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Alltagsdeutsch – Podcast

Stadtführer

Stadtführer zeigen Touristen die Sehenswürdigkeiten und wissen viel über die Geschichte einer Stadt. Doch nicht nur Zahlen und Fakten sind wichtig. Um die Zuhörer zu begeistern, müssen sie auch Anekdoten erzählen können.

Sprecher:

Die Freizeitbranche steht in voller Blüte, vor allem die Touristik floriert. Reiseunternehmen, Animateure und Gästeführer erleben eine Hochkunjunktur.

Sprecherin:

Als Gästeführer wirken in Köln auch die Eheleute Yvonne und Thomas Plum, beide in den Dreißigern, beide zunächst in städtischem Dienst und seit einigem selbständig und freiberuflich tätig. Thomas Plum - pardon: Dr. Thomas Plum - ist studierter Philosoph. Ein etwas ungewöhnlicher Hintergrund für einen Stadt- oder Gästeführer. Was bringt wohl einen Denker, einen Schreibtischgelehrten auf die Straße?

Thomas Plum:

"Das war natürlich erstmal ein großer Zufall, aber auf der anderen Seite ist es im Nachhinein gar nicht so abwegig, weil Philosophen über alles reden können und sich überall ein bisschen auskennen, aber nirgendwo richtig. Und der Stadtführer ist auch jemand, der eben kein Fachvertreter ist, sondern ja so ein Universaldilettant, kann man sagen. Er weiß von allem etwas, aber natürlich ist er kein Fachidiot."

Sprecher:

Thomas Plum gebraucht hier eine ganze Reihe umgangssprachlicher Redewendungen: im Nachhinein, abwegig, sich ein bisschen auskennen, Universaldilettant und Fachidiot. Im Nachhinein bedeutet soviel wie hinterher oder im Rückblick, abwegig nennt man Gedanken, Vorstellungen oder Maßnahmen, die dem angebotenen Wirklichkeitssinn widersprechen, vom Weg des gesunden Menschenverstandes abweichen. Wenn ein Philosoph zum Stadtführer wird, ist das nicht abwegig, weil sich ein Philosoph überall ein bisschen auskennt. Wer sich in einer Sache auskennt, weiß über sie Bescheid, gründlich Bescheid. Das Verbum sich auskennen ist stärker als das einfache kennen. Nun geht Thomas Plum der Anspruch, sich überall auszukennen, wohl etwas zu weit.

Sprecherin:

Sonst wäre er ja auch kein Stadtführer, sondern ein Universalgenie.

Sprecher:

Richtig! Und darum greift er zu der einschränkenden und in der Umgangssprache sehr beliebten Verkleinerungsform ein bisschen. Diese Form, inzwischen fast schon zur Formel geworden, schraubt allzu hohe Ansprüche und Erwartungen gleich zurück, bringt alles auf ein verträgliches Normalmaß und schafft dadurch eine familiäre Atmosphäre. Man geht ein bisschen spazieren, ein bisschen ins Kino, ein bisschen was essen, sollte das Bisschen auch mehrere Stunden dauern.

Sprecherin:

Wenn Thomas Plum betont, er sei ein Universaldilettant, dann ist diese eigene Wortschöpfung natürlich ein bisschen selbstironisch gemeint. Gebräuchlich ist das Wort Universalgenie, also jemand, der sich in allen Bereichen hervorragend auskennt. Und weil Thomas Plum diese Auszeichnung nicht für sich beanspruchen und trotzdem mit seiner Vielseitigkeit kokettieren will, nennt er die Fremdenführer Universaldilettanten, also vielseitige Laien. Wichtig ist ihm eigentlich nur zu betonen, dass er kein Fachidiot ist. Der Fachidiot jedenfalls hat schon seit dem Ende der sechziger Jahre im Alltagsdeutschen seinen Platz. Das sehr abfällige Wort gilt für Zeitgenossen, deren geistiger Horizont nicht weiter reicht, als die Grenzen, als der Tellerrand ihres Berufs oder Jobs. Beruf oder Job - in welche Rubrik gehört eigentlich der Gästeführer? Yvonne Plum:

Yvonne Plum:

"Ich habe angefangen, Sprachen studiert, verschiedene Sprachen und bin dann eigentlich als Studentenjob an diese Sache gekommen und habe festgestellt, dass mir das soviel Spaß gemacht hat, dass ich dann eben daraus wirklich auch meinen Beruf machen wollte."

Sprecherin:

Diese Laufbahn ist eigentlich nicht typisch; zwar verdanken die meisten Stadt- und Gästeführer ihre Premiere dem Jobangebot einer studentischen Stellenvermittlung, doch finden nur wenige über diesen Weg zu ihrem Lebensberuf. Im Nebenberuf freilich ziehen auch gereifte, namentlich pensionierte Akademiker weiterhin finanziellen Nutzen aus der Betreuung ausländischer und einheimischer Gäste. Yvonne und Thomas Plum aber sind so genannte Hauptberufler geworden.

