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Filme

Staatsaffäre um einen schwachen Film: "Matilda" kommt in Russland in die Kinos

In Russland hat der Film über die voreheliche Affäre von Zar Nikolaus II. eine heftige Debatte ausgelöst. Bei verbalen Scharmützeln blieb es nicht. Filmkünstlerisch ist "Matilda" eine Enttäuschung.

Wladimir Putin ist schlau. Als der russische Staatspräsident drei Monate vor Filmstart gefragt wurde, was er denn von "Matilda" halte, soll er geantwortet haben, dass der Film doch gar noch nicht fertig sei und er deshalb darüber noch nicht urteilen könne. Eine weise Antwort. Putin gab sich keine Blöße. Anders als diverse Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche und anderer Gruppierungen, die sich in Russland für Zar und Vaterland einsetzen. Über "Matilda" wird seit Monaten gestritten - in der Presse, auf der Straße und am Stammtisch.

Scharfe Verurteilungen in Russland - ohne Kenntnis des Films

Dabei hatten all diejenigen, die ihre wütende Stimme gegen das angeblich blasphemische Filmwerk erhoben, "Matilda" ebenso wenig gesehen wie Putin. Ihre Meinung äußerten sie trotzdem. Dass sie über einen Film urteilten, den sie gar nicht kennen konnten, war ihnen noch nicht einmal peinlich. Die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja, Wortführerin der "Matilda"-Proteste, berief sich lediglich auf einen kurzen Trailer, der offiziell zu sehen war. Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte Poklonskaja, man müsse keinen ganzen Eimer voller Dreck essen, um zu verstehen, wie schlecht der schmeckt. Ein Löffel würde schon reichen.

Pressematerial zum Film Matilda (picture-alliance/TASS/S. Bobylev)

Leider kein vielfältiges Bild der Zeit und der Charaktere: Matilda

Eine peinliche Posse. Dass der Film in Russland schon vor Kinostart von Protesten begleitet wurde, dass sich viele für ein Verbot einsetzen, dass es zu Schlägereien und Anschlägen kam und dass der deutsche Hauptdarsteller Lars Eidinger aus Angst vor Repressalien nicht zur Premiere (23.10.) nach Moskau gereist ist - all das ist traurig und Zeichen für mangelndes Demokratie- und Kunstverständnis im Land. Ein Kunstwerk sollte man zumindest erst einmal sehen, um es beurteilen zu können.

Leider kann man "Matilda" - aus filmkünstlerischer Sicht - nicht verteidigen. Der Film von Regisseur Aleksey Uchitel ist kein Werk für die Geschichtsbücher der Kinokunst. Es ist ein missratener Film. Er ist weder dramaturgisch noch von der erzählerischen Kraft überzeugend. Viele Episoden wirken nur angerissen, werden nicht zu Ende geführt. Manche Filmfiguren wirken wie im Nachhinein in die Handlung hineinkopiert. Und man kann durchaus auch über die Leistungen der Schauspieler streiten. 

Matilda: weder großes Historienepos noch intimes Kammerspiel

"Matilda" ist nicht das große, berauschende Bilderfest über den letzten Zaren, das sich viele erhofft hatten. Es ist aber auch nicht die herzzerreißende Romanze, die vom Konflikt zwischen Liebe und Staatsräson erzählt. Und es ist auch kein Film, der historisch glaubhaft über eine kurze Zeitspanne russischer Geschichte erzählt. Das ist das Problem von "Matilda": Er ist von allem etwas - und nichts Ganzes.

Mathilda Filmstill Russland mit Lars Eidinger in Kostüm in Säulengang (picture-alliance/AP Photo/Rock Films Studio)

Ein Reich, ein Herrscher: Lars Eidinger als künftiger Zar

Nicht alles ist missraten in "Matilda". Aber gerade dann, wenn man als Zuschauer das Gefühl hat, jetzt finde der Film zu sich, verlässt Uchitels Werk wieder den eingeschlagenen Pfad. Das große historische Geschichtsepos in der Tradition des russischen Kinos der Schauwerte à la Sergei Bondartschuk ("Krieg und Frieden") ist "Matilda" nicht. Den langen erzählerischen Atem weist "Matilda" nicht auf, verzettelt sich stattdessen immer wieder in Nebenhandlungen und versetzt die eigentliche Handlung plötzlich und unerwartet an Nebenschauplätze.

