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Asien

Stöver: "Erster heißer Krieg im Kalten Krieg"

Welchen Platz nimmt der Korea-Krieg in der Geschichte ein? Historiker Bernd Stöver von der Uni Potsdam über die Bedeutung des "vergessenen Krieges" und einen bis heute schwelenden Krisenherd auf der Weltkarte.

Korea-Krieg / Foto 1950 Korea-Krieg 1950-53. (Demokr.Volksrep.Nordkorea gegen Rep. Suedkorea und UN-Truppen). - Ein US-Panzer auf dem Weg zur Front in Suedkorea neben einem Bauernwagen. - Foto, 1950.

Korea Krieg 1950 US Panzer und Bauer

Deutsche Welle: Was ist dran an der weitverbreiteten Bezeichnung des Koreakrieges als "vergessener Krieg"?

Bernd Stöver: Bei jenen, die daran teilgenommen haben, war er eigentlich nie vergessen, insbesondere natürlich nicht in den USA. Es gibt zum Beispiel sehr viele Filme über den Korakrieg, vor allem in den 50er Jahren, aber auch noch in den 60er Jahren. Viel später, im Jahr 2008, steht in Clint Eastwoods Film "Gran Torino" das Erbe des Korea-Krieges  im Mittelpunkt.

Porträt von Prof. Bernd Stöver (Copyright: Stephan Brengen)

Bernd Stöver lehrt an der Uni Potsdam

Aber es stimmt, in den 50er Jahren, dem stolzen amerikanischen Jahrzehnt des Aufschwungs und der Ausweitung des Konsums, wollte man irgendwann auch diesen Krieg einmal vergessen. Schließlich endete er nicht mit einem richtigen Sieg, allerdings auch nicht mit einer Niederlage. Er hat das wiederhergestellt, was die UN-Resolution am Anfang gefordert hatte, nämlich die Grenzen wiederherzustellen.

Das Interesse wurde wieder stärker, als die Vietnam-Veteranen ein eigenes Denkmal in Washington bekamen. Das veranlasste die Korea-Veteranen, sich auch  für ein Denkmal für "ihren Krieg" einzusetzen, das dann auch gebaut und 1995 eröffnet wurde.

Welche Rolle spielt der Krieg in Korea heutzutage?

Der Krieg ist in Südkorea präsent, denn alles, was heute dort passiert, ist eine Folge des Korea-Krieges. Wenn man in Südkorea Richtung Grenze fährt,  sieht man auf Schritt und Tritt, dass das Land in ständiger Verteidigungsstellung ist. Die Debatten sind natürlich etwas zurückgefahren, je nachdem, wer gerade spricht, aber es ist ständig im Hinterkopf, und es wird eine ganze Reihe von Veranstaltungen dazu geben.

Für Nordkorea wiederum ist der Krieg einer der Gründungsmythen des eigenen Staates. Demnach haben die Amerikaner bzw. die Südkoreaner angegriffen und das Land verwüstet. Insofern dient der Korea-Krieg immer als Rechtfertigung für alle politischen Maßnahmen wie Raketenstarts und die Forderung nach einer eigenen Atombombe, weil man sich auch hier ständig in einer Defensivhaltung sieht.  

Dieser Mythos ist lebendig, denn der Normalbürger im Norden ist darauf angewiesen, was die staatlichen Medien sagen. Dort heißt es nach wie vor, dass Nordkorea 1950 angegriffen wurde und sich verteidigt und am Ende gesiegt hat, aufgrund der überragenden militärischen Leistungen der nordkoreanischen Führung und ihrer Verbündeten.

Der Vietnam-Krieg gilt als das amerikanische Kriegstrauma mit viel stärkerer Nachwirkung. Wie kam es dazu? 

Vietnam ist sozusagen eine andere Kategorie. In den 60er Jahren war die Jugend viel kritischer als in den 50er Jahren, und die Medien hatten eine viel stärkere Stellung. Beim Korea-Krieg herrschte in den USA eine viel stärkere Zensur  über militärische Ereignisse. So wurde zum Beispiel verboten, über Napalm-Opfer unter den eigenen Soldaten zu berichten, nachdem diese grausamen Nachrichten zunächst veröffentlicht worden waren. Im Vietnam-Krieg wurden solche Dinge fast live über Presse und Fernsehen in die Wohnzimmer der Amerikaner geliefert. Allerdings war auch im Korea-Krieg Hollywood dabei, und zwar unter anderem bei der berühmten Landung in Incheon.

