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Kultur

Stammzellenforscher auf der Überholspur

Britische Forscher könnten bald embryonale Stammzellen aus tierischen Eizellen erzeugen. Dafür hat die zuständige Behörde jetzt die Erlaubnis gegeben. Ausländische Kollegen befürchten nun, ins Hintertreffen zu geraten.

Stammzellenforscher in ganz Europa schauen gespannt nach Großbritannien. In London haben zwei Forschergruppen am Mittwoch (5.9.2007) grünes Licht erhalten, um sich für eine Lizenz zur Herstellung so genannter Hybrid-Embryonen zu bewerben. Europaweit einmalig ist es damit im Königreich nun prinzipiell erlaubt, diese embryonalen Stammzellen aus menschlichen und tierischen Bestandteilen zu produzieren und für die Forschung einzusetzen.

Britische Öffentlichkeit mit an Bord

Biologen des Londoner King's College und Genetiker an der Universität Newcastle haben vor, die DNA aus menschlichen Zellkernen in "leere" tierische Eizellen einzubringen (denen zuvor jede eigene tierische Erbinformation entzogen wurde). Das Ergebnis sind Zellen, die in allen wichtigen Aspekten menschlichen embryonalen Stammzellen entsprechen.

Der Sachverständigenrat der Regierung zu dem Thema (Human Fertilisation and Embryology Authority, HFEA) hat diesen Forschungsvorhaben am Mittwoch grundsätzlich zugestimmt. Öffentliche Konsultationen hatten zuvor ergeben, dass der größte Teil der britischen Forschergemeinschaft die Arbeit an Hybriden unterstützt. Und auch die große Mehrheit der britischen Öffentlichkeit hat offenbar keine Probleme damit.

Hybride: Stammzellen en masse

Zellen unter dem Mikroskop (Quelle: AP)

Eine Zelle wir aus einem menschlichen Embryo entnommen

Die britischen Gesetze zur Forschung an embryonalen Stammzellen zählen bereits zu den liberalsten weltweit. Vergleichbare Freiheiten finden Forscher derzeit nur im Fernen Osten. In China und Südkorea arbeiten Wissenschaftler allerdings schon seit einigen Jahren an Hybriden. Hauptgrund für die "tierische Mischung" ist die Knappheit menschlicher Eizellen. Bisher werden nur aus diesen die von den Medizinern so heiß begehrten embryonalen Stammzellen erzeugt.

"Für unsere Forschung können wir bislang nur auf drei bis vier menschliche Eizellen pro Monat zurückgreifen", sagt Genetiker Lyle Armstrong von der Universität Newcastle, der sich mit seinem Team um eine HFEA-Lizenz bemüht. "Aber mit den Hybriden stünden uns rund 200 zur Verfügung - und das jeden Tag."

Embryonale Stammzellen können sich zu jeder Art von Zelle eines menschlichen Körpers ausbilden. Diese besondere Fähigkeit macht sie ideal für die Erforschung vieler Krankheiten, von denen viele bis heute schwer oder gar nicht heilbar sind, darunter Leukämie, Parkinson, Alzheimer oder Diabetes. So könnte Leukämiekranken geholfen werden, indem man aus ihrer DNA in Verbindung mit Eizellen embryonale Stammzellen erzeugt. Diese können dann zu gesunden Knochenmarkzellen heranwachsen und die von der Krankheit zerstörten ersetzen helfen, erläutert Armstrong.

Europäische Forscher benachteiligt?

Bild von Schafkopf (Quelle: AP)

Stammzellforschung: 1997 klonten Wissenschaftler in Schottland das Schaf Dolly (Archivbild)

Ausländische Forscher sehen ihre Kollegen im Königreich nun auf der Überholspur. Die HFEA-Entscheidung dürfte den Druck auf andere europäische Regierungen noch einmal erhöhen, die Gesetze zur Stammzellenforschung weiter zu liberalisieren. "Die britische Entscheidung wird für viele Forscherkollegen in Deutschland ein Schlag ins Kontor sein", sagt Helmut Blöcker vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Einige Top-Forscher haben ihre Zelte in Deutschland bereits schweren Herzens abgebrochen, weil sie in Biotech-Zentren wie Singapur bessere Bedingungen finden. Mit dem Sprung über den Ärmelkanal könnten nun weitere Wissenschaftler in Deutschland versucht sein, den heimischen Laboren den Rücken zu kehren.

Die neuen ungleichen Forschungsbedingungen müssten auch bei der zukünftigen Vergabe europäischer Fördermittel berücksichtigt werden, sagt Blöcker. Probleme gibt es an dieser Stelle gegenwärtig noch nicht. Im Rahmen der Forschungsförderung der Europäischen Union würden die geplanten britischen Versuche an Hybrid-Embryonen nicht unterstützt, sagt Armstrong. "Das Geld kommt bislang nur von britischen Förderorganisationen."

Unklare Grenze zwischen Mensch und Tier

Gordon Brown (Quelle: AP)

Regierung Brown: Bis Ende 2007 soll ein neues Stammzellengesetz verabschiedet werden (Archivbild)

Die ethisch-moralischen Gesichtspunkte, die die Regierungen anderer Staaten von einer freizügigeren Stammzellenpolitik abgehalten haben, werden durch die britische Entscheidung nur um einen Aspekt erweitert, sagt Hartmut Kreß, Mitglied der Bioethikkommission Rheinland-Pfalz: "Die Grenzen zwischen Menschsein und tierischer Existenz beginnen nun zu verschwimmen."

In diesem Punkt schließen sowohl HFEA als auch die britische Regierung einen Burgfrieden mit den Kritikern: Die Vermischung menschlicher und tierischer Gene bleibt vorerst verboten.

Nach Ansicht von Genetiker Armstrong könnte die erfolgreiche Forschung mit Hybrid-Embryonen die gesamte Diskussion um ihren Einsatz in einigen Jahren ohnehin völlig überflüssig machen. "Wenn wir erst einmal die Prozesse verstanden haben, welche die in die Eizellen eingebrachte DNA zum genetischen Urzustand eines Embryos zurückprogrammieren, können wir embryonale Stammzellen im Labor bauen." In fünf bis zehn Jahren könnte es so weit seien, gibt sich Armstrong optimistisch.

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