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Aktuell Deutschland

Staranwalt Rolf Bossi ist tot

Er war der bekannteste Strafverteidiger der Bonner Republik - der Anwalt von Gangstern und Prominenten. Darüber wurde Rolf Bossi selbst zum Star. Jetzt ist der Jurist mit 92 Jahren gestorben.

Als die Schauspielerin Ingrid van Bergen ihren Geliebten erschossen hatte, lag nahe, wer ihr gerichtlichen Beistand leisten sollte: Rolf Bossi. Das war 1977. Drei Jahre später, 1980, stand er mit schwarzer Robe neben einem der bekanntesten Angeklagten in der Geschichte der Bundesrepublik, Dieter Zlof.

Der Entführer des Industriellensohns Richard Oetker narrte jahrelang die Polizei, bevor er gefasst wurde. 21 Millionen D-Mark hatte Zlof erpresst - es war die bis dahin höchste Lösegeldforderung in Deutschland. Auch der Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski, der als Nebenfolge seiner Tat unrühmliche Medienexzesse hervorrief, wählte 1989 als Verteidiger den Prominentesten dieser Zunft.

Erfahrener Entführer-Anwalt

Bossi hatte sich sozusagen empfohlen, da er schon 1971 das Mandat für Heinz-Joachim Ollenburg, den Entführer eines der Aldi-Brüder, übernommen hatte. Er erwirkte damals ein rückhaltloses Geständnis, was das Gericht mit dem vergleichsweise milden Urteil von achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe honorierte.

Rolf Bossi mit der angeklagten Schauspielerin Ingrid van Bergen (1977) (Archivbild: picture-alliance/dpa/K. Heirler)

Im Rampenlicht: Rolf Bossi mit der angeklagten Schauspielerin Ingrid van Bergen (1977)

Der gebürtige Badener, Sohn eines italienischen Vaters, welcher als Luftwaffenoffizier 1943 wegen "Wehrkraftzersetzung" von den Nazis erschossen worden war, arbeitete gezielt an seinem Ruf als Staranwalt der Schickeria. Er vertrat den Schlagersänger und Showmaster Vico Torriani in einem Vaterschaftsprozess ebenso wie den Jazztrompeter Chet Baker, der sich wegen eines Rauschgiftdelikts verantworten musste. Und als Romy Schneider sich von Harry Meyen scheiden ließ, vertraute sie Rolf Bossi als ihrem Rechtsbeistand.

Psychologie in die Gerichtssäle gebracht

Nach der deutschen Wiedervereinigung geriet Bossi ins Kreuzfeuer der Kritik, als er Anfang der 1990er-Jahre in einem Mauerschützenprozess vier ehemalige DDR-Grenzsoldaten verteidigte - und dabei die Wahrheitsfindung auf eigenwillige Weise betrieb oder, wie seine Gegner fanden, blockierte. Dabei ließen er und sein Kanzlei-Sozius sich auch von Illustrierten bezahlen, die den Prozess auf fragwürdige Weise begleiteten.

Als Bossis Verdienst gilt hingegen, die Psychologie in die Gerichtssäle gebracht zu haben. Der Anwalt wies in mehreren Fällen die Schuldunfähigkeit seiner Mandanten nach und mahnte an, dass Strafgerichte es berücksichtigen müssten, wenn ein Beschuldigter zum Zeitpunkt der Tat psychisch krank war.

Rolf Bossi mit Oetker-Entführer Dieter Zlof (1980) (Archivbild: picture-alliance/dpa/F.Leonhardt)

Plädoyer für den Erpresser: Rolf Bossi mit Oetker-Entführer Dieter Zlof (1980)

"Halbgott in Schwarz"

Ungewollt kam Bossi in die Schlagzeilen, als er 2006 wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt wurde. Weil er vorschriftswidrig gerast war, hatte ein Gericht zwei Jahre zuvor das Papier eingezogen. Seinen legendären Ruf konnte dies allerdings nicht beschädigen. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" nannte ihn einen "Halbgott in Schwarz". Die "Bild"-Zeitung zollte auf ihre Weise Respekt, indem sie auf Bossis rhetorische Kraft abhob, von der sie in ihren Schlagzeilen zehrte: "Seine Plädoyers waren großes Kino."

Am Dienstag ist Rolf Bossi, der zuletzt nicht mehr in München, sondern in Nordrhein-Westfalen lebte, im Alter von 92 Jahren gestorben. Das bestätigte die von ihm gegründete Kanzlei der Deutschen Presse-Agentur. Sein früherer Kollege Ulrich Ziegert erklärte, Bossi habe "die Strafverteidigung nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt wie kein anderer".

jj/kle (dpa, munzinger)