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Wissen & Umwelt

Stadt mit Mega-IQ

Lindau am Bodensee ist gerade die intelligenteste Stadt! 27 Nobelpreisträger treffen hier die besten Nachwuchswissenschaftler der Welt . Zum Plaudern und Grillen. Mit dabei: DW-Reporterin Greta Hamann. Tag 5: Tschüss!

DW-Reporterin Greta Hamann (Foto: DW/Greta Hamann)

DW-Reporterin Greta Hamann

5. Juli 2012

Liebe Lindauer Elite-Community,

dies ist mein Abschiedsbrief. Ich mische mich wieder unters gemeine Volk und bin weg – zurück in Bonn – hier gibt es keine Nobelpreisträger, keine hochintelligenten Physiker um mich herum und auch keinen Bodensee. Hier gibt es nur die Deutsche Welle, das Intranet und meine Chefs. Der Rhein tröstet mich ein wenig – er erinnert mich an den Bodensee – ist nur ein bisschen länger.

Was ich euch noch sagen wollte: Es ist toll, dass ihr meine Vorurteile von introvertierten und langweiligen Physikern nicht bestätigt habt. Ich habe gesehen, dass ihr auch nur Menschen seid und ihr habt es ernsthaft geschafft, mich für Physik zu begeistern:

Wenn man sich überlegt, dass ein theoretischer Physiker, in diesem Falle Peter Higgs, an seinem Schreibtisch sitzt, wie wild Formeln und mathematische Gleichungen aufstellt über unsere Atome, Teilchen und was weiß ich … und dann, eines Tages fällt ihm anhand seiner Rechnungen auf, dass es noch ein Teilchen geben muss, dass noch nicht entdeckt wurde. Und nur aufgrund dieser Rechnungen arbeiten tausende Physiker seit vielen Jahren daran, dieses Teilchen zu finden. Das beeindruckt mich.

Ein junger Wissenschaftler hat mir das in Lindau so erklärt: "Wenn man ein Puzzle hat und alle Teile da sind und nur eins fehlt, dann weiß man ja ganz genau, wie das fehlende Teil aussieht." Das leuchtet ein. Obwohl - was ist, wenn das Puzzleteil am Rand fehlt …

Zu wenig Frauen!!!

Na so was, jetzt hat mich das Higgs schon wieder abgelenkt … und dabei muss ich doch noch ein bisschen schimpfen: Also, das mit den Frauen unter den Nobelpreisträgern geht gar nicht. Da werden 27 Nobelpreisträger eingeladen und kein einziger davon ist eine Frau. Und wenn man genauer hinschaut, wird es noch schlimmer: Seitdem es den Nobelpreis gibt, haben 826 Personen einen bekommen, aber nur 40 Frauen. Deswegen habe ich mich gestern noch mit ein paar interessanten und erfolgreichen jungen Wissenschaftlerinnen getroffen. Der Artikel auf der DW-Seite folgt. (Achtung, das ist ein Teaser!)

Zum Abschluss habe ich noch eine Bitte: Könntet ihr euch bitte mal um dieses murphysche Gesetzt Gedanken machen? Ich war fünf Tage am Bodensee und habe die Alpen nicht gesehen, weil es zu bedeckt war und heute, am Tag meiner Abreise, scheint die Sonne… Das sind Probleme, die die Menschheit bewegen!

Steinhaufen am Strand des Bodensees symbolisieren die Zahl der Nobelpreisträger. 826 Männer, nur 40 Frauen und 20 Organisationen haben bislang einen Nobelpreis bekommen. Foto: (DW/Greta Hamann)

826 Männer und nur 40 Frauen haben bislang einen Nobelpreis bekommen - und 20 Organisationen

4. Juli 2012

Es ist ein Higgs!

Na toll, die Wissenschaftler vom CERN haben mich enttäuscht. Da habe ich mich so gefreut auf dieses Higgs und dann haben sie es nur vielleicht gefunden. Also genau dieses spezielle Higgs. Denn ein Higgs, das haben sie ja. Nur vielleicht noch nicht das aus ihrer Theorie.

