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Nikolaus Harnoncourt nimmt überraschend Abschied

Rick Fulker7. Dezember 2015

In einem handgeschriebenen Brief erklärte einer der einflussreichsten Dirigenten des 20. und 21. Jahrhunderts seinen endgültigen Bühnenabschied. Die Entscheidung wird als "epochaler Einschnitt" gedeutet.

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Nikolaus Harnoncourt im Jahr 2014
Bild: imago/SKATA

"Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne" heißt es im Faksimile, das am Samstag (5.12.2015), einen Tag vor seinem 86. Geburtstag, dem Programmheft zu einem geplanten Auftritt im Wiener Musikverein beigelegt wurde.

In den vergangenen Monaten hatte Nikolaus Harnoncourt aus gesundheitlichen Gründen bereits mehrere Konzertauftritte absagen müssen. Die Erklärung kam dennoch überraschend, schließlich hatte der österreichische Maestro noch Auftritte bis ins Jahr 2016 geplant, auch auf dem von ihm gegründeten Festival für Alte Musik "styriarte" in Graz. Noch im Dezember 2014, als Harnoncourt den Echo-Preis für sein Lebenswerk erhielt, nahm er die Auszeichnung skeptisch entgegen: "Was ist, wenn ich übermorgen ein anderes Lebenswerk habe?"

Der Abschied vom aktiven Musikleben fiel Harnoncourt offenbar schwer: "Da kommen große Gedanken hoch: zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut - wir sind eine glückliche Entdeckergemeinschaft geworden!"

Der Cellist und spätere Dirigent gründete 1953 das Concentus Musicus Wien, das vier Jahre später im Wiener Palais Schwarzenberg sein erstes Konzert gab. Das Ensemble, das auf historischen Instrumenten spielt und seine Interpretationen auf musikwissenschaftlichem Quellenstudium gründet, übte damals bahnbrechenden Einfluss auf das Musikleben weltweit aus. Nach seinem Vorbild entstanden viele Originalklangensembles. In späteren Jahren dirigierte Harnoncourt eine Reihe bedeutender Orchester, darunter das Concertgebouw-Orchester Amsterdam und die Wiener und Berliner Philharmoniker.

Bild aus dem DW-Dokumentarfilm "Mission Mozart" mit Lang Lang und Nikolaus Harnoncourt"
In "Mission Mozart - Lang Lang & Nikolaus Harnoncourt" dokumentierte die DW die erste CD-Einspielung des Klavierstars mit dem AltmeisterBild: DW

In Büchern wie "Musik als Klangrede" aus dem Jahr 1982 gab Harnoncourt seinen Musikdeutungen, die als "frisch", "radikal", "polarisierend" und "revolutionär" beschrieben wurden, die entsprechende theoretische und historische Grundlage.

Harnoncourts Einfluss bleibt nicht nur auf sein eigenes, umfangreiches Wirken beschränkt. Eine Reihe von namhaften Dirigenten bezieht sich heute auf Harnoncourt und seine Ideen.