Auf der anderen Seite, auch das wäre eine bessere Alternative gewesen, konzentriert er sich nicht auf die Affäre zwischen dem späteren Zar Nikolaus II. und der polnischen Primaballerina Mathilde Kschessinskaja. Das hätte tatsächlich ein herzzerreißender, melodramatisch kraftvoller Film werden können - denn die Idee, eine Geschichte zu entwickeln über einen Menschen, der zwischen seiner Leidenschaft und der Pflicht zu regieren zerrissen wird, hätte sehr spannend werden können.

Lars Eidinger als künftiger Zar: eine Fehlbesetzung?

Doch "Matilda" ist von alldem nichts. Er bietet ein bisschen Geschichts-Kino, ein wenig Melodrama, ein paar Sprengsel russische Zaren-Historie, ein wenig Ballettfilm. "Matilda" setzt auf technischer Seite ebenso auf digital aufgemotzte Sequenzen à la Hollywood (Das Eisenbahnunglück zu Beginn) wie auf Kammerspiel-Effekte (die wenigen Szenen, in denen die Hauptfiguren auf der Leinwand vereint sind). "Matilda" kann sich nicht entscheiden.

Alexei Uchitel, Regisseur des russischen Films Matilda (Reuters/S. Karpukhin)

Regisseur Alexei Uchitel

Und man kann auch nicht sagen, dass die Schauspieler daran völlig unschuldig wären. Ob der sonst ja meist so großartige deutsche Schauspieler Lars Eidinger tatsächlich die Idealbesetzung für die Hauptrolle ist, darüber ließe sich trefflich streiten. Mit seiner säuselnden, eher dünnen Stimme, dem geradezu ängstlich wirkenden Auftreten als zögernder Thronfolger, wirkt Eidinger irgendwie deplatziert.

Kein filmisches Psychogramm eines leidenden Herrschers

Um keine Missverständnisse hervorzurufen: "Matilda" hätte durchaus die Geschichte eines zögernden, schwachen Staatsoberhauptes werden können, das Psychogramm des zur Herrschaft eines Riesenreichs auserkorenen Mannes, dem die Leidenschaft wichtiger ist als die Macht - doch "Matilda" konzentriert sich eben nicht auf dieses Porträt eines Menschen in einer persönlichen Krise. Sondern setzt dann doch immer wieder lieber auf Kamerafahrten durch prachtvoll vergoldete Zaren-Paläste.

Da macht die polnische Darstellerin Michalina Olszanska als zunächst gefeierte und dann geächtete Ballerina und Geliebte des Thronfolgers eine wesentlich bessere Figur. Im Blick und in der Mimik von Olszanska ist viel von dem Schmerz zu erahnen, der einen Menschen durchzieht, der lieben will, aber nicht darf. Doch auch der vermeintlichen Hauptdarstellerin wird von Drehbuch und Regie zu wenig Raum gegönnt.

Mathilda Filmstill Russland (picture-alliance/AP Photo/Rock Films Studio)

Einer der wenigen Glanzpunkte des Films: Michalina Olszanska spielt die Titelfigur

Künstlerisch wenig ergiebig: Matilda

Was bleibt also von "Matilda"? Ein paar schöne Ballettszenen (Choreographie: Alexey Miroshnichenko), die schwelgerische Musik (unter der Leitung von Valery Gergiev), die manchmal zumindest erahnen lässt, welch großer Historienfilm "Matilda" hätte werden können, ein paar schöne Szenen vor prachtvoller Kulisse (Kamera: Yury Klimenko). Und der Gedanke, was ein anderer russischer Regisseur aus dem Stoff hätte machen können, ein Alexander Sokurow, ein Nikita Michalkow vor seiner nationalistischen Phase, oder dessen Bruder Andrei Kontschalowski.

All das hat nichts damit zu tun, wie jetzt über den Film in Russland diskutiert und gestritten wird. Das wird höchstens noch einmal lächerlicher, wenn man sich den Film "Matilda" im Kino nun anschaut. Aber das ist ein anderer Aspekt des Falls. Die Kinogeschichte ist voller Beispiele von Skandalen, von Streitigkeiten über Zensur und Schmähungen von Filme. Mit der künstlerischen Qualität eines Werks hat das oft nichts zu tun.

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