Und im Grunde wollen sie dieses aus ihrer Theorie auch gar nicht finden, wenn ich das richtig verstanden habe. Denn wenn sie es wirklich finden würden, dann wäre ihr Modell komplett und sie hätten nichts mehr zu tun. So was machen auch nur Wissenschaftler - nach etwas suchen, das sie selbst überflüssig machen würde.

"Ein großer Tag für die Physik"

Sie haben also nur etwas, das vielleicht das ist, was sie suchen. 98% der Weltbevölkerung würde bei so einer Nachricht mit den Schultern zucken. Teilchenphysiker und Nobelpreisträger David Gross strahlt dagegen über das ganze Gesicht und verkündet: "Es ist ein großer Tag für die Physik. Es ist ein großer Tag für die Teilchenphysik. Es ist ein großer Tag für CERN, es ist wundervoll!" Ganz schön großer Tag!

Trotzdem hat mich die Live-Übertragung der Pressekonferenz hier zur Lindauer Nobelpreisträgertagung echt enttäuscht. Ich dachte bei der Verkündung bricht Jubel aus, ein Sturm der Begeisterung, Menschen, die sich nicht kennen, umarmen sich und fangen an zu weinen: Endlich konnten wir zeigen, dass wir nicht nur Theorien aufstellen. Jippieee!

Und dann das: Als endlich das verkündet wurde, worüber man sich hier seit Tagen den Kopf zerbricht - nichts. Kein Applaus, kein Raunen, kein Lachen. Na lieben Dank werte Wissenschaftler, wie soll bei der Langeweile denn bitteschön mein Schluckauf verschwinden?

Physik-Nobelpreisträger David Gross (Foto: DW / Greta Hamann)

Physik-Nobelpreisträger David Gross (links)

3. Juli 2012

Aufregung um das Gottesteilchen

Higgs, Higgs, Higgs… ich bekomme gleich einen Schluckauf! Spätestens morgen um 11 Uhr wird er hoffentlich wieder vorbei sein. Dann wird das Geheimnis gelüftet und wir wissen endlich, endlich, ob es das Higgs gibt oder nicht. Ehrlich gesagt hat mich diese Frage bisher eher weniger beschäftigt, aber wenn man sieht wie 600 aufgeregte Wissenschaftler nur bei der Nennung des Wortes anfangen, durch die Gegend zu wuseln, wird man selbst auch ein bisschen kribbelig.

Kribbelig wurde es heute auch wieder meinem kolumbianischen Kollegen: Ich hatte mal wieder die Freude, mir mit dem jungen Journalisten einen Nobelpreisträger für ein Interview zu "teilen". Dieses Mal hat er seine Fotokamera wortlos an eine unbeteiligte Person, die neben uns stand, gegeben. Die schaute kurz verdutzt und schoss dann ein Foto von ihm. Ich frage mich immer noch, woher die junge Dame wusste, was der Journalist da von ihr wollte.

Dudley Herschbach und Greta. Lindau, 62. Lindauer Nobelpreisträgertagung, Nobelpreisträger, Physik, Wissenschaftler. Foto DW/Greta Hamann 2.07.2012

Nobelpreisträger für Chemie Dudley Herschbach mit Greta Hamann

"Ist mein Freund der Richtige?"

Was die Journalisten von den Nobelpreisträgern manchmal wollen ist auch ganz interessant. Dudley Herschbach wurde der Nobelpreis der Chemie im Jahr 1986 gemeinsam mit Yuan Lee und John Polanyi verliehen. Er verriet mir seine Top-Ten-Liste der verrücktesten Fragen, die ihm manche Journalisten stellen: "Woher weiß ich, ob mein Freund der Richtige ist?" soll ihn mal eine junge Journalistin gefragt haben. Manche gehen nämlich davon aus, dass man zum Allwissenden wird, sobald man einen Nobelpreis bekommt.

