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Kultur

Staatlich organisierte Freizeitgestaltung

"Sich ausruhen" heißt die neue Ausstellung im Dokumentationszentrum für Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. 20 Jahre nach dem Mauerfall wird hier die Urlaubs- und Freizeitkultur in der DDR gezeigt.

Ein typisches Werbeplakat für den Feriendienst

Ein typisches Werbeplakat für den Feriendienst

Zwei hohe Säulen begrenzen die Eingangstür. Rechts und links öffnet sich der Blick auf zwei niedrigere Säulengänge. Das neoklassizistisch anmutende Museumsgebäude des Dokumentationszentrums für Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt diente früher als Kinderkrippe II für die Kinder des Wohnkomplexes II. Davon zeugt noch das kniehohe Treppengeländer für die Kleinsten in den zweiten Stock, dem Herzstück der Ausstellung "Sich ausruhen": Ein vergilbter Ferienscheck von 1965 für einen Platz in einem Zwei-Bett-Zimmer im Wert von 95 Mark, Erholungsstätte des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in Boltenhagen. Bahnstation Wismar, weiter mit Bus. Auf dieses Stück Papier warteten DDR-Bürger manchmal Jahre. Um der großen Nachfrage Herr zu werden, wurden die Ferienplätze nach festen Kriterien verteilt. Eines davon war, dass die Kinder mindestens drei Jahre alt sein mussten, erinnert sich Beate Wilzow. "Zu DDR-Zeiten war es ja nicht so, dass man gleich eine Urlaubsreise bekommen hat", erinnert sich die damals 21-Jährige. "Und da mein Kind damals erst zweieinhalb Jahre alt war, hatte ich wahnsinnig Glück, dass ich eine Reise bekommen habe."

Plakat vom Ferienlager Eisenach 1960

Plakat vom Ferienlager Eisenach 1960

Raus aus der Nachkriegstristesse

Für 16 Millionen DDR-Bürger standen nur zwei Millionen Plätze des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Verfügung, abgekürzt FDGB. Der staatlich organisierte Massentourismus entwickelte sich gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erzählt Andreas Ludwig, Leiter des Dokumentationszentrums. "1947 setzte die Vorstellung ein, dass es aus sozialpolitischen und gesundheitlichen Gründen wichtig sei, dass die Berufstätigen – damals hießen sie Werktätige - Urlaub erhalten und dass die Kinder rauskommen aus den Trümmerwüsten und Ferien auf dem Land verbringen." Da es zu wenige FDGB-Urlaubsplätze gab, begannen die Betriebe in den 1960er Jahren eigene Ferienheime zu bauen. Hinzu kamen Reisen mit der Jugendorganisation der Partei, der FDJ, und Studienreisen mit dem Kulturbund.

Drill statt Ausschlafen

Für die Kinder gab es Ferienlager. Die heute 38-jährige Eisenhüttenstädterin Katrin Fuchs denkt an diese Fahrten zurück. "Ferienlager fand ich ganz toll. Bevor es Frühstück gab, mussten wir um fünf oder halb sechs aufstehen: gemeinschaftlicher Frühsport. Dann wurde gewandert, Schnitzeljagd gespielt oder sogar die Schwimmstufe gemacht." Schwimmstufe, so hieß das Pendant zum bundesdeutschen Schwimmabzeichen. Ausstellungsbesucherin Alexandra Fuchs aus Baden-Württemberg kennt solche organisierten Reisen gar nicht aus ihrer Kindheit. "Wenn überhaupt boten die Kirchen Ferien an, aber das war eher die Ausnahme."

Ausflugsdampfer Karl Marx

Erholung mit dem Ausflugsdampfer Karl Marx

In der DDR sollte das Kollektive die Regel sein - auch im Urlaub. Doch immer mehr DDR-Bürger wollten einfach mal nichts tun oder sehnten sich nach Privatem. Einige entschieden sich deshalb ganz bewusst gegen die staatlich verordnete Freizeitgestaltung. "Das ist die politische Seite. Man geht eben gerne campen, weil man eben sein eigener Herr oder Frau sein will", erläutert Ausstellungsleiter Andreas Ludwig.

Lieblingsziele Ungarn und Bulgarien

DDR-Urlaubkasse

So sparte man in der DDR für den Urlaub

Die eingefleischte Camperseele fuhr nicht ohne selbst geschweißten Grill, Handwerkszeug und Schnorchel in die schönsten Wochen des Jahres. Die zunehmende Motorisierung erleichterte das individuelle Reisen – auch wenn sich die meisten Urlauber nur im Radius der Ostblockstaaten bewegten – am beliebtesten war der ungarische Balaton-See und die bulgarische Schwarzmeerküste. Trotzdem kamen die Menschen zufriedener aus dem Urlaub zurück als heute, sagt der Eisenhüttenstädter Otto Galke rückblickend. "Heute ist für manche Menschen die Bandbreite zu groß. Manche wollen nur den Nachbarn oder Arbeitskollegen neidisch machen und fahren in Gegenden, mit denen sie gar nichts anfangen können." Zwar können die wiedervereinigten Deutschen nun in die ganze Welt reisen, doch Urlaub ist nicht mehr für jeden erschwinglich. 20 Jahre nach dem Mauerfall wirkt es anrührend, dass Vater Staat auf seinen FDGB-Ferienschecks sogar vermerkte: Bitte sportliche Kleidung mitbringen.

Autor: Katrin Lechler

Redaktion: Sabine Oelze

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