Yvonne Plum:

"Das gibt natürlich Lieblingsthemen, also mein Mann zum Beispiel macht sehr viel mit moderner Kunst, mit der ich wieder sehr wenig anfangen kann. Ich interessiere mich mehr für die alten Sachen, Mittelalter und so weiter, aber wir haben ein sehr breit gefächertes Angebot."

Sprecher:

"Ich kann mit diesem oder jenem nichts anfangen" heißt: "Ich verstehe es nicht, ich mag es nicht, ich lehne es ab." Da die Plums wissen, dass viele mit vielem nichts anfangen können, haben sie ein breit gefächertes Angebot. Was ein Fächer ist, weiß jeder, ein Angebot, das breit ist wie ein Fächer, enthält - dem Bild entsprechend - sehr viele Abteilungen, sehr viele Wahlmöglichkeiten für die geschätzte Kundschaft. Und wie kommt man an Kundschaft?

Thomas Plum:

"Indem man kräftig die Werbetrommel rührt."

Sprecherin:

Diese Wendung stammt noch aus dem 17. Jahrhundert, aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als die Werber der Söldnerheere durch Europa zogen, um neues Kanonenfutter für die Könige und Fürsten zu verpflichten. Den Werbern ging gewöhnlich ein mehrköpfiges Trommlerchor voran, das den Werber anmeldete und die Anwerbungsbedingungen schlagzeilenartig ausrief, austrommelte. Heute sagt man noch in Berlin und anderswo auch, dass ein Zeitungsverkäufer seine Blätter austrommelt, und die Werbetrommel rühren ist längst zu einem Ausdruck für kaufmännische Werbeaktivitäten geworden.

Sprecher:

Die Werbetrommel hat gewirkt, das Publikum - nie mehr als 25 Personen - hat sich am vereinbarten Treffpunkt versammelt, die Gästeführer treten auf. Und jetzt? Was geschieht jetzt?

Thomas Plum:

"Ja, ich würde sagen, es ist fast so ähnlich wie bei einem Schauspieler. Sobald man vor dem Publikum steht, dann ist man Stadtführer und versucht natürlich, die Leute bei der Stange zu halten, und das ist mehr eine Sache des Talents und hat weniger mit Ausbildung oder Wissen zu tun, da gibt es ja auch sehr große Unterschiede."

Sprecherin:

Thomas Plum versucht, sein Publikum bei der Stange zu halten, was nicht bedeutet, dass die Zuhörer nach einer Stadtführung mit ihm so erschöpft sind, dass sie sich an einem Laternenpfahl festhalten müssten. Bei der Stange halten heißt hier einfach, dass Thomas Plum das Interesse der Teilnehmer nicht verlieren möchte, sie im Bann halten, sie unterhalten möchte, und das kann er mit ein bisschen schauspielerischem Talent besser, als würde er ganz trocken und wissenschaftlich dozieren.

Yvonne Plum:

"Warum ist man auf die Idee gekommen, im Mittelalter eine Kirche zu bauen, die so hoch ist, es gab doch noch gar keine Hochhäuser, die man irgendwo übertrumpfen wollte. Meine Maxime ist eigentlich die, dass ich immer verabscheut habe diese langweiligen Geschichtsbücher und lieber zum Beispiel historische Romane gelesen habe, einfach weil das oft das Gleiche oder ganz ähnliches Wissen da vermittelt wird in einer sehr lebendigen Weise, und ich möchte, dass das bei meinen Führungen so ähnlich rüber kommt, dass das also mehr erzählerisch ist und eben lebendig, unterhaltsam und trotzdem irgendwo auch etwas ist, wo man noch was lernt bei."

Sprecher:

Yvonne Plum sagt, man habe keine Hochhäuser mit dem Dom übertrumpfen wollen. Das Verb übertrumpfen stammt aus dem Kartenspiel, hat sich aber längst als Begriff für "übertreffen", "überragen", "in den Schatten stellen" eingebürgert. Um ein Beispiel zu geben: Als um die Mitte des 14. Jahrhunderts der Hochchor des Kölner Doms endlich fertig gestellt war, gab es noch nicht einmal im bautechnisch am weitesten fortgeschrittenen Land Europas, in Italien, ein sakrales oder weltliches Gebäude, das die Kölner Kathedrale in der Höhe überragt oder übertrumpft hätte.

Sprecherin:

Aus der Theatersprache hingegen stammt der Ausdruck herüber oder verkürzt: rüber kommen. Von einem Stück, einer Inszenierung, die Erfolg hatte, sagt man, sie sei über die Rampe gekommen, sei beim Publikum angekommen. Die Rampe trennt als Höhenschwelle den Zuschauerraum von der Bühne. Worte, Gesten, Gänge, die diese Schwelle nicht überwinden, sind für die Katz, das heißt, umsonst. Die Gaukler, wie sich die Schauspieler früher nannten, hätten genauso gut zu Hause bleiben können.