Was noch so passiert, wenn man einen Nobelpreis bekommt, kann man bei einem Blick vor die Tür des Konferenzhotels am Bodensee sehen: Zwei Porsche. Die haben die Wissenschaftler zwar nicht geschenkt bekommen, aber immerhin werden sie in diesen Autos über die kleine Lindauer Insel kutschiert.

Traumjob Wissenschaftler

Brian Schmidt. Lindau, 62. Lindauer Nobelpreisträgertagung, Nobelpreisträger, Physik, Wissenschaftler. Foto DW/Greta Hamann 2.07.2012

Brian Schmidt - Winzer, Australier und Nobelpreisträger

Wissenschaftler sollte man werden - ja das habe ich gestern auch gedacht. Aber nicht wegen der Autos, sondern, weil es anscheinend ein Traumjob ist. Zumindest, wenn glaubt, was die Forscher einem hier so erzählen: Die jungen Wissenschaftler scheinen abends gar nicht ins Bett gehen zu wollen: Manche erzählen mir, dass sie am liebsten 24 Stunden und sieben Tage die Woche in ihren Labors oder an ihren Teleskopen stehen würden. Anders dagegen ist die Strategie des frischgebackenen Nobelpreisträgers Brian Schmidt aus Australien: Er geht regelmäßig in seine Weinfelder und lässt den Gedanken freien Lauf. Na wenn das so ist, dann werde ich lieber Nobelpreisträgerin und keine Wissenschaftlerin…

2. Juli 2012

Klimaskeptiker, komische Journalisten und ehrliche Nobelpreisträger

Wenn man dem einen Nobelpreisträger zuhört und gleichzeitig ein anderer neben einem sitzt und seinen Gefühlen freien Lauf lässt, dann weiß man, dass man nicht auf einer gewöhnlichen wissenschaftlichen Tagung ist. Sondern auf der Lindauer Nobelpreisträgertagung.

Genau das ist mir heute so passiert. Während Klimaskeptiker und Nobelpreisträger Ian Giaever vorne seinen Vortrag hielt, saß ein stöhnender und kopfschüttelnder David J. Gross neben mir. Er bekam den Nobelpreis für Physik im Jahr 2003 und ihm hat der provokante Vortrag Giaevers so gar nicht gefallen. Giaever meinte nämlich, dass die ganze Wissenschaft um die globale Erwärmung eine Pseudowissenschaft sei. Gross meint das offensichtlich nicht. Aber dafür sind die 592 jungen Wissenschaftler und 27 Nobelpreisträger ja hier. Um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu inspirieren.

Der Physik-Nobelpreisträger John Hall. (Foto: Greta Hamann / DW)

Physik-Nobelpreisträger John Hall

Weniger inspirierend waren dagegen meine persönlichen Erfahrungen mit einem jungen Journalistenkollegen aus Kolumbien. Wir hatten das Glück, dass wir uns mit John Hall auf die schöne Terrasse des Tagungshotels setzen durften und ihn ohne Zeitdruck und Stress Fragen stellen konnten. John Hall wurde der Nobelpreis für Physik 2005 gemeinsam mit Theodor Hänsch und Roy Glauber verliehen. Als wir dann dort gemütlich saßen und ein sehr interessantes Gespräch führten, fing der junge Journalist an, sich selbst zu fotografieren. Ich – im Gespräch mit John Hall. Na ja, wie sonst werden ihm seine Facebook-Freunde auch glauben, dass er mit einem Nobelpreisträger gesprochen hat?

Forschungsmotivation: "Women and Fame"

Dürfte dieser Journalist sich genauso wie die jungen Wissenschaftler in einem kleinen Büchlein vorstellen, dann würde er bei seiner Motivation wahrscheinlich das Gleiche schreiben wie der deutsche Jungforscher Peter L. Seine Motivation zu Forschen: "Women and Fame". Als ich den jungen Mann darauf angesprochen habe, war ihm sein Witz dann doch wieder ein bisschen unangenehm. Ich glaube, er ist nicht davon ausgegangen, dass das wirklich so abgedruckt wird.

