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Asien

Sri Lankas langer Weg zur Aussöhnung

2009 wurde in Sri Lanka ein 30-jähriger Bürgerkrieg gewaltsam beendet. Seitdem gab es soziale Fortschritte, aber die Regierung lässt die Minderheit der Tamilen spüren, dass sie die Besiegten sind.

Erbeuteter Panzer der Tamil Tigers am Elefantenpass (Foto: Monika Nutz) Sri Lanka, 2012

Die Panzer der Tamilentiger dienen nur mehr als Fotomotive

Das Leben kehrt zurück in den Norden von Sri Lanka. Nach 30 Jahren Bürgerkrieg zwischen den hinduistischen Tamilen und der buddhistischen Mehrheit der Singhalesen - mit bis zu 100.000 Toten und 300.000 Vertriebenen - schöpfen die Menschen allmählich wieder Hoffnung. Auf einer Dorfversammlung beratschlagen die Frauen darüber, welche Produkte auf dem Markt gefragt sind und wie die Transportwege verbessert werden können. Eine von ihnen ist Sulthakaren Santhakumary.

Die Mutter von vier Kindern war selbst noch ein Kind, als der Krieg begann. Vertreibung, Rückkehr, erneute Flucht, wechselnde Herrscher und stete Unsicherheit haben ihr Leben lange Zeit bestimmt. Doch sie hat allen Widerwärtigkeiten getrotzt. Wenn sie, ihre Familie und ihre Gemeinschaft wieder einmal zwischen die Fronten geraten waren, hat sie den anderen sogar Mut zugesprochen.

Die letzten zwei Jahre des Bürgerkriegs waren aber selbst für die 39-Jährige zu viel. Noch heute kann sie ihre Emotionen kaum beherrschen, wenn sie davon erzählt: "Wir waren mal wieder auf der Flucht und bekamen wir eine provisorische Unterkunft zugewiesen. Als ich eines Tages dabei war, für die ganze Familie Dal zu kochen, setzten Bombardierungen ein - sofort rannten wir in einen Bunker, um Schutz zu suchen", erzählt Sulthakaren Santhakumary. "Als wir zurückkehren konnten und ich nach dem Essen geschaut habe, fand ich darin abgerissene Gliedmaßen von Menschen, die nicht so viel Glück hatten wir wie. Es war schrecklich."

Neue Perspektiven

Sulthakaren Santhakumary bei der Inbetriebnahme einer neuen Wasserpunpe in Sri Lanka (Foto: Monika Nutz) Sri Lanka, 2012

Sulthakaren Santhakumary bei der Inbetriebnahme einer neuen Wasserpumpe auf ihrem Land im Norden Sri Lankas

Vor einem Jahr konnte sie in ihr Heimatdorf zurückkehren. Alles, was sie noch vorfand, waren drei Mangobäume. Der Rest war zerstört und ausgebrannt. Vordergründig ist inzwischen eine gewisse Normalität eingekehrt. Internationale Hilfswerke versorgten ihre Familie mit Baumaterialien für ein neues Haus sowie mit Saatgut. Heute bauen die Santhakumarys neben Mangos auch Zwiebeln, Chili, Bohnen und Kohl an. Das reicht nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern sie können auch Überschüsse auf dem Markt verkaufen. Und zum ersten Mal seit ihrer Kindheit lebt Sulthakaren Santhankumary nicht in einem Provisorium, das sie beim nächsten Waffengang hinter sich lassen muss.

2009 hatte die Regierung die sogenannten Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) endgültig besiegt und deren Traum von einem eigenen Tamilen-Staaten im Norden der Insel zerstört. Massiver internationaler Druck sorgte dafür, dass die Regierung das Bürgerkriegsgebiet für Hilfswerke öffnete und so eine humanitäre Katastrophe verhindert werden konnte.

Menschen wie Lakshi Abeyasekera ist es zu verdanken, dass die Zivilbevölkerung wieder eine Perspektive erhalten hat. Sie ist Singhalesin und Buddhistin, doch ihr Büro befindet sich an der Grenze zum ehemaligen Tiger-Territorium. Lakshi Abeyasekera hat über die Hälfte des Krieges nahe der Front verbracht. "Ich lebe hier seit ungefähr 18 Jahren und habe verschiedene Entwicklungen mitbekommen. Deshalb hat es mich persönlich überrascht, wie schnell der Aufbau vonstatten ging. Normalerweise hätte man die Menschen zunächst in provisorischen Lagern untergebracht, doch die Regierung hat von Anfang an darauf bestanden, permanente Häuser zu errichten."

Denkmäler für die Sieger

Plakat eines Soldat der Rgeierungstruppen, der mit seinem Leben einen Selbstmordanschlag der Tamil Tigers verhindert hat (Foto: Monika Nutz)

Heldenverehrung im Tamilengebiet. Der Soldat auf dem Plakat hat mit seinem Leben einen Selbstmordanschlag der LTTE verhindert

Tatsächlich boomt es im Norden. Neue Straßen werden gebaut, alte erweitert und imposante Gebäude entstehen aus den Ruinen. Dazwischen künden große Schautafeln in Singhalesisch, Tamilisch und häufig auch Englisch von der nationalen Versöhnung und dem Ende der Tiger, die in den Augen der Regierung nie etwas anderes als eine terroristische Vereinigung waren. Doch hinter der Fassade sieht es anders aus. Die Regierung weigert sich, Gräueltaten der Armee zu untersuchen; stattdessen errichtet sie monumentale Mahnmale, mit denen der Heldentaten der Soldaten gedacht wird. Die Tamilen empfinden das nicht als Beitrag zur Versöhnung, sondern als Demütigung.

Zudem befinden sich unter den Neubauten viele buddhistische Tempel, und die Regierung benutzt die Religion, um die Vorherrschaft der Singhalesen zu festigen. Der Buddhismus gilt weltweit als besonders friedfertige und tolerante Religion. In Sri Lanka hat er jedoch eine andere Ausprägung erfahren. Mönche haben die Militäraktionen mit all ihren Grausamkeiten als "humanitäre Kampagne" gepriesen und die verantwortlichen Offiziere gesegnet.

So sind die Signale an die Tamilen ambivalent. Ob mit den sozialen Errungenschaften am Ende deren Herzen gewonnen werden können, oder ob das buddhistische Vormachtstreben womöglich eine neue Generation von Tigern heranzieht, muss sich erst noch zeigen.

Autor: Klemens Ludwig
Redaktion: Hans Spross