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Kunst

Starfotograf Platon: "Liebe ist wichtig"

Er hat Obama, Putin und Snowden fotografiert und das einflussreichste Foto der US-Präsidentschaftswahl 2008 geschossen. Fotograf Platon erklärt im DW-Gespräch, wie er unsere Blicke auf das Wesentliche lenkt.

Der gebürtige Brite Platon hat als Fotograf seine Karriere mit Porträtaufnahmen der einflussreichsten Leute unserer Zeit gemacht – von Politikern wie Barack Obama und Wladimir Putin bis zur Boygroup "One Direction" und Whistleblower Edward Snowden. 2008 erstellte er für das Magazin "The New Yorker" ein 20-seitiges Essay zum Thema Kriegsdienst. Er benutzte dieselbe minimalistische Technik wie bei seinen Porträts, nun waren aber seine Motive ganz normale Menschen, deren Leben durch die militärische Präsenz der USA im Irak und in Afghanistan beeinflusst waren. Obwohl er bewusst entschieden hatte, nicht als Kriegsberichterstatter vor Ort an der Front zu sein, gelang es ihm wie keinem anderen zu jener Zeit, den Krieg auf die unterschiedlichsten Weisen abzubilden.

Mit den derzeitigen Ereignissen im Irak und dem Beginn der Kampagne zur Präsidentschaftswahl in den USA bekommt seine Fotoserie eine ganz neue Aktualität, indem sie dem Betrachter klar macht, wie die Außenpolitik das Leben ganz normaler Menschen berührt. Einige dieser Aufnahmen sind gerade in der Kölner Galerie Böhm Chapel zu sehen – eine passende minimalistische Kulisse für dieses etwas düstere Thema. DW hat Platon zur Ausstellungseröffnung getroffen.

DW: Sie waren bekannt für Ihre Porträts der mächtigsten Politiker der Welt. Was brachte Sie 2008 dazu, ganz normale Menschen zu fotografieren?

Platon: Als ich damals den Auftrag bekam, räumte man mir Zugang ein zu Dingen, die kein anderer Journalist vorher sehen durfte. Ich konnte Medina Wasl besuchen, einen Trainingsort in Fort Irwin, der genauso aussah wie ein echtes irakisches Dorf. Ich schlief auf der Straße und machte Aufnahmen vom Training der Soldaten unmittelbar vor ihrem Einsatz, und ich war an Bord des Landungsschiffs "USS San Antonio" kurz vor dem Auslaufen.

In jenem Essay für den "New Yorker" wollten wir die Leute ganz bewusst dazu bringen, über den Kriegsdienst zu sprechen, über die Verantwortung dafür, Menschen in Konfliktgebiete zu senden und welchen Schaden das anrichten kann. Damals wollte Barack Obama Truppen aus Afghanistan und Irak abziehen, während John McCain mehr Soldaten entsenden wollte. Das war eine große Debatte, und wir fanden es notwendig, daran zu erinnern, wie brutal Krieg ist. Es gab aber auch andere Botschaften: die menschlichen Geschichten dahinter.

Ausstellung Service von Platon

Platons Foto hatte enorme Wirkung im US-Wahlkampf 2008

Ich hatte damals genug von Politik und wollte es mit Absicht vermeiden politisch zu sein, und dennoch führte dieses Projekt ganz tief hinein in die Politik und veränderte die politische Landschaft. Eins meiner Bilder wurde zum bedeutendsten Foto des Wahlkampfs gewählt, und es war keins von Obama oder McCain, die ich ebenfalls fotografiert hatte. Es war ein Bild eines Menschen, der weder wichtig, berühmt oder mächtig war. Es war das Foto "Elshaba Kahn am Grab ihres Sohnes, Oberstabsgefreiter Kareem Rashad Sultan Khan, im Abschnitt 60 des Arlington National Friedhofs". Ein Bild einer ganz normalen Person wie du und ich, die keine wie auch immer geartete Macht hat, aber etwas darstellt, was viele Politiker nicht tun: Sie ist wahrhaftig und erträgt den Verlust eines Lebens in würdevoller Weise. Und es war diese Wahrhaftigkeit und Würde, die die Menschen berührte.

