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Kultur

Stadterkunder: Unterwegs in Bauruinen

Sie heißen "Urban Explorer", Stadterkunder, und sie fotografieren dort, wo es verboten ist: in stillgelegten Fabriken, verlassenen Brauereien oder in leeren Labors. Im Sommer ist dafür Hauptsaison.

Außenansicht einer ehemaligen Fleischfabrik (Foto: Andreas Böttger)

Fleischfabrik

Wie viele Fotos sie heute schon gemacht hat, weiß Carla Eglau nicht. Seit mehreren Stunden ist die Hobbyfotografin in der ehemaligen Fleischfabrik im Berliner Stadtteil Lichtenberg unterwegs. Sie steht in einem Büroraum, in dem schon lange kein Mensch mehr gearbeitet hat. Aus dem Boden sprießt Grünzeug, an den Wänden hat Moos ein Graffiti überzogen. Das ganze Zimmer ist zugewachsen.

Ganz legal auf Tour

Eine alte Backfabrik in Berlin (Foto: Andreas Böttger)

Eine alte Backfabrik in Berlin

Carla Eglau war schon häufig mit ihrer Kamera an sogenannten "Lost Places", verlassenen Plätzen, unterwegs - meist illegal. Aber sie liebt den Nervenkitzel und klettert auch mal über rostige Zäune oder zwängt sich durch zugewachsene Eingangstore. Heute aber muss sie nicht fürchten, einem Wachschutz in die Hände zu fallen. Heute hat sie eine Tour bei "go2know" gebucht, einem jungen Berliner Unternehmen, das auf Fototouren an geheimnisvollen Orten spezialisiert ist. Wo genau sich diese befinden, erfährt nur, wer sich angemeldet und vorab zwischen 30 und 40 Euro bezahlt hat.

Gut 20 Personen aller Altersgruppen sind an diesem Sonntagnachmittag auf dem Gelände der ehemaligen Fleischfabrik unterwegs. Ausgerüstet mit solidem Schuhwerk, dicken Anoraks, mit Taschenlampen und Rucksäcken, aus denen Stative hervorragen, sind sie auf der Suche nach ungewöhnlichen Motiven.

Andreas Böttger, einer der Gründer von "go2know", führt sie durch ein dunkles Treppenhaus nach oben. Immer noch liegt der Geruch von geräuchertem Fleisch in der Luft. Der Weg führt durch gekachelte Hallen und in ölige Werkstätten. Seit mehr als 15 Jahren sind die Öfen und Kessel erkaltet. Hin und wieder liegt Arbeitskleidung auf dem Boden verstreut. Als habe sie gerade jemand abgelegt. Als sei die Zeit stehen geblieben.

Ein ehemaliger Schlachthof als filigranes Skelett

Marc Mielzarjewicz (Foto: Marc Mielzarjewicz)

Marc Mielzarjewicz

"Urban Explorer", wie sich diese Stadterkunder der besonderen Art nennen, sind überall in Deutschland unterwegs, im Sommer ist Hauptsaison für ihr Hobby. Marode Gebäude finden sich landauf, landab. Zum Beispiel in Halle an der Saale. Marc Mielzarjewicz wirft einen prüfenden Blick die Straße hinunter. Kein Auto in Sicht, kein Mensch ist unterwegs an diesem sonnigen Juni-Nachmittag in Halles Osten. Schnell zwängt er sich an einem halb zugewachsenen Pförtnerhäuschen vorbei. Schon lange sitzt hier kein Mensch mehr und kontrolliert, wer kommt und geht.

Der Blick öffnet sich auf ein gut fünf Hektar großes Gelände. Es ist der ehemalige Schlachthof der Stadt. Rechts vom Pförtnerhäuschen steht eine große Halle. Sie ist sieben Meter lang, wirkt in ihrer Architektur mit Bögen, Portalen und alten Eisenträgern fast filigran, aber auch wie ein Skelett. Denn die Tore fehlen, die Dächer sind voller Löcher, die Fenster zerschlagen. Nur die Außenmauern stehen noch.

Wenn der Mensch verschwunden ist

Verfallene Ställe auf dem Gelände eines ehemaligen Schlachthofes (Foto: Marc Mielzarjewicz)

Verfallene Ställe auf dem Gelände eines ehemaligen Schlachthofes

Immer wieder zückt Marc Mielzarjewicz seinen Fotoapparat, lichtet einen verwitterten Prospekt ab, der auf dem Boden liegt, nimmt die Boxen in den ehemaligen Ställen auf, fotografiert die Bäume, die sich den Weg durch das Mauerwerk gebahnt haben, die eleganten Schwünge der rostigen Metallbögen, die in der Halle freigelegt sind.

Marc Mielzarjewicz "urbext", wie es im Fachjargon heißt, schon seit vielen Jahren. Aus seinen schwarz-weißen Fotografien sind inzwischen vier Bücher entstanden: "Lost Places" heißen sie und dokumentieren, was übrig bleibt, wenn der Mensch verschwunden ist.

"Mache nur Bilder, hinterlasse nichts als Fußabdrücke"

Morbides Motiv: Schlachthof im Nebel (Foto: Marc Mielzarjewicz)

Morbides Motiv: Schlachthof im Nebel

Richtige "Urban Explorer" - kurz "Urbexer" - sagen nicht gern, wo sie ihre Aufnahmen gemacht haben. Denn sie fürchten nichts mehr als die "Kabel- und Schrottmarder". So nennen sie Metalldiebe, die an den verlassenen Orten Gullydeckel abmontieren oder das Kupfer aus Kabeln entfernen und verkaufen. Vandalismus ist weit verbreitet in Ruinen. "Urban Explorer" hingegen haben eine feste Regel: Mache nur Bilder, hinterlasse nichts als Fußabdrücke.

Das ist auch das Credo von Stefan Bär. Kürzlich hat er eine stillgelegte Getreidemühle im tiefsten Brandenburg entdeckt und teilt die Adresse nur vertrauenerweckenden "Urbexern" mit. Nun schleicht er sich durch den Hintereingang der Mühle, packt seine Kamera aus und fotografiert: verstaubte Siebe, auf die ein Sonnenstrahl fällt, alte Gläser, Polituren und Ersatzriemen in einer Werkstatt. Außer dem Klicken des Fotoapparates, dem Rauschen des Windes, der vor der Mühle durch die Linden weht, und gelegentlichen Schritten auf dem Holzboden ist nichts zu hören. Jedes Wochenende ist der Softwareentwickler mit Stativ und Kamera in verfallenen Gebäuden unterwegs.

Was bleibt, sind die Bilder

Zwei Stadterkunder der besonderen Art beim Fotografieren (Foto: Andreas Böttger)

Zwei Stadterkunder der besonderen Art beim Fotografieren

Leer stehen die Gebäude, weil sie keinen Profit mehr versprechen. Und deshalb sind sie attraktiv: In einer erforschten Welt, in der alles markiert und ausgezeichnet ist, werden die einst vergessenen Orte plötzlich entdeckt. Sie dienen mal als Kulisse für Fotoshootings, mal als Location für Modeschauen und sind das Paradies einer wachsenden Zahl von "Urban Explorern".

Wer einmal mit dieser Form der Stadterkundung angefangen hat, den lässt sie meist nicht mehr los. Stillgelegte Fabriken, verlassene Sanatorien oder ausrangierte Spionagestationen - für die "Urban Explorer" gibt es zahlreiche reizvolle Orte. Die meisten werden verschwinden. Was bleibt, sind die Bilder. Und die Erinnerungen.

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