Die beste Antwort auf eine Journalistenfrage hatte für mich Hartmut Michel. DW-Moderator Ingolf Baur hat ihn für die Deutsche Welle-Sendung Projekt Zukunft interviewt. Als er gefragt hat, ob er denn seinen Laboralltag vermisse, sagte Michel - ja klar: "Ich verbringe ja meine Zeit mit so vielen unwichtigen Dingen.“ Nachfrage Baur: "Womit denn?" Antwort Michel: "Ja jetzt zum Beispiel." Da hat es mir natürlich so richtig viel Spaß gemacht, ihn im Anschluss auch noch mal zu interviewen…

Folie Women and Fame (Fotrro: DW / Greta Hamann)

Meine Motivation zu Forschen???? Frauen und Ruhm .... doch eher ein schlechter Witz?!?

1. Juli 2012

Nobelpreisträger tragen hellblau

Die 592 jungen Wissenschaftler aus 69 Ländern tragen grau, Journalisten gelb, Organisatoren orange. Aber alle sind nur hinter einem her: dem hellblauen Band! Denn alle Nobelpreisträger, die hier in Lindau sind, tragen hellblaue Bändchen. Daran erkennt man sie. Dieses Jahr geht es hauptsächlich um Physik – deswegen sind auch vor allem Physik-Nobelpreisträger da aber auch ein paar Chemiker und Mediziner. Zum Beispiel Harald zur Hausen, der Krebsforscher oder Paul Crutzen, der das Ozonloch entdeckt hat. Aus der ganzen Welt sind sie hierhergekommen - nach Lindau am Bodensee. Ein idyllisches Plätzchen für so ein Stelldichein.

Gemütlich und sogar die Sonne scheint! Wenigstens ab und zu. 27 Nobelpreisträger sind da und fast 600 der allerbesten jungen Nachwuchsforscher aus der ganzen Welt, die mit den Super-Hirnen reden möchten. Netzwerken, fachsimpeln aber auch einfach ein bisschen plaudern und die Aura dieser großen Forscher genießen. Auf einer Bootsfahrt auf dem Bodensee oder beim Grillen oder beim Gartenfrühstück oder auch ganz seriös bei Vorträgen oder Diskussionen.

Physik-Nobelpreisträger John Mather unterhällt sich mit Nachwuchswissenschaftern (Foto: Lindau Nobel Laureate Meeting 2012) Copyright: Ch. Flemming/Lindau Nobel Laureate Meeting.

Das blaue Band verrät: das ist ein Nobelpreisträger! Und zwar John Mather, der 2006 den Nobelpreis in Physik bekam

Beim ersten Abendessen zeigten sich die meisten jungen Forscher noch ziemlich brav und schüchtern, traten von einem Fuß auf den anderen - um den Hals baumelte ihr graues Namensbändchen. Sogar beim Public-Viewing des EM-Final-Spiels Spanien gegen Italien hatten sie es um. Aber sie haben ja auch lange und hart dafür gekämpft. Aus über 20.000 Bewerbern wurden sie ausgewählt. Das ist schon eine Ehre!

Ganz nah dran an den großen Köpfen, versprechen die Organisatoren.

"In den nächsten Tagen werden Sie den Geist Lindaus zu spüren bekommen", sagte die Präsidentin des Kuratoriums Bettina Gräfin Bernadotte sehr feierlich in ihrer Eröffnungsrede. Und wünschte allen "inspirierende Gespräche, die ein Leben lang Einfluss auf die Arbeit haben werden".

Doch neben den schillernden Forschern und dem elitären Status derjenigen, die teilnehmen dürfen, machen sich die jungen Wissenschaftler auch Gedanken um kritische Themen in der Wissenschaft. Schon am ersten Abend kam die Frage auf, warum denn doch recht wenige Frauen Nobelpreisträgerinnen sind – und warum hier in Lindau auch keine Frau dabei ist?!

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