Sprecher:

Dass die Gaukler und die Gästeführer etwas Gemeinsames haben, ließ eben schon Thomas Plum durchblicken. Jetzt stellt er den Unterschied zwischen dem Schauspieler und seinem Beruf heraus.

Thomas Plum:

"Es ist ja mehr so was wie ein Geschichtenerzähler. Man erzählt Geschichten, die sich die Leute merken, und wenn man Geschichten, auch manchmal Anekdoten, Histörchen erzählt, prägt sich das auch einfach besser ein und macht mehr Freude zuzuhören."

Sprecherin:

Yvonne und Thomas Plum sind immer auf der Suche nach neuen Geschichten und Histörchen, die sie ihren Kunden einprägen können - wie zum Beispiel diese:

Thomas Plum:

"Als die Dominikaner in Köln ihr Kloster eröffneten, da hatten sie natürlich sehr viel Konkurrenz von bestehenden Orden, und um jetzt in Köln eine gewisse Popularität zu bekommen, haben sie den Brauern, die zu dieser Zeit sich zu einer Bruderschaft zusammen taten, ihren Heiligen gewissermaßen aufs Auge gedrückt, und seitdem beschützt der Petrus von Mailand die Brauer, und vielleicht hat sogar das Pittermännchen den Namen von dem Petrus von Mailand."

Sprecher:

Die Dominikaner waren ein so genannter Bettelorden, sie besaßen großen Einfluss und lange Zeit auch große Macht. Dank dieser Tatsache waren sie in der Lage, ihren Zeitgenossen Vorschriften zu machen, ihnen etwas aufs Auge zu drücken. Auch diese Redensart stammt aus dem 17. Jahrhundert, aber sie hat weniger mit den Dominikanern als mit den Wander- und Wunderärzten zu tun, die ihre Patienten auf dem Jahrmärkten suchten, sie mit fragwürdigen Arzneien traktierten und vor allem bei Augenkranken kräftig abkassierten. Blinden und Kurzsichtigen verhießen sie baldige Heilung für den Fall, dass diese sich Rossäpfel aufs Auge drücken ließen. Die Redensart war lange, sehr lange vergessen; seit gut zwanzig Jahren wird sie wieder gebraucht und zwar für den Umstand, dass jemandem etwas gegen seinen Willen aufgetragen wird.

Sprecherin:

Und was ist mit dem Pittermännchen?

Thomas Plum:

"Ein Pittermännchen ist ein kleines Fässchen Kölsch, wie man sich das dann für 'ne Party mitnimmt, und das bekommt man in Köln frisch in den Brauhäusern."

Sprecherin:

Vom mittelalterlichen Dominikanermönch Petrus von Mailand bis hin zum durstlöschenden, alkoholarmen Kölschbier aus den ortsüblichen Stangengläsern - so finden die Plums immer wieder die Kurve, von einer histörchen- und anekdotengesättigten Vergangenheit in eine multikulturelle, von vielen Farben gestaltete Gegenwart. In diesem Zusammenhang eine Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen deutschen und ausländischen Touristen, ich meine, in der Interessenlage?

Thomas Plum:

"Vielleicht kann man sagen, dass die ausländischen Touristen sich auch keine Zahlen merken möchten, das sind Dinge, die kann man nachlesen, sondern sie wollen das lebendig nachvollziehen, und genau das versuchen wir. Wir wollen ja in die Stadtgeschichte und was die Stadt Köln so bietet auf eine Weise näher bringen, dass Typisches oder Charakteristisches sich einprägt. Zum Beispiel: Konrad Adenauer und seine Definition des kölschen Klüngels ist ja auch ganz schön: "Ich weiß nicht, was das ist, man kennt sich und man hilft sich"."

Fragen zum Text

Ein Universalgenie ist …

1. jemand, der sich in allen Bereichen hervorragend auskennt.

2. jemand, der sich in allen Bereichen ein bisschen auskennt.

3. jemand, der viele Jahre zur Universität gegangen ist.

Wenn man jemanden bei der Stange hält, dann ...

1. hilft man ihm beim Gehen.

2. interessiert man sich nicht für ihn.

3. tut man alles, um sein Interesse nicht zu verlieren.

Wenn man jemandem gegen seinen Willen etwas auferlegt, dann ...

1. drückt man ihm etwas auf den Mund.

2. drückt man ihm etwas aufs Auge.

3. hält man ihm die Ohren zu.

Arbeitsauftrag

Stellen Sie sich vor, Sie sind Stadtführer/in in Ihrer Heimatstadt. Was würden Sie den Touristen zeigen und was würden Sie dazu erzählen? Beschreiben Sie fünf Orte, die Sie besonders spannend finden, in Stichpunkten. Stellen Sie sie anschließend Ihrer Klasse vor.

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