April 2016 stand "Hitler, Mein Kampf. Eine Kritische Edition" sogar auf Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste des "Spiegel". Ende Januar kommt jetzt schon die 6. Auflage auf den Buchmarkt. Ist das für ein wissenschaftliches Buch nicht eine enorme Leistung und auch ein Riesenerfolg? Wie sehen Sie das als Wissenschaftler?

Das ist absolut sensationell. Über 80.000 verkaufte Exemplare ist für eine fachliche Edition ganz außerordentlich. Und es ist damit ein Effekt eingetreten, den man auch sehr positiv bewerten sollte: Der Markt für "Mein Kampf"-Publikationen ist vollkommen leergefegt. Man hatte ja zuerst befürchtet, wenn das Urheberrecht dafür ausläuft, könnten irgendwelche dubiosen Nachdrucke erscheinen. Das ist aber nicht der Fall.

Aus verlegerischer Sicht ist "Mein Kampf" durch. Es gibt kein Interesse mehr, das Buch noch einmal in anderer Form herauszubringen. Insofern ist der Erfolg, dass das als sehr heilsamer Prozess zustande gekommen ist – auch wenn manch einer die Nase rümpft  über "Hitler, Mein Kampf" auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Das Gespräch führte Heike Mund.

 Prof. Dr. Peter Longerich ist ein deutscher Historiker mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus und Drittes Reich. Seine Biografien über "Heinrich Himmler" (2008), "Joseph Goebbels" (2010) und "Hitler" (2015) fanden weltweit Beachtung. Er war lange Jahre Professor für Moderne Geschichte am Royal Holloway College an der Universität London und ist Gründer des dortigen Holocaust Research Center. Seit 2013 lehrt er an der Universität der Bundeswehr in München. Seine Bücher über die "Politik der Vernichtung" (1998) und die Haltung der deutschen Bevölkerung während des Nationalsozialismus "Davon haben wir nichts gewusst" (2006) sind heute noch maßgeblich für die Forschung.

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