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Bildung

Stadtplanung auf Zeit

Vorfahrt für Fußgänger – das ist das Ziel zweier Stadtplanungsstudentinnen. Ihr Entwurf für Duisburg gehört zu den Siegern des Wettbewerbs "Temporäre Stadt", eines Studenten-Projekts der Kulturhauptstadt 2010.

Studierendenprojekt Temporäre Stadt: Demonstrieren für mehr Stadtkultur (Foto: DW / Andrea Groß)

Essen und das Ruhrgebiet -Europas Kulturhauptstadt 2010

Von der Duisburger Innenstadt zum Innenhafen ist es nicht weit zu Fuß. Und der Weg lohnt sich. Denn der Innenhafen hat sich in den letzten Jahren vom alten Industriegebiet zur attraktiven Flaniermeile gemausert. Doch der Spaziergang hat einen großen Haken: Er führt direkt über die Steinsche Gasse, und die ist, anders als der Name vermuten lässt, kein kleines, malerisches Sträßlein. Sondern eine riesige Verkehrsachse.

Mehr Rechte für Fußgänger, Radfahrer und Inlineskater

Das ist nicht attraktiv, findet die Dortmunder Raumplanungsstudentin Anna Lerch. "Als Fußgänger denkt man, die Innenstadt ist hier zu Ende." Doch das ist falsch. Auf dem Weg zum Innenhafen kommt man vorbei am historischen Rathaus, an einem zugänglichen archäologischen Grabungsfeld und der Mercatorkirche. Alles sehr schön. Wenn nur die Schnellstraße, die Autos und die Abgase nicht wären.

Wie gestaltet man einen solchen Ort mit wenig Aufwand für ein paar Tage oder Wochen attraktiver? Nicht nur für Autos, sondern auch für Fußgänger, Radfahrer und Inlineskater? So lautete die Aufgabe des Wettbewerbs "Temporäre Stadt" im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010. Anna Lerch und ihre Kommilitonin Mavie Lakenbrink haben mitgemacht.

180 Studierende aus Ungarn, Deutschland und der Türkei

Die Studentinnen Anna Lerch (links) und Mavie Lakenbrink diskutieren ihren Entwurf. (Foto: DW / Andrea Groß)

Anna Lerch (links) und Mavie Lakenbrink diskutieren ihren Wettbewerbsentwurf.

Zwei Jahre lang haben die beiden Raumplanungsstudentinnen zusammengesessen, geplant und gezeichnet. Mit ihren Ideen haben sie im deutschen Teil des trinationalen Wettbewerbs "Temporäre Stadt" gewonnen. Insgesamt haben sich 180 Studierende aus Deutschland, Ungarn und der Türkei an dem Wettbewerb beteiligt. Ein Projekt speziell für Studenten in den diesjährigen Kulturhauptstädten Pecs, Istanbul und dem Ruhrgebiet. In jedem der drei Länder hat eine Jury über die Siegerentwürfe entschieden. Den Wettbewerb in Pecs gewann ebenfalls ein deutsches Team, den in Istanbul ein türkisches.

In Istanbul haben die Wettbewerbssieger im Juni das Wasserbecken einer Werft einen Tag lang zu einer Bühne umfunktioniert. In Pecs werden im Oktober Pappstühle zwischen der Innenstadt und einer ehemaligen Porzellanmanufaktur aufgestellt. Passanten sollen sich hinsetzen und ihre Stadt als Bühne wahrnehmen.

Auf Vergänglichkeit angelegt

Wenn die Stühle vom Regen durchweicht oder von Passanten mitgenommen werden – macht nichts. "Ihr Verschwinden ist Teil des auf Vergänglichkeiten basierenden Konzepts", erklärt Ulrike Rose von der Initiative StadtBauKultur Nordrhein-Westfalen, die den Wettbewerb organisiert hat. Die Nachhaltigkeit müsse dann in den Köpfen der zuständigen Stadtplaner stattfinden.

Lehrstück in Sachen Realität

Mavie Lakenbrink und Anna Lerch auf der Straßenkreuzung in Duisburg (Foto: DW / Andrea Groß)

Mavie und Anna haben viel Praxiserfahrung gesammelt.

In Duisburg wollten Mavie Lakenbrink und Anna Lerch vier Tage lang die Schnellstraße zwischen der Fußgängerzone und dem Szeneviertel verkehrsberuhigen. Sie durften es nicht. Die Verkehrsbehörde hat es nicht erlaubt.

Für die beiden Wettbewerbssiegerinnen der "Ruhr.2010" ist das eine bittere Enttäuschung. "Wir haben viel Arbeit investiert", sagt Mavie Lakenbrink. "An der Uni sagen sie immer, seid kreativ." Die Konfrontation mit den Behörden und ihren Paragraphen und Verordnungen sei da schon ein Lehrstück in Sachen Realität gewesen.

Kein Preisgeld, aber viel Erfahrung

Ein Preisgeld gab es für die Wettbewerbssiegerinnen nicht und Reisen ins Ausland auch nicht. Aus Zeitgründen haben sich die beiden nicht um die Teilnahme an den Wettbewerben in Pecs und Istanbul beworben. Aber sie hoffen, den Wettbewerb als Praktikum für ihr Studium anerkannt zu bekommen.

Am Ende ist wohl die Erfahrung der wichtigste Gewinn des Wettbewerbs, resümieren die angehenden Raumplanerinnen. Persönlich habe der Wettbewerb ihnen viel gebracht, sagen Mavie Lakenbrink und Anna Lerch. "Als Student erlebt man diese Form der beruflichen Praxis in der Regel sonst ja nicht."


Autorin: Andrea Groß
Redaktion: Svenja Üing