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Gesellschaft

Stadt, Land, Flucht

Dem ländlichen Raum gehen langsam aber sicher die Einwohner aus. Wissenschaftler suchen nun nach Lösungen für eine ausreichende Nahversorgung - am Beispiel eines Dorfs in Nordrhein-Westfalen.

Eineinhalb Stunden für 16 Kilometer. Was Autofahrer höchstens vom Feierabendverkehr in großen Städten kennen, ist auch im ländlichen Raum in Deutschland nichts Ungewöhnliches. Zumindest dann, wenn es um den öffentlichen Nahverkehr geht. Rolf Becker, Professor an der Hochschule Rhein-Waal, braucht eineinhalb Stunden für die 16 Kilometer zwischen seinem Wohnort Grieth und der Stadt Kleve in Nordrhein-Westfalen, wenn er den Bus nimmt.

Nicht einmal 1000 Einwohner leben in dem Fischerdorf am Rhein, das einmal eine Hansestadt war und heute zur Stadt Kalkar gehört. Rolf Becker weiß, wie sich das Phänomen der Landflucht, das bedeutet, dass immer mehr Menschen in Städte ziehen, auf das Landleben auswirkt. "Deshalb habe ich Grieth vorgeschlagen, für unser Forschungsprojekt", sagt er. Das Forschungsprojekt heißt Smart Villages und soll Lösungen zur Zukunftsfähigkeit des Landlebens entwickeln. Wissenschaftler und Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen der Hochschule Rhein-Waal sind daran beteiligt. Im Rahmen des Förderwettbewerbs FH-Struktur werden sie vom Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen mit 240.000 Euro gefördert.

Wunsch nach Bildung zieht junge Leute in die Städte

Dorfidylle wie in Monschau in der Eifel schreckt junge Leute eher ab. (Foto: © Bernhard Küpper)

Millionenstädte wie Köln wachsen immer weiter

Nicht nur das Ministerium hat erkannt, dass es der ländliche Raum in Deutschland zunehmend schwerer hat. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung veröffentlicht am Montag (09.09.2013) eine Studie mit dem Namen "Vielfalt statt Gleichwertigkeit - Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet". Das Institut setzte sich mit den Folgen der immer schwächer besiedelten ländlichen Gebiete auseinander. Direktor Rainer Klingholz erklärt, warum der Trend vom Land in die Stadt zu ziehen nicht nur anhält, sondern sich sogar beschleunigt: "Zum einen haben wir in Deutschland einen Geburtenrückgang", sagt er. "Früher haben die Menschen auch schon den ländlichen Raum verlassen, dort kamen aber immer wieder neue Kinder nach. Das fehlt jetzt."

Auch der Wunsch nach Bildung sei verantwortlich: "Junge Leute zieht es zum Studium in Städte und danach bleiben sie meist auch dort." Dort, wo in unserer Gesellschaft die Jobs entstehen, glaubt Klingholz. In Ballungsräumen von "mindestens paar 100.000 Leuten." Der vierte wichtige Grund der Landflucht sei eine immer schlechtere Infrastruktur im ländlichen Raum. "Weil dort weniger Leute wohnen, schließen Postämter, der Bus fährt nicht mehr oder der Arzt ist nicht mehr da."

Institut stellt Gleichwertigkeit infrage

Hinzu kommt der demografische Wandel. Die alternde Gesellschaft verstärke das Gefälle zwischen städtischen Zentren und ländlichen Gebieten weiter. Der gesetzlich festgeschriebene Grundsatz der Gleichwertigkeit, der in Deutschland besagt, dass sich die Lebensbedingungen zwischen armen und reichen Regionen Gebieten angleichen, sei heute fehl am Platz, glaubt Klingholz: "Das war nach dem Zweiten Weltkrieg sinnvoll, aber seit geraumer Zeit haben wir kein Bevölkerungswachstum mehr. Deshalb muss man die Frage stellen, ob die Gleichwertigkeit innerhalb Deutschlands noch sinnvoll ist." Vielmehr müsse man Regionen nach ihren Bedürfnissen unterstützen.

In der Studie fordert das Berlin-Institut an die demografische Entwicklung angepasste Raumentwicklungskonzepte. Heißt: Wo nur noch wenige Menschen leben und junge Menschen abwandern, lohne es sich nicht, überdimensionierte Abwasserentsorgungsanlagen zu betreiben, neue Straßen zu bauen oder den Linienverkehr aufrecht zu erhalten. "Hier müssen wir alternative Konzepte finden", sagt Rainer Klingholz. Man müsse sich etwa fragen, ob Mindestklassengrößen in Schulen im ländlichen Raum abgeschafft werden könnten. Im öffentlichen Nahverkehr könnten Busse in Zukunft etwa auch die Post verteilen, was bisher rechtlich nicht möglich ist. "In der Uckermark gibt es dazu ein Modellprojekt, bis es soweit war, hat es aber Monate gedauert."

Konkrete Beispiele sollen Versorgung verbessern

 Menschen gehen am 14.08.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) durch die Fußgängerzone Hohe Straße. (Foto: dpa)

Dorfidylle wie in Monschau in der Eifel schreckt junge Leute eher ab

In Grieth versuchen die Studenten in konkreten Beispielen, diese alternativen Konzepte zu entwickeln. Professor Becker erzählt: "Die ersten drei Projekte sind eine Bestandsaufnahme, was die Leute hier benötigen, die Entwicklung einer Nahversorgung und die Verbesserung der Mobilität." Im wirtschaftsorientierten Studiengang gab es die ersten Überlegungen dazu. Im kommenden Sommer wollen die Studenten einen genossenschaftlich geführten kleinen Supermarkt nach Grieth bringen. "Wir denken derzeit auch darüber nach, ein Portal darzustellen, in dem Interessenten einfach sehen können, was in Grieth derzeit leer steht, ohne, dass das auf mehrere Makler verteilt ist."

Daneben haben sich die Studenten mit alternativen Finanzierungsformen wie Crowdfunding auseinandergesetzt. "Interessant sind auch Bürgergenossenschaften", sagt Becker. Dabei geht es darum, dass jüngere Menschen Älteren etwa beim Einkaufen helfen und sich damit eine Art Arbeitszeitkonto aufbauen. "Wenn sie dann selber hilfsbedürftig sind, können sie mit diesem Arbeitszeitkonto Dienstleistungen bezahlen." Möglich sei auch ein fahrender Arzt, der sich um die kranken Bewohner Griehts kümmern könnte. "Wir sind für alles offen", sagt Becker, der seinen Wohnort als Projekt sieht, das einen Vorbildcharakter haben soll. Er selbst wohnt gerne auf dem Land. Und wenn er mal nach Kleve will, weiß er sich zu helfen. "Dann kann man ein Ruftaxi nehmen", sagt er. Die gehören nämlich mittlerweile auch zum Nahverkehr. Ein weiterer Schritt zur besseren Versorgung des ländlichen Raums.

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