Wie entstand dieses Foto?

Ich ging auf den Arlington National Friedhof, dort wo die Soldaten, die im Krieg getötet wurden, begraben sind, und fotografierte trauernde Familien an den Gräbern ihrer Söhne und Töchter. Ich sah diese Frau am anderen Ende des Friedhofs und ich hatte eigentlich nicht vor, ein Foto von ihr zu machen. Jemand erzählte mir dann, dass sie jeden Tag käme mit einem Klappstuhl und einem Buch, aus dem sie ihrem toten Sohn vorlas. Ich war sehr beeindruckt, und ich fragte sie, ob ich ein Foto von ihr machen dürfte. Sie war einverstanden, legte das Buch zur Seite, ging hinter den Grabstein und umarmte ihn, als sei er ihr Sohn. Ich fand das sehr bewegend, wie würdevoll diese Frau mit der Trauer umging. So bewegend, dass ich nicht darauf achtete, welches Buch sie ihrem toten Sohn vorlas, und dass ein muslimischer Name auf dem Grabstein stand. Ich war eingefangen von der menschlichen Seite, und erst als wie im "New Yorker" das Layout für die Geschichte machten, fiel mir auf, was auf dem Grabstein stand, und um welches Buch es sich handelte.

Auf dem Foto ist der Koran betont und der Hintergrund abgedunkelt.

Mein Vater war ein moderner Architekt; Mies van der Rohe und Bauhaus haben mich geprägt. Die Idee der Moderne ist es ja, das Material in den Mittelpunkt zu stellen und ehrlich auf das Wesentliche zu reduzieren. Wenn etwas aus Beton ist, dann zeigst du den Beton. In meinen Fotos versuche ich meine Bildsprache so zu vereinfachen, dass man auf das achtet, was ich zeigen will.

Das Wichtigste ist ihre Geste. Ich versuche, Dinge zu vereinfachen, die Aufmerksamkeit zu lenken, und das in einer Zeit, in der wir alle unter einem Defizit an Aufmerksamkeit leiden. Es ist wichtig, den Leuten dabei zu helfen, einen Moment inne zu halten, stehen zu bleiben, einen fast schon meditativen Moment einer klaren und knappen Aussage wahrzunehmen.

Ausstellung Service von Platon

Platons minimalistischer Blick auf "ganz normale Menschen"

Das Bild wurde dann zum einflussreichsten Foto der Wahl. Warum?

Etwa eine Woche, nachdem wir es veröffentlicht hatten, und etwa zwei Wochen vor dem Wahltag, trat General Colin Powell vor die Presse und erklärte, er unterstütze nun nicht länger seinen republikanischen Parteifreund, sondern ab jetzt Barack Obama. Gefragt nach dem Warum, sagte er: "Ein Foto hat meine Meinung geändert". Es war dieses Foto. Seine Unterstützung hatte enormes Gewicht, und sie konnte den Wahlausgang beeinflussen.

Jetzt – sieben Jahre später und nachdem die US-Truppen den Irak verlassen haben – zeigen Sie nichtsdestotrotz das Bild erneut.

Mir ist klar geworden, dass es in diesem Foto nicht um Krieg ging, nicht um Kriegsehre und nicht um die Politik im Irak oder in Afghanistan. Es war schlicht die Geschichte einer trauernden Frau, einer verzweifelten Mutter. Es war die Erinnerung daran, was wichtig ist im Leben: Menschlichkeit, Respekt, eine offene Gesellschaft. Die Achtung vor den Religionen und Philosophien der Leute. Die Wertschätzung von Liebe und Beziehungen und wie flüchtig die Chance ist, jemanden zu haben, den man liebt. Ich habe erlebt, was geschieht, wenn eine Liebe zerbricht. Umso wichtiger wird die Liebe, die man hat. Als normaler Bürger dieser Gesellschaft will ich daran erinnern, wie wertvoll Liebe, Respekt, Würde und Mitgefühl sind.

Fünf Fotos aus der Serie "Service" sind bis zum 22. September in der Galerie Böhm Chapel in Hürth bei Köln zu sehen.

Das Interview führte Courtney Tenz