Zum Vergleich Südkorea und Südvietnam ist noch zu sagen, dass die Amerikaner Südkorea nicht fallengelassen haben, im Unterschied zu Südvietnam. Südkorea ist unter dem Schutz der USA geblieben und stark eingebunden worden. Bereits in den 50er Jahren können Südkoreaner in der US-Armee ihren Wehrdienst ableisten. Südkorea genießt einen Schutz wie ein NATO-Staat, das heißt, es gilt der Grundsatz, dass ein Angriff auf Südkorea als Angriff auf die USA gewertet wird.

Deshalb hat es zwar viele Sabotageakte gegeben, aber nie ernsthafte Versuche von Nordkorea, Südkorea wiederzuerobern. Es gab auch nie die Situation wie in Südvietnam, wo es dem Vietcong gelang, große Teile der Bevölkerung von der eigenen Sache zu überzeugen, so dass am Ende nur noch ein kleiner Teil auf amerikanischer Seite stand.

Welche historische Bedeutung hat der Korea-Krieg im Kontext des Kalten Krieges?

Der Korea-Krieg ist der erste "heiße kleine Krieg" im Kalten Krieg. Kleiner Krieg deshalb, weil er begrenzt gehalten werden sollte. Die wichtigste Folge des Korea-Kriegs im Kontext des Kalten Krieges war die amerikanische Entscheidung, dass keine Atomwaffen  in der Dritten Welt eingesetzt werden sollten. Als die UN-Truppen den Fluss Yalu an der Grenze zwischen Nordkorea und China erreichen und die chinesische Seite daraufhin mit  Truppen in den Krieg eingreift, fordert MacArthur den Einsatz von Atombomben und auch, China zu bombardieren. US-Präsident Truman und die amerikanische Armeeführung entscheiden aber ganz  klar dagegen, mit dem Argument: Das wäre der falsche Krieg zur falschen Zeit gegen den falschen Gegner.

Der falsche Gegner ist China, denn der einzige potentielle Gegner eines Atomkrieges ist gemäß dieser Vorstellung die Sowjetunion. Und auch das beschränkt auf die Zentren des Kalten Krieges, also Mitteleuropa, die UdSSR und die USA. 

Gleichzeitig sollte der UdSSR auf keinen Fall freie Bahn in der Dritten Welt gegeben werden, weil das einen Domino-Effekt ergeben würde, obwohl dieser Begriff damals noch nicht offizieller Sprachgebrauch war. Zwischen 1945 und 1991 wurden rund 150 "kleine Kriege" zwischen den Seiten des Kalten Krieges geführt, aber kein einziger mit Atomwaffen, auch im Vietnam-Krieg war dies niemals eine ernsthaft erwogene Option. 

Welche Rolle spielte der Korea-Krieg für die Festigung des Bündnisses zwischen China und Nordkorea, das zwar nicht mehr ganz so eng ist wie vordem, aber dennoch den Kalten Krieg überdauert hat?

Der Anfang ist so: Kim Il Sung fährt nach Moskau und fragt Stalin, ob er einen Befreiungs- und Wiedervereinigungskrieg machen dürfe. Stalin sagt nach einigen Monaten Bedenkzeit ja, aber falls Nordkorea es nicht alleine schaffen sollte, würde nicht die Sowjetunion helfen, sondern China. Daraufhin fährt Kim nach Peking, und dort sagt ihm Mao die Hilfe zu. Der Fall tritt dann im Oktober 1950 ein, als erst die südkoreanischen und dann die UN-Truppen zum Grenzfluss Yalu vorstoßen. Die Nordkoreaner sind auf ein kleines Gebiet zurückgedrängt, da greifen die sogenannten chinesischen Freiwilligen ein, das sind neben einigen wirklich Freiwilligen vor allem auch Soldaten aus der Kuomintang-Zeit, also jene, die im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten gekämpft haben. Die chinesischen Soldaten schaffen es tatsächlich mit hohen Verlusten, die UN-Truppen soweit zurückzudrängen, dass die Front wieder hinter den 38. Breitengrad zurückgeht. Dann kommt wieder eine Gegenbewegung in Gang, die sich schließlich ungefähr am 38. Breitengrad stabilisiert.

Das Regime von Kim Il Sung hätte es nicht mehr gegeben, wenn die Chinesen nicht eingegriffen hätten. Der Krieg wäre wahrscheinlich im November 1950 vorbei gewesen. Die Sowjets haben zwar auch geholfen, vor allem mit modernen Waffen wie dem Kampfflugzeug MiG-15, das von sowjetischen Piloten geflogen wurde. Aber der entscheidende Faktor war der Wille auf chinesischer Seite, ohne Rücksicht auf Verluste zu kämpfen. Die UN-Truppen hatten etwa 37.000 Tote zu beklagen, aber auf der chinesischen Seite ging das in die Hunderttausende und auf der nordkoreanischen in die Millionen.

Was war das Motiv Maos?

Die Motivation der chinesischen  Seite war zum einen, dass man Kim nicht untergehen lassen wollte, schon aus Gründen der propagandistischen Selbstdarstellung. Zum anderen – und das geht auch aus den Gesprächen zwischen Stalin und Mao klar hervor – wollte man die Amerikaner soweit treffen, dass sie innenpolitisch den Krieg nicht mehr würden weiterführen können. Demokratien, darin waren sich beide Führer einig, funktionieren in Kriegen nur solange die Innenpolitik funktioniert, und je mehr Gefallene nach Hause geschickt werden, desto mehr schwindet der Kriegswille. Also musste es nur genügend Gefallene auf der Gegenseite geben, damit die Amerikaner sich von selbst zurückziehen würden.

Hinzu kam, dass Mao keine Angst vor einem Atomkrieg hatte. Er sagte sehr deutlich, dass die Chinesen auch nach einem Atomkrieg immer noch mehr Menschen zur Verfügung hätten, um für die Weltrevolution zu kämpfen. Es war nicht außergewöhnlich, dass Mao so dachte. Er hat im Bürgerkrieg ähnlich gedacht, wenn auch unter anderen Voraussetzungen, aber Rücksichtnahme auf den Einzelnen  oder auf die Größe der Verluste kann man bei ihm nicht sehen.

Nordkorea wird beim Wiederaufbau militärisch und wirtschaftlich vor allem  von China unterstützt - soweit es das kann. Und von der Sowjetunion. Mit dem Bruch zwischen China und der Sowjetunion 1960 verlagert sich der Schwerpunkt der Unterstützung dann auf China. Heute unterstützt China das Regime in Nordkorea vor allem deshalb, weil es die Amerikaner nicht vor der Haustüre haben will. Aber es geht auch darum, einen langjährigen Verbündeten nicht fallen zu lassen und damit einen Prestigeverlust zu erleiden.

Wie schätzen Sie Nordkoreas Position als Bündnispartner Chinas ein?

Nordkorea tut eigentlich relativ wenig dafür, es spricht - soweit man weiß – auch seine Raketenstarts nicht mit Peking ab. Nordkorea ist inzwischen auch misstrauisch gegenüber China geworden, seitdem es unter Deng Xiaoping seinen wirtschaftlichen Reformkurs eingeschlagen hat. Für Nordkorea ist das mit Vorsicht zu genießen.

Denn eine wesentliche Erfahrung in diesem Zusammenhang war für Nordkoreas Führung der Fall der Mauer: Man darf auf keinen Fall die gleichen Fehler machen wie die DDR, man darf sich nicht öffnen, nicht zuviel Kommunikation zulassen, und auch nicht eine Art West-Berlin zulassen, wie bei der Wirtschaftsonderzone Kaesong häufig gehofft worden ist. Das ist ein streng überwachtes Gebiet, da hat Nordkorea die Hand drauf, und wenn es zu weit geht, schickt man die Leute wieder nach Hause. Nordkorea wird sich mit allen Mitteln wehren, Reformen zuzulassen, die an die Substanz des Staates gehen. Das ist die Lehre, die man aus dem Untergang der DDR gezogen hat.

Prof. Dr. Bernd Stöver lehrt am Historischen Institut der  Universität Potsdam